Wie Julian Assange sich selbst ins Dilemma bringt

Mit seinem Verhalten untergräbt der Gründer der Plattform seine eigenen Anliegen. Meint der «Tages-Anzeiger»-Korrespondent Walter Niederberger.

International ausgeschrieben: Julian Assange wird von Interpol gesucht.

International ausgeschrieben: Julian Assange wird von Interpol gesucht. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wikileaks ist eine wertvolle und nötige Organisation. Dank den rund 500 Depeschen, die bisher aus dem Innern der amerikanischen Diplomatie nach aussen drangen, wissen wir deutlich mehr über die komplexen Aussenbeziehungen der USA. So können wir uns die Scharnierfunktion Saudiarabiens im Mittleren Osten besser erklären. Wir wissen um den bedenklich wackelnden Zustand Nordkoreas. Und besser als bis anhin erkennen wir, warum China die Rolle des Vermittlers nur bedingt wahrnehmen kann. Dass die afghanische Regierung bis ins Mark korrupt ist, ist eher Allgemeingut. Die Depeschen erhellen immerhin, wie stark angefault die Länder sind und mit welch unzuverlässigen Figuren sich die US-Aussenpolitik herumschlagen muss.

Was Wikileaks nicht leisten kann, ist das Einordnen dieser Fragmente und das Zusammenfügen zu einem Gesamtbild. Das tut auf der einen Seite das US-Aussenministerium und die Regierung – anderseits tun dies die Medien. Entgegen dem, was Julian Assange behauptet, fehlt Wikileaks nicht nur die Kompetenz. Es fehlt noch mehr die Vertrauensbasis, die jedes Medienunternehmen über Jahre hinweg aufbauen muss und für die es öffentlich belangt werden kann.

Wikileaks kann juristisch nicht haftbar gemacht werden, weil es extraterritorial arbeitet. Wenn eine Regierung gegen die Website vorgehen will, wie diese Woche geschehen, so kann sie dies nur über Zwangsmassnahmen. Wikileaks muss keine Gegendarstellungen einrücken und sich keiner Konkurrenz stellen. Julian Assange reagiert vielmehr äusserst gereizt, wenn ein britischer Ex-Diplomat fragt, ob er die Verantwortung übernehmen würde, sollte die Diplomatie aus Angst vor Lecks versagen und ein Konflikt eskalieren.

Informationen sind gefiltert

Doch so sicher der australische Ex-Hacker auftritt, ist er sich offenbar nicht. Diese Woche etwa schlüpfte er plötzlich in die Rolle des politischen Kommentators, als er den Rücktritt von Aussenministerin Clinton forderte. Das Vermischen von politischem Eifer und dem Betrieb einer neutralen Plattform im Dienste einer «reinen Transparenz», bringt Wikileaks in ein Dilemma.

Die Doppelfunktion zwingt Assange, immer mehr Filter zu akzeptieren, die sein Anliegen untergraben. Als Erstes wirkt der Filter jener Person, die das Material entwendet. Im Fall der diplomatischen Post und der Kriegsprotokolle ist dies wahrscheinlich der untergeordnete Nachrichtendienst-Soldat Manning. Welche Dokumente hat er heruntergeladen, und wie viele hat er an Wikileaks weitergereicht? Der zweite Filter ist Assange selber. Er sichtet die Dokumente und gibt sie bruchstückweise frei. Nach welchen Kriterien? Schliesslich der Filter der fünf vorab informierten Medienunternehmen: Wir wissen, dass der «Guardian» das Material als Erster erhielt und an die «New York Times» weiterreichte, um einem britischen Publikationsverbot zuvorzukommen. Welchen Einfluss aber hat das US-Aussenministerium bei der Auswahl der Depeschen genommen? Welche Quellen wurden gestrichen und warum? Solche Unsicherheiten erlauben es etwa Wladimir Putin, die ihn belastenden Depeschen beiseitezuschieben und zu unterstellen, möglicherweise hätten die USA Dokumente bei Wikileaks eingeschleust, um Russland zu diskreditieren.

Die grosse Ironie der Wiki-Lecks ist damit angedeutet: Sämtliche Dokumente, die eine breitere Beachtung fanden, stammen aus amerikanischen Quellen. Von jener Regierung also, die durch weitreichende Mediengesetze zu einer grösseren Transparenz verpflichtet ist als jede andere. Die USA stehen nun vor der Frage, wie weit die Information im Zeitalter des Internets noch gehen darf. Diese Aufgabe ist nicht leicht – gerade weil die Regierung Obama mehr Transparenz versprochen hat. Je verschlossener Assange selber ist, desto weniger klar ist, was genau er mit der willkürlichen Auswahl der Depeschen will. Und desto leichter macht er es den Gegnern – deren Zahl diese Woche nicht kleiner geworden ist.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.12.2010, 16:56 Uhr

«Die Doppelfunktion zwingt Assange, immer mehr Filter zu akzeptieren, die sein Anliegen untergraben»: Walter Niederberger.

Artikel zum Thema

Wikileaks Drähte in die Schweiz

Julian Assange betreibt seine Website laut einem Zeitungsbericht mit fachkundiger Hilfe aus der Schweiz. Zwei Partner und Berater hat er hier im Lande. Mehr...

Assange wegen Bagatelle nicht verhaftet

Die britische Polizei weiss, wo sich Julian Assange aufhält. Der weltweit gesuchte Wikileaks-Gründer konnte trotzdem nicht verhaftet werden. Mehr...

Journalisten werfen den USA Intoleranz vor

Die Internationale Journalisten-Föderation (IFJ) hat die Reaktion der USA auf die Enthüllungen von Wikileaks scharf kritisiert. Besonders in einem Punkt verteidigt sie das Vorgehen von Julian Assange. Mehr...

Kommentare

Die Welt in Bildern

Nationalstolz: Eine Büste des Real-Madrid-Spielers Cristiano Ronaldo schmückt den Flughafen in Funchal auf der Insel Madeira, Portugal. Es gibt aber auch Stimmen, die das Kunstwerk recht missraten finden. Nach dem Gewinn der Europameisterschaften 2016 wird der Flughafen neu nach dem Weltfussballer benannt (29. März 2017).
(Bild: Rafaele Marchante) Mehr...