Der Alltag als Laufsteg
Von Bettina Weber. Aktualisiert am 05.01.2010 11 Kommentare
Model für einen Tag: Sibylle Zschaber, 29, Lehrerin aus Hamburg. (Bild: «Brigitte»)
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Jetzt ist sie also am Kiosk käuflich zu erwerben, die neue Ausgabe der «Brigitte», und da verkünden diese Grossbuchstaben auf einer hellblauen Banderole: «Die erste ‹Brigitte› ohne Models». Wird der Streifen entfernt, findet sich darunter die Coverstory «Die neue Diät – So passt sie in Ihr Leben». – Wie jetzt?
Als die Chefredaktion der «Brigitte» im vergangenen Herbst verlauten liess, man verzichte von nun an auf professionelle Models, weil man ein Zeichen setzen wolle gegen den Zwang zur Magersucht in der Modebranche, war dem Magazin die Aufmerksamkeit sicher, selbst dem britischen «Guardian» war das Vorhaben einen Artikel wert. Nicht weiter verwunderlich: Die «Brigitte» lancierte damit ein Thema, bei dem man eigentlich nur alles richtig machen kann, seitdem in den Medien suggeriert wird, die Magersucht sei eine sich rasend schnell verbreitende Volkskrankheit, obschon das Gegenteil der Fall ist: Die Leute werden immer dicker. Dennoch: Niemand kritisiert eine Frauenzeitschrift dafür, fortan auf bedauernswerte Hungerhaken zu verzichten, die so dünn sind, dass sie am Ende am Computer verdickt werden müssen.
Darum jetzt also die Laien-Models: Eine Gastronomin (28) zeigt Fifties-Mode und eine Lehrerin (29) die neuen Pudertöne, eine Lodge-Besitzerin (36) aus Tansania posiert mitsamt Familie im Safari-Look und eine Künstlerin (45) aus Reykjavik in Abendkleidern. Gut sieht das aus. Gut sehen vor allem die Frauen aus. Sie tragen schätzungsweise Grösse 38 bis 40, in der Modelwelt unvorstellbar beziehungsweise inexistent, weil in der Dimension von Nilpferden. Mindestens. Dennoch sind die Fotostrecken professionell gemacht, und auch wenn die Modelle Amateurinnen sind, so sind sie doch allesamt jung und hübsch und faltenlos, bis auf die isländische Künstlerin mit ihrem Charakterkopf; den Mut, sie anstelle der 21-jährigen Christine aufs Titelbild zu heben, hatte man dann aber doch nicht, das wären vermutlich selbst «Brigitte»-Leserinnen zu viele der Furchen.
Diät für die Gesundheit
Die Aktion ist also in erster Linie ein cleverer Schachzug in eigener Sache. 10'000 begeisterte Leserinnen hätten sich gemeldet, heisst es im Heft, und um die breite Unterstützung zu demonstrieren, werden Schauspielerinnen wie Nora Tschirner, Barbara Auer und Ursula Karven zitiert, genauso wie Star-Autor Frank Schätzing oder die Schweizer Schriftstellerin Milena Moser. Klar, sie finden das alle eine super Sache, einzig Auer fragt rhetorisch: «Haben wir Frauen inzwischen nicht genug Selbstbewusstsein, um uns von derartigen Vorgaben nicht beeinflussen zu lassen?» Ein bedenkenswerter Einwand, zumal die «Brigitte»-Leserinnen längst keine Teenager mehr sind.
Mit einer Auflage von 690'000 Exemplaren ist sie das grösste Frauenmagazin Deutschlands. Bloss sinkt sie, die Auflage; da kann ein wenig Wirbel nicht schaden. Und die Modebranche mit ihrem verzerrten Schönheitsideal und den überkandidelten Protagonisten eignet sich geradezu perfekt als Sündenbock: Sie ist nicht demokratisch, sondern elitär und zelebriert das unverfroren. Sie für Essstörungen verantwortlich zu machen, greift dennoch zu kurz.
Und wie war das jetzt nochmals mit der Diät? Die Redaktion scheint sich des Widerspruchs bewusst zu sein und erklärt bereits im Editorial, dass das sehr wohl gehe, ein neues Selbstbewusstsein für Frauen zu propagieren und gleichzeitig Diätrezepte zu veröffentlichen. «Sich vernünftig ernähren, ein paar überschüssige Pfunde loswerden oder gar gefährliches Übergewicht – das ist kein Schlankheitswahn, sondern dient der Gesundheit.» Und: «Attraktivität hat nichts mit vermeintlichen Traummassen und Schönheitsidealen zu tun. Sondern mit Persönlichkeit, mit Ausstrahlung, mit Leben.»
Wohl bloss deshalb ist die «Brigitte»-Diät seit Jahren ein Verkaufsschlager. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 05.01.2010, 06:45 Uhr
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11 Kommentare
Super, wäre ja nicht schlecht. Da sind ja aber diejenigen Frauen, welche halt nicht Grösse 38-40 tragen, auch wieder die Angeschmierten. Da heisst es "Sie tragen schätzungsweise Grösse 38 bis 40, in der Modelwelt unvorstellbar beziehungsweise inexistent, weil in der Dimension von Nilpferden." Toll, dann sind wir, welche Grösse 42 oder mehr tragen bei den Elefanten oder Walen anzusiedeln? Antworten



