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Rapporte von einem Krieg ohne Aussicht

Von Walter Niederberger. Aktualisiert am 27.07.2010

Walter Niederberger.

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Die schiere Fülle der von Wikileaks veröffentlichten Berichte vom Afghanistankrieg täuscht. Sie öffnen keine Innensicht in die Struktur der afghanischen Taliban, des pakistanischen Geheimdienstes und der Regierungen beider Länder, die entscheidend über das seit langem Bekannte hinausreichen. Was die Berichte jedoch vermitteln, ist das Bild eines Krieges, der – nach fast neun Jahren – aussichtsloser erscheint denn je. Dafür sollte die Regierung Obama eigentlich dankbar sein, es erleichtert die überfällige innenpolitische Debatte über die Rolle in Afghanistan und Pakistan.

Die 92'000 Dokumente aus dem Kriegsgebiet sind nicht mit den Pentagon-Papieren vergleichbar, die das Ende des Vietnamkriegs einleiteten. Verfasst wurden die Berichte von untergeordneten Nachrichtendienstlern. Sie meldeten ungefiltert weiter, was sie auf dem Gefechtsfeld sahen oder auch nur gehört haben wollen. Neben brutal-deutlichen Augenzeugenberichten finden sich Gerüchte, Falschmeldungen und eine Menge «Bullshit», wie ein US-Nachrichtenoffizier der britischen Zeitung «Guardian» sagte. Die einzige neue Erkenntnis betrifft bisher moderne Boden-Luft-Lenkwaffen, die – entgegen den Beteuerungen der US-Streitkräfte – in die Hände der Taliban gelangt sind und gegen Helikopter eingesetzt werden.

Noch ist unklar, ob politisch brisantes Material bei Wikileaks gelandet ist, da die Enthüllungsfirma auf Wunsch des Weissen Hauses 15'000 von 92'000 Papieren zurückhält. Sicher ist aber, dass die US-Regierung in einen echten Erklärungsnotstand gerät. Die Spannungen zwischen Präsident Obama und seinem Vize Joe Biden über Sinn und Zweck des Afghanistankriegs dürften erneut aufbrechen und den demokratischen Kongress zum Überdenken des Militäreinsatzes zwingen. Im Oktober 2001 waren amerikanische und britische Truppen mit dem Schlachtruf «Enduring Freedom» in Afghanistan einmarschiert.

Die Hoffnung auf einen dauerhaften Frieden ist mit diesen Frontberichten – für die ganze Welt sichtbar – dahin. Die Amerikaner sind nicht die Ersten, die in Afghanistan zurück auf den Boden der brutalen Realität geholt werden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.07.2010, 21:07 Uhr

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