Meinung

Im Zweifelsfall vors Volk

Von Patrick Feuz. Aktualisiert am 10.12.2009 1 Kommentar

Politiker liebäugeln damit, die extreme SVP-Initiative für die «Ausschaffung krimineller Ausländer» nicht vors Volk zu bringen. Streng genommen, verstösst die Initiative gegen zwingendes Völkerrecht, denn Straftäter müssten sogar in Länder zurückgeschafft werden, wo ihnen Folter und andere Grausamkeiten drohen. Doch wer ausgerechnet jetzt die von 230'000 Personen in Rekordzeit unterzeichnete und vom Bundesrat für gültig erklärte Initiative stoppen will, riskiert enormen politischen Schaden. Weite Teile der Bevölkerung müssten denken, dass ihnen die Politik nach dem Minarettverbot das Vertrauen entzogen hat – und ein ähnlich unliebsames Anliegen elegant unter den Teppich kehren will.

Der öffentliche Druck für «Lösungen» gegen Ausländerkriminalität ist gross. Die Politik muss dem Rechnung tragen. Dazu gehört auch, unverhältnismässige Begehren wie die Ausschaffungsinitiative vors Volk zu bringen. Jeder Abstimmungskampf bietet immer auch Gelegenheit, Dampf abzulassen, der sich andernfalls zu gefährlichem Überdruck stauen könnte. Die Grenze zwischen zulässigen und unzulässigen Kollisionen mit übergeordnetem Recht ist juristisch nicht klar zu ziehen. Verschiedene Gremien sind in der Vergangenheit schon daran gescheitert.

Natürlich braucht die direkte Demokratie Grenzen. Aber nicht in Form häufigerer Abstimmungsverbote. Die Politik muss jedoch dem Stimmvolk künftig vor der Abstimmung viel deutlicher sagen, wie weit eine Initiative überhaupt umsetzbar ist. Initiativen geben eine Stossrichtung vor und sind dazu da, ihren Gegnern weitgehende Zugeständnisse abzuringen – aber ein Recht auf totale Verwirklichung eines Volksbegehrens gibt es nicht. Die Alpenschutzinitiative wurde bis heute auch nicht vollständig umgesetzt.

Für Juristen mag es unerträglich sein, wenn in der Verfassung Dinge stehen, die nicht gelten. Aber die Politik lebt nicht von der reinen juristischen Lehre. Schon heute ist also klar: Die Schweiz darf nie konsequent alle straffällig gewordenen Ausländer ausschaffen – selbst wenn das Volk die SVP-Initiative annehmen sollte.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.12.2009, 06:16 Uhr

Kommentar schreiben







 Ausland





Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

1 Kommentar

Alessandra Willi

10.12.2009, 10:00 Uhr
Melden

Ich finde, es eine Scheindemokratie die wir hier wahren wenn diese Initiative vors Volk kommt. Die Minarett- und die Verwahrungsinitiative sind die besten Beispiele. Wir stimmen über ein Thema ab, dass nicht umsetzbar ist? Das ist eine Veräppelung für das Volk. Für die Ausschaffungsinitiative soll die Bundesversammlung einen umsetzbaren Gegenvorschlag ausarbeiten über diesen soll abgestimmt werden Antworten



Gratis ePaper für «Bund»-Abonnenten

Telefonbuch

Marktplatz

Immobilien

Marktplatz
Wohnung/Haus suchen

Weitere Immo-Links
homegate TV
Hypotheken vergleichen
Umzug
Immobilie inserieren
Inserat erfassen
Grillsaison
homegate Besser grillieren mit unseren Experten-Tipps Mehr

In Partnerschaft mit:

Homegate

DIE AGENDA

Informieren Sie sich über aktuelle Kulturveranstaltungen in der Stadt und Umgebung.

Online-Wettbewerb

Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!

Remund führend in Werbetechnik

Kein Wunsch zu aufwendig, kein Format zu gross - Remund Werbetechnik löst jede Aufgabe mit modernster Technik.