Modern und stillos: Kunststoffkorken
Von Jan Graber. Aktualisiert am 04.02.2010 3 Kommentare
Naturkorken
Naturkork wird aus der Rinde der Korkeiche gewonnen. Im Alter von 20 bis 30 Jahren werden Korkeichen zum ersten Mal geschält. Danach wächst die Rinde wieder nach. Nach etwa zehn Jahren kann der Baum wieder geschält werden. In den 150 Lebensjahren einer Eiche wird sie also rund zehn Mal geschält. Die Korkeiche wächst vor allem im Mittelmeerraum. Die grössten, zum Teil angepflanzten Kulturen befinden sich in Portugal, Südwestspanien, Sardinien und Korsika. Bevor die Zapfen aus der Rinde gestanzt werden, muss das Holz mindestens ein halbes Jahr getrocknet werden. Danach wird es gekocht und desinfiziert, quer zur Wuchsrichtung in der Länge des Korkens geschnitten und gebleicht. Bei diesem Schritt besteht die Gefahr, dass sich der Korkfehler entwickelt, der dem Wein den «Zapfen» verpasst. Danach wird der Zapfen aus dem Holz gestanzt und mit Parafin- oder Silikonwachs überzogen.
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Welcher Weingeniesser kennt es nicht: Mit Vorfreude wird die Kapsel eines zwar günstig gekauften, aber viel versprechenden Weins entfernt. Korkenzieher rein, Zapfen heraus gehebelt und zum Vorschein kommt – ein Kunststoffkorken, Inbegriff des Kniefalls vor der Billig-Kultur. Es ist, wie wenn im Restaurant der Salat mit Fertigsauce serviert wird. Oder eine heisse Rockerbraut sich als Eros-Ramazotti-Fan outet. Kurz: Es ist stillos.
Seit der Einführung von Kunststoffkorken in den frühen 90er-Jahren hat sich ein Disput um die besten Weinverschlüsse entsponnen, in dessen Folge die Vertreter der Plastik-Fraktion und der Naturkork-Fraktion immer fundamentalistischere Positionen einnehmen. Gefochten wird vor allem mit spitzfindigen Argumenten.
Der Grund für die Erfindung der Kunststoffkorken ist vor allem in ihrer Wirtschaftlichkeit zu suchen. «Ein qualitativ hochwertiger Naturkork kostet bis zu einem Franken», weiss Felix Christen, Weinexperte von winiconsult, «Einen günstigen Plastikzapfen gibt es schon ab 10 Rappen pro Stück.» Für Wein-Grossproduzenten, die jährlich mehrere Millionen Flaschen auf den Markt werfen, lassen sich mit Plastikzapfen also schnell ein paar Millionen Franken mehr verdienen. Die Grossproduzenten pochen indessen darauf, dass es ihnen nicht um den Preis, sondern um die Qualität des Verschlusses gehe.
Kampf der Spitzfindigkeiten
Dazu werden Argumente technischer Natur ins Feld geführt: Zuvorderst wird bemängelt, dass Naturkorken anfällig auf den berüchtigten Korkschmecker ist. Tatsächlich weisen laut neusten Angaben zwischen zwei und fünf Prozent der Weine diesen Fehler auf – aber nicht zehn bis zwanzig, wie stellenweise behauptet. Wie kürzlich festgestellt wurde, sind aber auch Plastikkorken nicht vor dem Korkfehler gefeit. (Siehe Artikel «Drehverschluss schützt vor Zapfen nicht»).
Debattiert wird auch über die Sauerstoffdurchlässigkeit der Verschlüsse. Die verschiedenen Zellstrukturen der Plastik- und Naturkorken lassen eine unterschiedliche Menge Sauerstoff in die Flasche schlüpfen. Besonders bei Weinen, die lange gelagert werden sollen, kann sich dies als Problem herausstellen, weil Wein mit zu viel Sauerstoff zu schnell altert. Weine, die lange gelagert werden sollen, sind deshalb reduktiv ausgebaut, was bedeutet, dass sie den Sauerstoff gut einbinden. Kommt jedoch zu viel davon in Kontakt mit dem Wein, segnet er schnell das Zeitliche. Kunststoffkorken lassen mehr Sauerstoff passieren, weshalb sie für lange zu lagernde Weine die falsche Wahl sind.
Komplett sauerstoffdicht sind hingegen die Stelvin Caps genannten Drehverschlüsse mit eingearbeiteter Zinnfolie. Sie drehen dem Wein regelrecht die Luft ab, was Konsequenzen für die Weinherstellung hat: Wein, der nicht atmen kann, darf nicht reduktiv hergestellt sein. Fehlt nämlich der Sauerstoff ganz, beginnt der Wein zu stinken und er kann zudem nicht gut reifen. Sprich, Weine, die mit Stalvin Caps verschlossen werden sollen, müssen ganz anders hergestellt werden.
Wert des Weins
Die Diskussion um technische Spitzfindigkeiten zielen indessen an der wichtigsten Frage vorbei: Welche Verschlüsse wollen die Konsumenten? Möchte ich einen Wein, der mir vorgaukelt, mit einem echten Korkverschluss verschlossen zu sein, beim Öffnen sogar ein «Plopp» hervorzaubert, der sich aber dennoch als billiges Plastikimitat entploppt, äh entpuppt? Will ich einen Wein, der zwar mit einem offensichtlich andersartigen Drehverschluss dicht gehalten wird, aber deshalb anders hergestellt werden muss? Wünsche ich mir als Weingeniesser einen Tropfen, der mir mit seinem Verschluss Stil und Klasse vermittelt? Oder reicht der pragmatische Ansatz «Hauptsache zu»?
Nein, nein, ja und nein. Denn es geht um eine Frage des Stils und der Werte. Wein ist ein edles Naturprodukt, in dem Arbeit, Wissen und Geschichte steckt. Selbst günstige Weine versprechen einen höheren Genuss, als wenn ich mir ein Alcopop hinter die Binde giesse. Ob sie dies tatsächlich tun, ist nicht wichtig, denn es geht um das, wofür Wein steht: für Natur, für Handarbeit, für Wertschätzung. Ein Plastikverschluss entwertet dieses Bild: Er steht für den fehlenden Stolz des Herstellers auf sein Produkt. Er steht für ein kühl rechnerisches Denken. Er steht für Massenware und Austauschbarkeit. Und er entwertet damit die Erwartungen der Konsumenten, ihren Wunsch nach dem Besondern, Guten, Wertvollen – auch wenn es günstig zu erwerben ist. Kurz, ein Plastikzapfen ist stillos, weil er den Wein dessen beraubt, für das er steht: für ein besonderes Produkt, in dem neben dem Traubensaft und dem Alkohol auch Träume, Erwartungen und, ja, vielleicht auch Hoffnung stecken, dass es Dinge im Leben gibt, die nicht nur über reine Finanzlogik definiert werden.
Apropos Finanzen: In einer australischen Untersuchung wurde festgestellt, dass Konsumenten für Weine mit Drehverschluss weniger Geld auszugegeben bereit sind, als für mit Naturkorken verschlossenen Wein. Selbst wenn es sich um denselben Wein handelt. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 04.02.2010, 11:22 Uhr
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3 Kommentare
Lieber Autor, tatsächlich haben Schraub- und Kunststoffzapfenverschlüsse ein Billigimage. Dieses wird aber von guten Weingütern korrigiert - in Australien sind verkorkte Weine fast vom Markt verschwunden, die Kunden akzeptieren auch Spitzenweine für 50 Franken und mehr mit Schrauber (nicht Kunststoff-"Kork", welcher eher für rasch zu konsumierende Weine taugt). Dieser Trend wird sich fortsetzen! Antworten







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