Brillanter Jurist mit Hang zur Besserwisserei
Von Bruno Schletti. Aktualisiert am 08.03.2010
Bruno Schletti.
Vermutlich rätselt Credit-Suisse-Mann Urs Rohner noch immer, ob er sich über die Verhaftung des Filmemachers Roman Polanski freuen oder ärgern soll. Das Nicht-Erscheinen des Stargastes hat zwar dem Zurich Film Festival und seiner Kodirektorin Nadja Schildknecht weltweit zu Schlagzeilen verholfen. Ob der zwiespältige Anlass dem Festival-Hauptsponsor Credit Suisse mehr nützt als schadet, ist aber schwer abzuschätzen. Dem Ex-Model Schildknecht kann der Rummel hingegen nur Recht sein. Und das freut bestimmt auch Lebenspartner Rohner.
Ob die Verbandelung der Grossbank mit dem Festival auch klug ist, wenn der Verwaltungsrats-Vize mit der Kodirektorin Tisch und Bett teilt, ist eine andere Frage. Es zeugt jedenfalls nicht von besonderem Fingerspitzengefühl, entsteht doch der Eindruck, dass nur die richtigen Beziehungen in die Credit Suisse haben muss, wer an der sprudelnden Geldquelle teilhaben will.
Beziehungen, Beziehungsnetz sind Stichwörter, die fast jeder fallen lässt, den man auf Rohner anspricht. Der 50-Jährige gilt als begnadeter Networker, der seine steile Karriere auch seinen Kontakten mit den richtigen Leuten verdankt. Er gilt als Ziehsohn von Walter Kielholz, der im Frühjahr das CS-Präsidium an Hans-Ulrich Doerig abgab. Abgeben musste, da nicht nur die Credit Suisse, sondern auch der Rückversicherer Swiss Re – bei beiden Finanzkonzernen sitzt Kielholz in führenden Positionen – in die Turbulenzen der Krise geraten waren. 2004 holte Kielholz Rohner als Chefjurist in die CS. Im Frühling brachte er ihn als Vize des Verwaltungsrats in Stellung. Gestern gab die Bank bekannt, dass der Vize 2011 den heutigen Präsidenten Doerig beerben soll.
Rohner nur als Beziehungskünstler zu etikettieren, wäre allerdings völlig verfehlt. Er gilt als blitzgescheit. In jungen Jahren hat er eine Anwaltskarriere inklusive New Yorker Anwaltspatent hingelegt, von der andere nur träumen. Im Jahr 2000 verblüffte er mit dem Sprung an die Spitze der Prosieben Media in München, wo er eine andere Seite ausleben konnte: die des Filmliebhabers. Polanski lässt grüssen.
Dass ein Mann mit einer solchen Karriere, ein Mann auch, der zweimal Schweizer Meister im Hürdenlauf war, ehrgeizig ist, versteht sich. «Er weiss immer alles ein wenig besser», meint ein Manager. «Er ist nicht wirklich kollegial», sagt ein Weggefährte. «Seine recht sichtbare Unbescheidenheit ist eines seiner Hauptprobleme», formuliert ein Dritter. Das andere Handicap Rohners sei, dass er keine Fronterfahrung als Banker mitbringe.
Rohner wird als guter Kommunikator geschildert. Richtig ist, dass er den Anwalt nicht ablegen kann. Er doziert immer, als würde er in einem Gerichtssaal plädieren. Er redet lange, oft langfädig und will überzeugen. «Er lässt einen nicht zu Wort kommen», sagt ein Beobachter. «Er hört nicht zu, sondern erwartet, dass zugehört wird», meint ein anderer.
Auch im Umgang mit den Opfern des Lehman-Konkurses gelang es Rohner nicht, seine Juristenhaut abzulegen. Er gab sich kompromisslos, beharrte auf der vermeintlichen Unschuld der CS-Berater und verkalkulierte sich damit mehrfach. Zunächst musste die Bank mit einer ersten Entschädigungstranche von 100 Millionen Franken einschwenken. Später schob sie unter dem öffentlichen Druck zusätzlich 50 Millionen nach. Und noch immer wird hinter den Kulissen um Entschädigungen gerungen, obwohl Rohner die Lehman-Akte schon längst als abgeschlossen erklärt hat. Rohner weiss viel, das meiste besser und macht gerade deshalb immer wieder Fehler. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 08.03.2010, 17:19 Uhr
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