Meinung

So wird der Rechtsstaat zur Farce

Von René Lenzin. Aktualisiert am 13.11.2010 3 Kommentare

René Lenzin

Umfrage

Teilen Sie die Meinung des Autoren?




Das traurige Schauspiel um die mutmasslichen Vergehen des früheren Privatbankiers Oskar Holenweger ist um ein paar trübe Kapitel reicher. Die Strafkammer und die Beschwerdekammer des Bundesstrafgerichts streiten darüber, ob die Akten über den Einsatz eines fragwürdigen Informanten zum Prozess gegen Holenweger zuzulassen sind.

Die Bundeskriminalpolizei übergibt diese Akten unaufgefordert an die Beschwerdekammer und signalisiert damit, dass sie mit dieser «heissen Kartoffel» am liebsten gar nichts mehr zu tun hätte. Und schliesslich gelingt es dem Bundesstrafgericht nicht, die anonyme Befragung eines verdeckten Ermittlers fristgerecht zu organisieren. Mit der Folge, dass das Gericht den für diese Woche geplanten Prozess verschieben musste. Nun soll er im ersten Quartal 2011 beginnen.

In einem Verfahren, das schon beinahe ein Jahrzehnt dauert, kommt es auf diese zwei, drei Monate auch nicht mehr an, könnte man sagen. Aber das ist gleich doppelt falsch. Die Verzögerung führt zum einen dazu, dass das Gericht Holenweger wegen Verjährung freisprechen müsste, falls es ihn der einfachen Geldwäscherei für schuldig befände. Zum andern ist in diesem Fall schon so viel schiefgelaufen, dass jede weitere Panne den Rechtsstaat vollständig zur Farce macht.

Es ist schon schlimm genug, dass der Fall Holenweger-Ramos zum Abgang von Bundesanwalt Valentin Roschacher geführt und zur Abwahl von Justizminister Christoph Blocher beigetragen hat. Schier unerträglich ist jedoch, dass ein Verdächtiger fast acht Jahre nach seiner Verhaftung noch immer auf den Prozess wartet. Und sich mit einer Anklage konfrontiert sieht, die praktisch nichts mehr mit dem ursprünglich gegen ihn geäusserten Verdacht zu tun hat.

Hat Oskar Holenweger Drogengeld gewaschen oder schwarze Kassen für den Alstomkonzern geführt? Fast wäre man geneigt zu sagen, dass das irgendwie überhaupt keine Rolle mehr spielt. Und dass Holenweger allein schon deshalb freizusprechen ist, weil ihm der vermeintliche Rechtsstaat unabhängig von Schuld oder Unschuld schon genug Unrecht angetan hat. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.11.2010, 21:36 Uhr

Kommentar schreiben







 Ausland





Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

3 Kommentare

Heiner Müller

14.11.2010, 23:24 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Genau das beschriebene Verhalten ist es, das Hass auf "den Staat" produziert und das Vertrauen in Behörden vernichtet. Leider ist das diesen Behörden egal. Würden die zuständigen Aufsichtsbehörden etwas taugen, hätten sie die verantwortlichen Personen schon längst aus ihrem Amt entfernt. Antworten


Peter Paul Hasenfratz

15.11.2010, 04:52 Uhr
Melden

Leider gibt es in unserem Land, wo sonst alles kontrolliert wird, keine unabhängige Kontrolle über die Justiz. Die logische Konsequenz aus diesem gravierenden Mangel, sind Fälle wie Holenweger und viele mehr über die sich die Gerichte ausschweigen. Der Rechtsstaat beweist sein funktionieren im Einzelfall, wird er diesem Anspruch nicht gerecht, betreibt er Etikettenschwindel. Antworten



Gratis ePaper für «Bund»-Abonnenten

Telefonbuch

Marktplatz

Immobilien

Marktplatz
Wohnung/Haus suchen

Weitere Immo-Links
homegate TV
Hypotheken vergleichen
Umzug
Immobilie inserieren
Inserat erfassen
Grillsaison
homegate Besser grillieren mit unseren Experten-Tipps Mehr

In Partnerschaft mit:

Homegate

DIE AGENDA

Informieren Sie sich über aktuelle Kulturveranstaltungen in der Stadt und Umgebung.

Online-Wettbewerb

Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!

Remund führend in Werbetechnik

Kein Wunsch zu aufwendig, kein Format zu gross - Remund Werbetechnik löst jede Aufgabe mit modernster Technik.