Ein Denker, der die Zuspitzung liebte

Peter Blickle vermochte es, Studierende mit seiner fordernd fördernden Art für die Wissenschaft zu begeistern.

Peter Blickle war ein begeisterter Historiker.

Peter Blickle war ein begeisterter Historiker. Bild: zvg

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Peter Blickle hat durch innovative Lesarten des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit (1300–1800) etablierte Geschichtsvorstellungen herausgefordert. Seine vielfach übersetzten Werke haben ihn zu einem der Renommiertesten seines Fachs im deutschsprachigen und anglo-amerikanischen Raum gemacht. «Gemeinde, Reformation und Widerstand» lautete der Titel der Festschrift zu Blickles 60. Geburtstag 1998. Damit wurden die Zentrierungspunkte eines Forscherlebens bezeichnet, das sich in seltener konzeptioneller Kohärenz und eindrücklicher interpretatorischer Kreativität entfaltet hat.

Die frühen Qualifikationsschriften waren wichtige Beiträge zur Landesgeschichte Oberschwabens – Blickles Herkunftsregion, die für ihn zeitlebens nicht nur ein privilegierter Gegenstand der Forschung, sondern auch ein emotional aufgeladener Erinnerungsort bleiben sollte. Die Studie zum Deutschen Bauernkrieg von 1525, den Blickle als «Revolution des gemeinen Mannes» (1975) deutete, begründete den internationalen Ruf des jungen, 1972 an die Universität des Saarlandes berufenen Historikers. Dieser sorgte damals auch insofern für Aufsehen, als er ungeachtet der belasteten Beziehungen zwischen den beiden deutschen Staaten renommierte Historiker der DDR zum fachlichen Austausch in den Westen lud und einigen von ihnen im freundschaftlichen, wissenschaftlichen Gespräch verbunden blieb.

Ein neuer Blick auf die Moderne

Als Peter Blickle 1980 auf den Lehrstuhl für Neuere Geschichte an der Universität Bern berufen wurde, nahm ein junger, ungemein dynamischer Professor seine Arbeit am Historischen Institut auf. Mit seinen Pionierstudien zu den bäuerlichen Revolten im Alten Reich und seinem Essay «Deutsche Untertanen. Ein Widerspruch» (1981) faszinierte er die Studierenden, weil er energisch seine Stimme für eine Betrachtung der Geschichte «von unten» erhob.

Die Geschichtsforschung sollte die Bürger in den Städten und die Bauern auf dem Land als eigenständige politische Akteure ernst nehmen, weil sie nicht nur ihre Interessen auf vielfältige Weise und nicht eben selten im Protest und Widerstand artikulierten, sondern auch mit der Stadt- und Landgemeinde die kommunale Selbstverwaltung zu einer Einrichtung machten, die den Untergang Alteuropas um 1800 überdauerte und zum grundlegenden Baustein der staatlichen Ordnung in der Moderne werden sollte.

Während seiner 24-jährigen Lehr- und Forschungstätigkeit an der Universität Bern vermochte Blickle jene Studierenden und Doktoranden für die Wissenschaft zu begeistern, die sich durch seine fordernd fördernde Art angesprochen und herausgefordert fühlten und die einem Denker, der die thesenhafte Zuspitzung liebte, bisweilen auch selbstbewusst entgegentreten mochten. In der Berner Zeit hat er seine Vorstellung von der Gemeinde bzw. der Bewegung des «Kommunalismus» als einer formativen Grösse der vormodernen Herrschaft und Politik für wichtige Forschungsdiskussionen fruchtbar gemacht.

Im diesjährigen Reformationsjubiläum mag besonders in Erinnerung gerufen werden, dass Blickles These von der Reformation als einer von den Gemeinden getragenen, emanzipatorischen Bewegung («Gemeindereformation», 1985) die Reformationsforschung nachhaltig befruchtet hat. Seine Analyse der kommunalen Lebenswelten und politischen Vorstellungen des «gemeinen Mannes» mündete auch in den Vorschlag, die Geschichte der Genese der Menschenrechte und der Freiheit hinter die Aufklärung zurück zu den antifeudalen Bewegungen des Spätmittelalters und in die Reformationszeit zu verlängern.

Von der Zunft zutiefst irritiert

In seiner Schweizer Wahlheimat faszinierten ihn die spätmittelalterlichen Autonomie- und Kommunalisierungsprozesse in der Innerschweiz, in Graubünden und im Wallis, in denen er paradigmatische Beispiele eines Phänomens von europäischer Tragweite erblickte, das das Potenzial zu einer alternativen Entwicklung der Geschichte in sich barg. Allerdings hat ihn die Erfahrung zutiefst irritiert, dass im politisch belasteten Jubiläumsjahr 1991 in der Schweiz weder die Zunft der Historikerinnen und Historiker noch die Öffentlichkeit seine mit Begeisterung verfasste Darstellung der Anfänge der Eidgenossenschaft zur Kenntnis nehmen, geschweige denn kritisch diskutieren mochte. – Am 20. Februar 2017 ist Peter Blickle in Saarbrücken gestorben.

André Holenstein ist Professor am Historischen Institut der Universität Bern. (Der Bund)

Erstellt: 22.02.2017, 22:08 Uhr

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