Meinung

Von schönen Worten wird niemand satt

Von René Lenzin. Aktualisiert am 17.11.2009
René Lenzin.

René Lenzin.

Jeder sechste Mensch auf der Welt leidet Hunger. Und fast noch schlimmer: Die Zahl der unterernährten Menschen nimmt seit einigen Jahren nicht mehr ab, sondern zu. Die hohen Preise für Grundnahrungsmittel in den Jahren 2007 und 2008 sowie die anschliessende Finanz- und Wirtschaftskrise haben die prekäre Lage vieler Menschen noch verschärft. Um diese Entwicklung zu stoppen, hat die Uno-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) zum Gipfel geladen. Seit gestern tagen die Delegierten in Rom, unter ihnen rund 60 Staats- und Regierungschefs.

Zu Beginn der Konferenz witzelte Italiens Premierminister Silvio Berlusconi als Tagungsvorsitzender über die Redezeit für Ghadhafi, Mubarak und Co. Dann rühmte er den kürzlichen G-8-Gipfel von L'Aquila, der unter seiner Leitung 20 Milliarden Dollar für die Landwirtschaft gesprochen habe. Diese Äusserungen Berlusconis zeigen – im konkreten wie im übertragenen Sinn –, wie wenig ernst es den Grossen dieser Welt mit der Bekämpfung des Hungers ist.

FAO ist ineffizient

Mit Ausnahme von Gastgeber Berlusconi sind die Staats- und Regierungschefs der G-8 gar nicht nach Rom gekommen. Und was sie an ihrem letzten Treffen versprochen haben, dürfte sich als Mogelpackung herausstellen. Mit Ausnahme von Kanada habe bisher noch kein G-8-Staat die in Aussicht gestellten Beträge überwiesen, kritisieren Vertreter von Hilfsorganisationen. Und ein Teil des Gesamtbetrags sei sowieso nicht zusätzliche Hilfe, sondern aus andern Entwicklungshilfetöpfen abgezweigt. Sogar wenn die 20 Milliarden tatsächlich fliessen sollten, hätte die Hilfe für die Landwirtschaft der ärmsten Länder nicht einmal die Hälfte jenes Betrags erreicht, den FAO-Generaldirektor Jacques Diouf als nötig erachtet.

Allerdings werden Diouf und die FAO ihrem Ziel mit dem Gipfel kaum näher kommen. Die verabschiedete Deklaration listet Bekanntes auf und verzichtet auf die Forderung konkreter Beträge. Dieses magere Ergebnis passt zu einer Organisation, die als bürokratisch, ineffizient und dringend reformbedürftig gilt. Und zu ihrem Generaldirektor, dem wenig Innovationsfreude und zu viel Nähe zur Nahrungsmittelindustrie nachgesagt werden.

Trotz der berechtigten Kritik an der FAO griffe es jedoch zu kurz, der Organisation die alleinige Schuld für die Misere zu geben. Sie kann letztlich nicht mehr leisten, als ihr die Mitgliedsstaaten zugestehen. Zudem hat sie keinen Einfluss auf zahlreiche Entscheidungen, die grosse Auswirkungen auf die Landwirtschaft und damit auf die Ernährungssituation vieler Menschen haben. Zu denken ist etwa an Kredite der Weltbank oder an Beschlüsse der Welthandelsorganisation (WTO) zu Exportsubventionen und Importrestriktionen.

Rasch handeln

Wohl aus dieser Einsicht heraus hat Uno-Generalsekretär Ban Ki-moon ein Komitee für Ernährungssicherheit ins Leben gerufen, welches den Kampf gegen die Lebensmittelkrise koordinieren soll. Ihm gehören das Uno-Generalsekretariat, die Weltbank, die WTO und 15 weitere internationale Organisationen an. Es bleibt nur zu hoffen, dass dieses Gremium tatsächlich etwas zu bewegen vermag und nicht einfach zu einem weiteren bürokratischen Wasserkopf verkommt.

Will die internationale Staatengemeinschaft nicht zusehen, wie täglich mehr Menschen an Hunger leiden oder gar sterben, muss sie rasch und entschieden handeln. Gefordert sind dabei in erster Linie die reichen Industriestaaten, welche die versprochene Hilfe auch tatsächlich leisten sowie die Exportsubventionen und Importbeschränkungen zugunsten ihrer eigenen Nahrungsmittelproduzenten endlich abbauen sollten.

Zur Vernunft zu bringen sind aber auch Despoten wie Zimbabwes Robert Mugabe oder Nordkoreas Kim Jong-il, deren verheerende Politik die Bevölkerung ihrer Länder buchstäblich aushungert. Von schönen Worten allein wird zwar kein hungernder Mensch satt. Wenn die FAO aber schon nicht willens oder in der Lage ist, die Hungerkrise auch wirklich zu bekämpfen, hätte sie an ihrem Gipfel wenigstens die Verantwortlichen klarer bezeichnen können. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.11.2009, 04:00 Uhr

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