Sie sind alle so matt
Jean-Martin Büttner.
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«Sie verurteilten mich zu zwanzig Jahren Langeweile», hat Leonard Cohen einmal gesungen, «weil ich das System von innen ändern wollte.» Bei uns wird man nicht verurteilt, man wird Bundesrat, und die Langeweile ist keine Strafe, sondern eine Voraussetzung. Wer zu laut wird oder zu frech, bekommt Probleme. Stillhalten lohnt sich meistens mehr.
Deshalb konnten Typen wie Joseph Deiss oder Samuel Schmid so lange lautlos gleitend mitregieren, bis ihr Zaudern endlich zu reden gab. Deshalb sorgten Pascal Couchepin und Christoph Blocher schon bald für Mais, den sie zwar genossen, ausser ihnen aber keiner der Kollegen. Auf Blocher folgte Eveline Widmer-Schlumpf, eine Technokratin ohne jedes Charisma. Und nach Couchepin kam Didier Burkhalter, der so still geschäftet, dass man ihn immer wieder vergisst.
Nach der Aufregung der letzten Jahre also wieder kollektives Stillhalten. Es bestimmt auch den laufenden Wahlkampf: von Kampf keine Rede. Was haben wir denn Aufregendes erfahren über die fünf Kandidatinnen und Kandidaten? Welche ihrer Auftritte bleiben in Erinnerung? Wie hart gingen sie aufeinander los? Wie witzig oder listig konterten sie die Kritik? In einem Satz: Mit wie viel Leidenschaft kämpften sie ums Amt?
Die Fragen bleiben rhetorisch, weil ohne interessante Antworten. Simonetta Sommarugas einziger Fehler bestand darin, keinen Fehler zu machen; das könnte sie die Wahl kosten. Karin Keller-Sutter hatte Mühe mit Kritik, aber keine Mühe, sich als strebsame Politikerin mehrsprachig zu empfehlen. Jacqueline Fehr bot sich etwas zu offensichtlich als Arbeiterkind dar, um von ihrem Vermögen abzulenken. Doch passt Ersteres zur Herkunft ihrer Partei und gab Letzteres auch nicht so viel zu reden. Johann Schneider-Ammann machte mit seinem gestanzten Chefvokabular vor allem müde. Nicht einmal Jean-François Rime von der SVP mochte seine Höflichkeit ablegen, wenn er etwas oder jemanden kritisierte. Dabei ist er Kampfkandidat einer nicht auszuhalten. Dabei geht es hier um einiges. Der Bundesrat hat in den letzten Jahren schlecht regiert, das müssen die Neuen korrigieren. Vor allem bestimmt die Wahl der nächsten Woche den Wahlkampf des nächsten Jahres. Hält sich die SP an die Absprache mit der FDP, droht beiden ein Empörungswahlkampf der SVP. Hilft die SP aber der SVP, macht sie sich den Freisinn zum Feind statt nur zum Gegner.
Davon hat man in den letzten Wochen zwar einiges gelesen, aber wenig gespürt, am wenigsten bei den Kandidierenden selber. Nun gilt die Langeweile als Garantin der Stabilität. Und was diese wert ist, zeigen die Operettenpolitiker in Frankreich und Italien, die mediale Skandalbewirtschaftung in Grossbritannien, die fatalen Folgen der amerikanischen Umfragedemokratie.
Aber die Schweiz ist stabil genug; sie kann es verkraften, wenn sich Kandidaten nicht schon vor der Wahl aufführen wie danach. Für Langeweile bleibt noch genügend Zeit – bis zum Rücktritt. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 17.09.2010, 22:39 Uhr
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