Die Gräben werden noch tiefer
Von René Lenzin. Aktualisiert am 15.12.2009 1 Kommentar
René Lenzin.
Nach allen bisherigen Erkenntnissen ist der 42-jährige Mann, der Italiens Premier Silvio Berlusconi am Sonntagabend angegriffen hat, ein Einzeltäter mit psychischen Problemen. Er hat mit einem Souvenir in Form des Mailänder Doms nach Berlusconi geworfen und hätte den Regierungschef durchaus schwerer verletzen können.
Der Angriff stellt ein schlechtes Zeugnis für Berlusconis Leibwache aus. 20 Mann haben den Premier unmittelbar gesichert, rund 100 waren insgesamt zum Schutz aufgeboten. Auch wenn das Bad in der Menge das Horrorszenario aller Leibwächter ist – eine professionelle Garde sollte in der Lage sein, einen solchen Angriff zu verhindern. Doch die Leistung der Leibwächter war den italienischen Medien kaum eine Zeile wert. Lieber spekulierten sie über das Motiv des Angreifers und berichteten über die politischen Reaktionen auf die Attacke.
In den Verhören soll der Angreifer auch politische Motive für seine Tat angeben haben. Er hasse Berlusconi, habe er gesagt. Es wird sich weisen müssen, ob die Tat auf persönliche Probleme zurückzuführen ist oder doch politisch motiviert war. Unabhängig davon ist jedoch besorgniserregend, dass solche Angriffe auf gewählte Politiker überhaupt passieren.
Allerdings können sie im heutigen Italien kaum erstaunen. Wer vorgestern auf der Piazza del Duomo in Mailand stand, spürte, wie das Land in zwei Lager gespalten ist und wie die Gräben zwischen diesen Lagern immer tiefer werden. Hier die Fans von Berlusconi, die den Regierungschef wie einen Popstar verehren, an seinen Lippen hängen, wenn er spricht, und ihm tatsächlich glauben, dass die angeblich linke Justiz ihn von der Macht putschen will. Dort die Gegner, die Berlusconi mit Pfiffen am Reden hindern wollen und im Premier das Böse schlechthin und das einzige Übel des Landes sehen.
Alle Parteien verurteilen Angriff
Die Parteien von links bis rechts haben den Angriff auf Berlusconi einhellig verurteilt. Allerdings scheinen sie nicht bereit zu sein, Lehren aus dem Vorfall zu ziehen. Das zeigt nur schon das Vokabular ihrer Reaktionen. Umberto Bossi von der Lega Nord bezeichnete den Angreifer als Terroristen. Antonio di Pietro von der oppositionellen L'Italia dei Valori unterstellte Berlusconi, solche Vorfälle selbst zu provozieren. Quasi untergegangen sind die mahnenden Worte von Staatspräsident Giorgio Napolitano, doch jetzt endlich den Tonfall zu mässigen und zu einem zivilisierten Wettstreit der politischen Ideen zurückzukehren.
Leider dürfte das Wunschdenken bleiben. Noch dominieren in allen politischen Lagern jene Kräfte, die primär von der Konfrontation und von der Ausgrenzung leben. Die gemässigte Linke ist zu schwach und zu sehr mit sich selber beschäftigt, um ernsthaft an einen baldigen Wahlerfolg glauben zu können. In der gemässigten Rechten wird zwar heftig über neue Allianzen spekuliert, aber vorläufig wagt noch niemand den offenen Bruch mit Berlusconi. Zu gering erscheinen die Erfolgsaussichten eines solchen Schritts. Zumal nach dem sonntäglichen Angriff, der die ohnehin schon grosse Beliebtheit des Regierungschefs noch weiter gesteigert haben dürfte. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 15.12.2009, 06:23 Uhr
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Dieses "Attentat" ist ein Zeichen der Ohnmacht des kleinen Bürgers gegen die grossen Politiker. Der kleine Bürger stammpelt und bleibt doch immer am gleichen Fleck. Hoffentlich nehmen unsere Politiker die Gefahr einer Eskalation der Gewalt auf diese Art auch wahr und verlassen einmal ihren Elfenbeinturm um sich in den Niederungen der Sorgen der Normalsterblichen umzuhören. Vielleicht hilft's. Antworten
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