Wein

Ein Städter erbte den Herrensitz

Von Paul Imhof. Aktualisiert am 25.09.2010 3 Kommentare

Das Schlossgut Bachtobel zählt zu den renommierten Weingütern der Schweiz. Dafür hat der verstorbene Hans Ulrich Kesselring gesorgt. Sein Erbe hat Neffe Johannes Meier mit Erfolg angetreten.

In grosse Fussstapfen getreten: Johannes Meier führt heute das Weingut Bachtobel in Weinfelden TG, tatkräftig unterstützt von der Önologin Ines Rebentrost.

Sophie Stieger

Pinot noir und Clairet

Das Vertrauen der Kundschaft in die neue Mannschaft zeigt sich auch darin, dass sich die Weine des Schlossguts Bachtobel derzeit ausgesprochen gut verkaufen. «Einige Sorten sind bereits früher ausverkauft als erwartet», sagt Johannes Meier. Folgende Weine sind zurzeit noch in ausreichender Menge vorhanden:

- Pinot noir No. 2 2008 (25 Fr.)
- Pinot noir No. 3 2008 (29 Fr.)
- Clairet 2008 (29 Fr.)

Der Pinot noir No. 2 wird in Eichenfässern mit einem Volumen von 800 Litern ausgebaut, damit der Wein nicht allzu viel Holz erhält. So schmeckt er frisch und saftig, ein toller Wein. 2008 ist der erste Jahrgang von Johannes Meier und Ines Rebentrost.

Der Pinot noir No. 3 reift 18 Monate lang in Burgunder Pièces (Fassungsvermögen 225 Liter), 40 Prozent sind neue Fässer, der Rest zweite und dritte Belegung. Dank des zurückhaltenden Einsatzes von Eichenholz behält der Pinot seinen Charakter, er bleibt fruchtig und besitzt eine dezenten Holznote.

Clairet ist eine klassische Bordeaux-Assemblage mit Merlot, Cabernet Sauvignon und Cabernet franc.

Schlossgut Bachtobel, 8570 Weinfelden, Tel. 071 622 54 07; www.bachtobel.ch

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Den Einstieg in sein Leben auf dem Land wird Johannes Meier kaum vergessen. Zwar war es vorgesehen, dass er, der Stadtzürcher, das Schlossgut Bachtobel bei Weinfelden im Thurgau übernehmen sollte, aber nicht so abrupt, nicht unter solchen Umständen. Doch im Frühherbst 2008, am 6. September, um genau zu sein, ist Hans Ulrich Kesselring gestorben.

«Zwei, drei Wochen vor der Lese!»: In der Verantwortung stand plötzlich der designierte Nachfolger Johannes Meier, Absolvent der Hotelfachschule und studierter Betriebswirtschafter, der eigentlich ein Jahr «Winzer-Nachlehre» 2009 bei Andreas Meier in Würenlingen und 2010 ein weiteres bei Ruedi Baumann in Oberhallau hätte absolvieren sollen, um gut vorbereitet in die Fussstapfen seines Onkels treten zu können.

Freund des Pinot noir

Hans Ulrich Kesselring galt als einer der interessantesten Winzer der Schweiz, als ein Freund des Pinot noir, der diese grossartige Rebsorte mit Akribie und Leidenschaft studierte und pflegte und ihr mit seinen drei Vinifizierungen – No. 1, No. 2 und No. 3 – im Thurgau quasi ein «Heimrecht» verschaffte.

«Schlossgut Bachtobel verdankt Glanz und Ruhm dem sorgsamen Wirken seines Schlossherren Hans Ulrich Kesselring», heisst es im Schweizer Weinführer 2009–2010. «Geschichte, Architektur, Kunst und grosse Weinbaukunst verbanden sich am Ottenberg zu einem weit über den Thurgau hinaus leuchtenden Gesamtkunstwerk.»

Eingeschworenes Team

Dieses Charisma war jäh erloschen. Und die Zeit drängte. Das Traubengut sollte nicht verloren gehen, erst recht nicht in einem so prächtigen Herbst wie 2008. In Eile suchte sich Johannes Meier eine Mannschaft zusammen. Da war erst einmal Fazli Llolluni, Albaner aus Kosovo, der 15 Jahre zuvor als Hilfskraft eingestellt und durch die Zusammenarbeit mit Kesselring zum Mann mit Erfahrung im Rebberg gereift war. Er ist zu einer wichtigen Stütze geworden.

Meier aktivierte alte Kontakte, rief da an und mailte dorthin und fand durch einen Tipp die Önologin Ines Rebentrost, aus dem Bierstaat Bayern stammend, von der Liebe nach Zürich gelockt, Absolventin von Agroscope Wädenswil. Sie war frei, sprang ein und ist seither für den Ausbau der Bachtobel-Weine verantwortlich.

«Gut gekannt hab ich den Hans Ulrich nicht», erzählt Ines Rebentrost, «aber für mich war er ein Vorbild für Pinot noir. Wir haben uns dann wunderbar verstanden, der Johannes, der Fazli und ich.» Und Meier betont: «Wir alle schätzen den Weinstil von Hans Ulrich.» Deshalb soll nach seiner Manier weitergearbeitet werden.

Das Gut präsentiert sich in tadellosem Zustand, in der Art einer gepflegten öffentlichen Parkanlage mit Museum und Nebengebäuden. Es thront inmitten seiner knapp 6 Hektaren Reben am Hang und bietet eine weite Sicht über das Tal, in dem die gebändigte Thur, Bahn und Autobahn straffe Linien bilden. Wenn das Wetter stimmt, sieht man im Osten den Säntis, Vrenelisgärtli und die Glarner Alpen im Süden.

Der Geschichte verpflichtet

Wir spazieren vom Schloss, einem Manoir aus napoleonischer Zeit, in dem einst der Geist von Landrichtern und Politikern herrschte, zum Torkel, wo eine gigantische Weinpresse steht, die Kesselring zusammen mit einem Küfer komplett restauriert hat, und weiter zum Rebhaus mit Gärtchen, das von geschnittenem Buchs eingerahmt wird.

«Als Kind verbrachte ich auf dem Bachtobel meine Ferien», erzählt Johannes Meier und fährt dabei mit den Fingern behutsam durch den Buchs, als möchte er die Zweige lausen. «Der Buchsbaumzünsler. Plötzlich ist er drin. Ich kontrolliere fast täglich.» Im Rebhaus – am Rande der Anlage – wohnt Meier mit seiner Freundin. «Das Schloss ist mir zu museal», sagt er, «es ist schön und authentisch, aber unpraktisch für ein junges Paar.»

Die Handschrift des Vorgängers

Die Handschrift des Vorgängers hat das Gut geprägt: Seine Passion für Authentizität ist im Schloss, wo man sich wie von einer Zeitmaschine ins Ancien Régime zurückversetzt fühlt, ebenso zu spüren wie beim Wein: So alt der Torkel ist, so topmodern wird im neuen Keller gearbeitet, um das Traubengut möglichst schonend in Wein zu verwandeln. Auf Besucher freilich wirkt die Presse mit ihren riesigen Pressbalken aus Eiche, der die ganze Länge der Scheune ausfüllt, ungeheuer wuchtig. «Der Baum wurde 1584 in Süddeutschland gefällt», erzählt Meier. Bis 1976 sei der Torkel gebraucht, dann von einer pneumatischen Presse abgelöst worden, die schneller arbeitet. Woher weiss er das alles? «Oh, das Hausarchiv umfasst 20'000 Seiten. Ich habe aber noch nicht alle gelesen.»

Wir betrachten dieses Ungetüm einer Maschine, die noch von keinem Motor, sondern von Hand via Übersetzungen angetrieben werden muss. Um den Druck aufzubauen, der das Traubengut auspressen soll, muss man den Pressbalken hochschrauben. Die Trauben werden auf einer rechteckigen Fläche ausgebreitet und mit Holzbrettern zugedeckt, auf die der Druck verteilt wird. Der Saft rinnt langsam ab. Diese alte Form des Traubenpressens behandelt die Früchte viel schonender als moderne Verfahren. Bei konstantem, gleichmässigem Druck werden die Trauben im Torkel so eine Nacht lange gepresst, gut neun Stunden lang, ohne dass dabei die Kerne zerbrechen.

Bottichschleppen gehört dazu

«Nachts hört man das Holz knacken», sagt Johannes Meier. Es sei eine «unglaublich schöne Arbeit», «diese Geräusche, diese Gerüche». Aber geschenkt wird nichts, das Schöne an der Arbeit muss man sich verdienen, zum Beispiel mit Bottich schleppen. «Es ist schwere Arbeit, da drückt man nicht einfach den Knopf, und alles läuft automatisch.»

Der ganze Bau illustriert, wie intelligent, naturnah und praktisch man früher Wein gemacht hat. Der gestampfte Lehmboden im Torkel und die Luftschlitze in den Wänden regeln das Klima im Innern, Temperatur und Feuchtigkeit. Und vor dem Gebäude, nach Süden gerichtet (also der Sonne entgegen), hat man nach dem Bau des Torkels zu Ende des 19. Jahrhunderts fünf Platanen gepflanzt. Die schnellwüchsigen Bäume bilden heute eine dichte Laubwand, die das Gebäude im Schatten hält.

Die eigene Weinsprache

Dank dieser bewusst angestrebten, durch jahrelange Arbeit in Rebberg und Keller erprobten Mischung aus traditionellem Wissen und zeitgemässer Technologie hat Hans Ulrich Kesselring auf dem Schlossgut Bachtobel eine eigene Weinsprache entwickelt, die Johannes Meier und Ines Rebentrost nicht ändern, sondern ausbauen wollen.

«Die langjährige Kundschaft war natürlich beunruhigt, wie es hier weitergehen würde», sagt Johannes Meier, «aber wir haben bis jetzt keine Reklamationen erhalten.» Im Gegenteil, die Kunden verdanken es mit Zuspruch. Die Familie hätte ja auch verkaufen können, Angebote gab es genug. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.09.2010, 08:13 Uhr

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3 Kommentare

Ernst Gemsenjäger

25.09.2010, 11:30 Uhr
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Schon der Vater von H.U.Kesselring (und weitere Vorfahren?) betrieb das Weingut, die Weine sind ausgezeichnet, hat der alte Weinfelder zu berichten und wünscht dem neuen Unternehmer schönen Erfolg. Antworten


Bernhard Scherrer

27.09.2010, 09:41 Uhr
Melden

Gut geschriebener Artikel, der zeigt, dass auch in der Ostschweiz Weine von hoher (bis höchster) Qualität produziert werden. Nur schade, dass der Eindruck entsteht, das Thurtal sei mit einer Autobahn bestückt! Antworten



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