Gehirntraining statt Ritalin

Von Anke Fossgreen. Aktualisiert am 10.03.2009
Nicht alle Eltern wollen ihren Kindern jahrelang Medikamente gegen ADHS geben. Darum entwickeln Wissenschaftler Alternativen wie Computertraining – noch sind nicht alle Methoden anerkannt.
Kinder, die eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) haben, können ihre Eltern oder Lehrer zur Verzweiflung treiben. «ADHS ist aber definitiv kein Erziehungsproblem, sondern eine Hirnfunktionsstörung», erklärt Daniel Brandeis vom Zentrum für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Zürich. Fachleute schätzen, dass drei bis fünf Prozent der Schulkinder von ADHS betroffen sind. Pro Klasse mit 30 Schülern ist statistisch mindestens einer darunter.

ADHS-Kinder sind zwar körperlich normal entwickelt und ebenso intelligent wie Gleichaltrige, doch ihr Gehirn zeigt einige Veränderungen. Im Vergleich zu nicht betroffenen Gleichaltrigen sind bei ihnen mehrere Hirnregionen kleiner und funktionieren oder entwickeln sich langsamer, beispielsweise der Frontallappen. «Diese Veränderungen sind jedoch nur im statistischen Mittel zu erkennen», so Brandeis. Die natürlichen Schwankungen in diesen Hirnregionen seien generell recht gross.

Das Dopaminsystem ist gestört

Zudem sind bei ADHS-Kindern bestimmte Stoffwechselwege im Gehirn beeinträchtigt. Beispielsweise ist das Dopaminsystem gestört. Der Botenstoff Dopamin leitet Signale von einer zur anderen Nervenzelle weiter. Bei ADHS-Kindern ist zu wenig davon vorhanden. Genau hier setzt die gängigste Behandlung durch Medikamente an. Der Wirkstoff Methyl-phenidat, bekannter unter dem Markennamen Ritalin, bewirkt, dass der Botenstoff Dopamin wieder in ausreichender Menge verfügbar ist. Die Kinder werden durch diese Amphetamin-ähnliche Substanz nicht ruhiggestellt, sondern im Gegenteil: Ihr Gehirn wird stimuliert, im Verhalten werden sie dadurch ausgeglichener.

«Medikamente wie Ritalin sind hochwirksam», sagt Brandeis. «Mehr als 70 Prozent der behandelten Kinder profitieren davon.» Doch welche Alternativen gibt es für ADHS-Kinder, die nicht auf Ritalin ansprechen oder deren Eltern ihnen nicht über Jahre Medikamente geben wollen? Derzeit werden Therapien entwickelt, die das Gehirn von ADHS-Kindern trainieren sollen. Dahinter steht die Erkenntnis, dass das Gehirn veränderbar ist.

Computerspiele fürs Gehirn

Eine Methode bezieht sich speziell auf das Arbeitsgedächtnis. Das ist der Kurzzeitspeicher, in dem Informationen wenige Sekunden lang aufgenommen werden. Wer zum Beispiel ins Nebenzimmer geht und vergisst, was er dort eigentlich wollte, den hat das Arbeitsgedächtnis im Stich gelassen. ADHS-Kinder haben generell ein Problem mit ihrem Arbeitsgedächtnis. Sie behalten deshalb schlechter, was die Lehrerin gerade von ihnen verlangt oder der Vater gefordert hat. Sie gelten als trotzig und widerspenstig, obwohl sie gar nicht im Gehirn verarbeitet haben, was sie jetzt tun sollen. Sobald Funktionen des Frontallappens oder des Dopaminsystems gestört sind, ist auch das Arbeitsgedächtnis beeinträchtigt.

Ein gezieltes Training zur Verbesserung des Arbeitsgedächtnisses hat Torkel Klingberg vom Karolinska-Institut in Stockholm entwickelt. Er konnte kürzlich zeigen, dass es möglich ist, mit diesem Training das Dopaminsystem im Gehirn zu beeinflussen – zunächst bei gesunden Erwachsenen («Science», Bd. 323, S. 800).

Klingberg hat sein Programm auch in Studien an ADHS-Kindern getestet. Die Ergebnisse sind vielversprechend. «Rund 80 Prozent der teilnehmenden Kinder profitierten von dem intensiven Training», so Klingberg. Wie bei einem Computerspiel sahen die Teilnehmer dabei beispielsweise aktive Vulkane. Sie mussten dann die Reihenfolge, wie die Vulkane ausgebrochen waren, durch Anklicken wiederholen.

Impulse besser unter Kontrolle

Das Ergebnis: Die eifrigen Testpersonen hatten sich nicht nur bei der Lösung der Aufgaben verbessert, sondern konnten später auch ihre Impulse besser kontrollieren. Das ist ein weiteres Symptom bei ADHS-Betroffenen, dass sie spontan handeln, ohne Alternativen abzuwägen. Auch beim logischen Denken hatten die Teilnehmer profitiert. Die Eltern schätzten anschliessend das Verhalten ihrer Kinder insgesamt positiver ein als vor der Behandlung. Die Lerneffekte hielten auch noch drei Monate nach dem Training an.

Dieses Arbeitsgedächtnistraining bietet die schwedische Firma Cogmed auch in der Schweiz an. Es sei die am besten untersuchte kognitive Trainingsmethode für Kinder, urteilt Klingberg, der die Firma mitbegründet hat. Unabhängig wissenschaftlich anerkannt ist diese Methode allerdings nicht. Noch liegen zu wenige Studien vor.

Gezielt die Aufmerksamkeit trainieren

Ute Strehl von der Universität Tübingen findet die Ergebnisse ihres schwedischen Kollegen interessant. Doch das Arbeitsgedächtnis sei bei ADHS-Kindern nur ein Teil des Problems, sagt die Psychologin. Sie arbeitet deshalb mit einer umfassender erforschten und bereits breiter angewendeten Trainingsmethode für das Gehirn, mit dem sogenannten Neurofeedback. Dabei lernen ADHS-Kinder bestimmte Gehirnfunktionen direkt zu steuern. Sie trainieren ihre Aufmerksamkeit.

Die Forscher messen mittels einer Art Badekappe, die mit Elektroden versehen ist, die Gehirnströme. Diese geben an, wie und welche Bereiche im Hirn gerade arbeiten. Das Muster der Gehirnströme weicht bei ADHS-Kindern ab. Mit dem Training sollen sie lernen, bestimmte Hirnregionen gezielt zu aktivieren. Nur wenn das gelingt, bekommen die Kinder eine positive Rückmeldung. Sie sehen auf dem Computerbildschirm allerdings nicht die Zacken ihrer Gehirnströme, sondern, etwa am unteren Bildrand, einen Ball liegen. Schaffen sie es, den Ball durch Konzentration nach oben zu bewegen, wird er rot, und ein Torwart im oberen Bereich des Bildschirms kann ihn halten.

«Kinder ab acht Jahren bekommen das ganz gut hin», sagt Strehl. Die Erfolge der Neurofeedback-Behandlung sind teils beachtlich. «Unsere Langzeituntersuchung hat gezeigt, dass zwei Jahre nach einer Neurofeedback-Therapie über die Hälfte der Kinder keine ADHS-Diagnose mehr hatte.» Das heisst, dass bei vielen Kindern mithilfe der Neurofeedback-Behandlung eine Heilung von ADHS möglich ist.

Aufmerksamer und ruhiger

Der Leiter einer aktuellen Neurofeedback-Studie dämpft hingegen zu hohe Erwartungen. Hartmut Heinrich von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg relativiert, eine Neurofeedback-Therapie könne voraussichtlich nur in Einzelfällen die medikamentöse Behandlung ersetzen. Er hat mit seinem Team eine Neurofeedback-Behandlung mit einem computergestützten Aufmerksamkeitstraining verglichen. Von insgesamt 102 Kindern im Alter von acht bis zwölf Jahren schnitt die Gruppe mit dem Neurofeedback-Training deutlich besser ab als die Vergleichsgruppe mit dem Aufmerksamkeitstraining. Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität gingen nach dem Neurofeedback-Training um bis zu 30 Prozent zurück («Journal of Child Psychology and Psychiatrie», online).

Die Zürcher Wissenschaftler um Daniel Brandeis und Renate Drechsler prüfen ebenfalls, wie wirksam die Neurofeedback-Behandlung ist. Sie suchen derzeit Freiwillige, die am Vergleich von drei verschiedenen Trainingsmethoden teilnehmen wollen. Brandeis gibt jedoch zu Bedenken: «Im besten Fall ist eine Neurofeedback-Behandlung so wirksam wie eine medikamentöse.» Dabei sei das Neurofeedback-Training sehr aufwendig und eigne sich nicht für alle Familien.

Erfolgversprechende Homöopathie

Eine weitere langwierige, aber beachtenswerte Methode ist die Homöopathie. Heiner Frei, Spezialarzt für Kinder und Jugendliche in Laupen bei Bern, behandelt ungefähr 600 Kinder, bei denen ADHS diagnostiziert wurde. «90 Prozent profitieren von einer homöopathischen Behandlung, etwa 10 Prozent brauchen Ritalin», schätzt Frei. In einer Langzeitstudie mit 62 Kindern hat er zusammen mit Kollegen am Inselspital Bern die Wirkung von individuell ausgewählten homöopathischen Arzneimitteln geprüft.

Nach fünf Jahren zeigte knapp die Hälfte, die fortgesetzt homöopathisch behandelt wurde, eine deutliche Verhaltensbesserung. 25 andere Kinder konnten die Therapie sogar absetzen. «Lediglich 7 Kinder mussten auf Ritalin wechseln», sagt Frei. Ritalin oder ähnliche Medikamente seien eine «Notfalltherapie», so der Kinderarzt. «Sie ist nötig, wenn ein betroffenes Kind kurz vor einem Schulverweis steht oder die Familie zu zerbrechen droht.»

Nachteilig an der Methode ist: «Bis sich deutliche Erfolge einstellen, kann es schon mal fünf Monate dauern», so Frei. Zudem sei ADHS für Homöopathen eine der schwierigsten Krankheiten zum Behandeln. Unter Schulmedizinern ist die homöopathische Therapie umstritten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.03.2009, 22:44 Uhr

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