Fragwürdige Härte

Das Urteil im Münchner Schlägerprozess nützt den Opfern wenig und schreckt nicht ab. Stattdessen hätten die Schüler für frühere Taten bereits viel härter bestraft werden müssen, findet Reporter Simon Eppenberger.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Zwischen knapp drei und sieben Jahren müssen die Prügelschüler aus dem Kanton Zürich für ihre brutalen Attacken absitzen. Das scheint ob der sinnlosen Taten gerechtfertigt. Insbesondere im Fall des lebensgefährlich verletzten Kaufmanns, der noch heute unter den Folgen des Angriffs leidet, wie der Gerichtssprecher heute in München sagte.

Doch insbesondere die langen Strafen von knapp fünf Jahren für Benji D. und sieben Jahren für den Haupttäter Mike B. sind fragwürdig. Klar sollen die brutalen Jugendlichen nicht mit einem blauen Auge davonkommen. Logisch auch, dass die Taten gesühnt werden müssen. Doch es ist fragwürdig, ob sich durch harte Strafen künftig solche Gewaltexzesse verhindern lassen.

Selbst Richter Reinhold Baier, der die Urteile fällte, glaubt nicht an eine abschreckende Wirkung von harten Urteilen, wie er früher einmal gegenüber den Medien sagte. Dies habe ihm die Erfahrung am Münchner Gericht gezeigt. Obwohl er in den letzten Jahren mehrere brutale Schläger zu langen Haftstrafen verurteilte, sitzen immer wieder junge Täter vor ihm, die ohne Skrupel Gewalt anwendeten.

Zu spät als Täter erkannt

Mit dem Motto «Fertig mit der Kuscheljustiz» lässt sich das Problem also nicht lösen. Das erkannte auch die Jugendrichterin Kirsten Heisig aus Berlin. In der deutschen Hauptstadt hatte sie es mit derart vielen brutalen Taten zu tun, dass sie am System zu zweifeln begann. In einem Buch analysierte sie die Situation. Ihr Fazit: Bei Jugendlichen wird zu spät erkannt, wenn sich kriminelle Laufbahnen abzeichnen. Deshalb fehlt lange die richtige Behandlung der Täter – bis es zu spät ist.

Das war auch bei den Schülern von der Goldküste der Fall. Sie fielen bereits vor ihren Prügelattacken durch Delikte wie Raub und Körperverletzungen auf. Diese wurden zwar geahndet, doch offenbar hatten die entsprechenden Massnahmen keine Wirkung. Das muss sich unbedingt ändern. Heisig sieht eine mögliche Lösung in einem viel rascheren und härteren Durchgreifen bereits bei ersten kriminellen Handlungen. Eine mehrtägige Haft oder regelmässige Drogentests sind dabei wirkungsvoller als ein blosser Arbeitseinsatz am Mittwochnachmittag.

In diesem Sinn sollten sich die Schulen, Sozial- und Justizbehörden dringend eine engere Zusammenarbeit und ein strikteres Durchgreifen überlegen. Der Kanton Aargau hat bereits einen Schritt in diese Richtung gemacht. Alle Jugendlichen, die in ein laufendes Strafverfahren verwickelt sind, werden der Schule gemeldet. Ein Ansatz, der unbedingt weiterentwickelt werden muss – damit ein zweiter Fall München verhindert werden kann. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.11.2010, 16:30 Uhr

Simon Eppenberger hat den neunmonatigen Prozess in München beobachtet.

Artikel zum Thema

Ein Schläger von München könnte bald frei kommen

Fall München: Das Urteil Mit Haftstrafen zwischen knapp drei und sieben Jahren werden die Prügelschüler bestraft. Ivan Z. darf dabei auf ein baldiges Ende seiner Strafe hoffen. Mehr...

«Es gibt keinen Anspruch auf Absitzen der Strafe im Heimatland»

Interview Von 7 Jahren bis knapp 3 Jahren: Die Urteile im Schlägerprozess von München sind gesprochen. Ein Strafrechtler sagt, wie es weitergeht und was die Richtersprüche bedeuten. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von DerBund.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Werbung

Kulturell interessiert?

Bizarre Musikgenres, Blick in Bücherkisten und das ganze Theater. Alles damit Sie am Puls der Zeit bleiben.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Ungewohnte Besetzung: Ein japanisches Alphornquartett nach seinem Auftritt am internationalen Alphornfestival in Nendaz. (23. Juli 2017)
(Bild: Valentin Flauraud) Mehr...