Feuerprobe für die EU
Von Ralph Schulze. Aktualisiert am 19.01.2010 2 Kommentare
Ralph Schulze.
Und es gibt sie doch. Spät – hoffentlich nicht zu spät – hat die Europäische Union nach der Erdbebenkatastrophe in Haiti ihre Stimme wiedergefunden: Am Montag hat die EU mehr als 400 Millionen Euro für humanitäre und Wiederaufbauhilfe gesprochen. Zudem sollen EU-Polizisten die Sicherheit der ausländischen Helfer und der Haitianer gewährleisten helfen.
Sechs Tage haben die 27 Mitgliedsstaaten der EU gebraucht, um nach einer der schlimmsten Tragödien der letzten Jahrzehnte sichtbar Flagge zu zeigen und eine gemeinsame Hilfsstrategie und ein einheitliches Krisenmanagement zu entwickeln. Das ist nicht gerade ein guter Start für die neue EU-Spitze unter der Führung des ständigen Ratsvorsitzenden Van Rompuy, der EU-Aussenministerin Ashton und Spaniens turnusmässigem Ratspräsidenten Zapatero.
Dabei muss die EU mit der Bewältigung der Erdbebenkatastrophe endlich unter Beweis stellen, dass sie mehr ist als ein zahnloser Papiertiger. An Hilfsbereitschaft aus Europa mangelte es ja von Anfang an nicht. Viele europäische Regierungen und Hilfsorganisationen schickten auf eigene Faust Rettungsteams und Flugzeuge voller Hilfsgüter: diskret, schnell und meist ohne medienwirksame Ansprachen.
Dabei hätten ein paar starke Worte eines starken Europa nicht geschadet, um frühzeitig zu versichern, dass nicht nur die USA entschlossen sind, Haiti und den Haitianern in diesem Drama beizustehen. Dass nicht nur US-Präsident Obama mit seiner gigantischen Militärmaschinerie gekommen ist, um zu retten, was zu retten ist. Die Europäer haben es verpasst, klarzumachen, dass auch sie helfen, die bitter notwendige Sicherheit zu gewährleisten und aus den Ruinen ein neues Land wachsen zu lassen.
Dabei muss sich Europa mit seinem grosszügigen Hilfsengagement keineswegs hinter den USA verstecken. Ganz im Gegenteil. Die Europäer zählten schon vor der Erdbebenkatastrophe zu den grössten Gebern von Hilfsgeldern für Aufbau und Entwicklung des immer wieder von Hurrikans getroffenen Haiti. Und auch dieses Mal werden sich die Haitianer auf die europäische Solidarität zweifellos verlassen können. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 19.01.2010, 04:00 Uhr
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