Die mächtigste Stimme der Weinwelt

Von Jan Graber. Aktualisiert am 12.05.2010

Wenn Robert Parker Ende April seine Punktebewertungen veröffentlicht, steht die halbe Weinwelt Kopf. An Parkers Gaumen und Nase kommt derzeit niemand vorbei. Das hat nicht nur Nachteile.

Herr der Weine: Der Amerikaner Robert Parker bestimmt wie kein anderer, was in der Weinwelt als gut gilt.

Herr der Weine: Der Amerikaner Robert Parker bestimmt wie kein anderer, was in der Weinwelt als gut gilt.
Bild: Reuters

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Es gibt ihn tatsächlich, den Gott der Weinwelt. Gläubige gehen andächtig in die Knie, wenn er sich äussert, Messdiener der Bacchus'schen Religion warten jeden Frühling sehnlichst auf seine Segnungen – oder fürchten den Bannstrahl. Sogar die Kritiker seiner Macht schlucken leer, wenn er einen Mucks tut. Die Rede ist von Robert Parker jr., Weinjournalist in Fleisch und Blut und die wohl mächtigste Stimme im Reich der vergorenen Traubensäfte.

Vor 32 Jahren brachte der 1947 geborene Robert Parker erstmals den Newsletter «The Wine Advocate» heraus. Darin gab er für Freunde und interessierte Mit-Amerikaner, Tipps für gute Weine ab – zuvorderst für Säfte aus dem Bordeaux. Schreiben über Weine lag dem studierten Kunsthistoriker und Anwalt im Blut: Es brauchte seiner Meinung nach dringend einen unabhängigen Konsumentenführer – einer, der nicht von den Verkaufsinteressen von Weinhändlern und den Verstrickungen der Weinindustrie geprägt war. Als Parker den ersten Newsletter veröffentlichte, fand er rund 600 Interessenten. Weltweite Aufmerksamkeit erreicht Parker erstmals, als er entgegen den Meinungen grosser Weinkritiker das Jahr 1982 als exzellenten Bordeaux-Jahrgang bezeichnete – eine Einschätzung, die sich bald als wahr erweisen würde. Heute zählen über 50'000 Weinliebhaber, -händler, -spekulanten und -kritiker zu seinen regelmässigen Lesern. Zwar befinden sich die Meisten von ihnen in den USA, doch gelesen wird der Newsletter weltweit – zuvorderst im Epizentrum der grossen Weine, im Bordelais.

Viel Punkte, hoher Preis

Denn Parkers Bewertungen haben vor allem hier Folgen. Krönt der in Maryland wohnende Amerikaner nämlich einen Tropfen mit dem Maximum von 100 Punkten, gehen die Preise der Weine ab, wie ein Champagnerkorken aus einer gut geschüttelten Flasche. Während in Ländern wie Italien oder Spanien Parkers Punkte nur einen Einfluss auf die Preisbildung des Nachmarktes haben, sind sie im Bordelais für den Erstverkauf entscheidend. Ist die Punktzahl hoch, setzen die Châteaus die Preise von Beginn weg hoch an. Franz Wermuth, Chef des Bordeaux-Spezialisten Wermuth SA: «Wenn Parker seine Punkte verteilt, kann der Preis einer Flasche in Wochenfrist von 30 auf 50 Franken hochschnellen.»

Jeweils Ende April spricht Gott zu seinen Jüngern: Dann nämlich veröffentlicht Parker seine Bewertungen. Lässt seine Diktum jedoch auf sich warten, werden die Châteaus im Bordelais nervös. Wermuth: «Als Parker mit seinen Punkten einmal bis in den Juni wartete, liefen die Weingüter Amok, denn sie wollten ohne seine Punkte die Preise nicht festlegen.» Seitdem publiziert Parker seine Bewertungen regelmässig Ende April, zuerst im Internet, dann in gedruckter Form. Gratis gibt es Gottes Wort indessen nicht: Ein Jahresabonnement von «The Wine Advocate» kostet rund 100 Dollar.

Unschuldsengel sind allerdings auch die Besitzer der Weingüter nicht, wenn sie versuchen, Parkers Bewertung vorwegzunehmen. Château Pontet Canet zum Beispiel wollte just die Preise für ihre 2008er-Erzeugnisse auf 35 Euro ansetzen, als Parker dem Wein gleichentags 96 bis 98 Punkte gab. Kurzerhand hob Pontet Canet den Preis für die erste Tranche auf 43 Euro an – und verkaufte umgehend die ganze Ware. Die zweite Tranche wurde für 50 Euro auf den Markt geworfen, nochmals sieben Euro teurer. Bei 300'000 Flaschen spülte die Preispolitik einen stattlichen Mehrbetrag von 2,1 Millionen Euro in die Kasse. Der Schuss kann allerdings auch nach hinten losgehen, wenn Parker schlechte oder mittelmässige Bewertungen ausspricht.

Oper des Erfolgs

Und diese haben ihm Feinde eingebracht. Von Todesdrohungen über Gerichtsklagen bis zu aus der Luft gegriffenen Behauptungen musste der Weinjournalist so ziemlich alles über sich ergehen lassen, was dem Ehrgefühl wehtut. So wurde auch schon behauptet, er tauche sturzbetrunken zu den Degustationen auf. Alain Raynaud von Château Quinault l'Enclos machte Parker hingegen kurzerhand zum Paten seines Kindes. Wo er sich früher noch schnell mit Château-Besitzern befreundet hatte, bleibe er mittlerweile aber eher auf Distanz, sagt Wermuth.

Als zunehmendes Problem erweist sich indessen die sogenannte «Parkerisierung» der Weine: Weingüter versuchen manchmal bewusst Tropfen zu keltern, die den Vorlieben von Parker entsprechen. Befürchtet wird, dass alle Weine schliesslich ähnlich schmecken. Axel Heinz, Önologe auf dem Topweingut Ornellaia, relativiert: «Analysiert man den viel zitierten Parker-Geschmack, sieht man, dass er differenzierter ist, als die Leute oftmals meinen.» Er gebe unterschiedlichsten Weinen eine hohe Bewertung. Die Tropfen nach Parkers Geschmack zu kreieren kann sich zudem als Bumerang erweisen: Was passiert, wenn Parker nicht mehr da ist? Oder sich seine Vorlieben ändern?

Der Schuss nach hinten losgegangen ist in einem gewissen Sinn aber auch für Parker selbst; er ist Opfer des eigenen Erfolgs geworden. Die Begehrlichkeiten nach seinen 100-Punkte-Weinen sind nämlich mittlerweile so gross, dass diese Weine oft gar nicht mehr auf den Markt gelangen, für den Parker schreibt – nach Amerika. Vor allem Asien saugt alles auf, was von Parker top bewertet wird. Er selbst rät deshalb von gewissen Weinen ab: «Vergessen Sie die Premiers Crus», schreibt er im Bulletin zum 2009er-Jahrgang, «Sie sind Luxusobjekte wie ein Rolls-Royce oder eine IWC-Uhr.»

Keine Alternative

Allen Anfeindungen zum Trotz gilt Parker jedoch als unbestechlich. «Wenn Parker sagt, ein Wein sei gut, dann ist er es in der Regel auch», sagt Wermuth. Er prüft Weine auch nach ein paar Jahren noch einmal und stuft sie herunter, wenn sie sich nicht den Erwartungen entsprechend entwickeln. Sein Gaumen und seine Nase seien so fein, dass er sogar den Einfluss des Wetters beim Probieren spüre: «Eine Tiefdruckzone mit regnerischen kalten Tagen macht es schwierig, Fass-Proben zu testen», schreibt er auf seiner Website.

Und es gibt keine wirkliche Alternative zu Parker – abgesehen vielleicht von James Suckling, der für das renommierte Weinmagazin «WineSpectator» die Bewertungen schreibt. Ansonsten sitzen die meisten Weinkritiker rund um die Welt auf dem Mund, bis der grosse Parker nicht gesprochen hat – zu gross scheint ihnen die Gefahr, sich mit falschen Einschätzungen zu blamieren. Unterdessen ist aber auch Parker nicht mehr allein: Acht Weinkritiker stehen in seinen Diensten und bewerten Weine rund um die Welt. Er selbst konzentriert sich nur noch auf das Bordeaux, die südliche Rhône und Kalifornien.

Doch so problematisch Parkers monopolistischer Status für die Weinwelt ist, so sehr profitiert sie auch von ihm: «Unter dem Strich kann sich kein Mensch, der in der Weinbranche ist, über Parker beklagen», sagt Axel Heinz, «Denn seine Bewertungen haben zu einem grossen Qualitätsaufschwung geführt.» Und das wird wohl auch so bleiben. Wermuth: «Parker ist je länger je mehr das A und O.»

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.05.2010, 15:36 Uhr

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