Leben

Über zehn Pässe ans Mittelmeer

Von Martigny im Unterwallis in knapp zwei Wochen nach Menton an der Côte d’Azur: eine Velotour nicht nur für Bergflöhe – trotz 500 Kilometern und 12 000 Höhenmetern quer durch die Alpen.

Endlich auf Meereshöhe: Der Strand von Menton.

Endlich auf Meereshöhe: Der Strand von Menton.
Bild: Christoph Fellmann

Mit dem Velo durch die Alpen

Route: Martigny–Pré St-Didier (Gr. St. Bernhard); Pré St-Didier–Séez (Kl. St. Bernhard); Séez–Val-d’Isère–Lanslebourg (Col de l’Iseran); Lanslebourg–Bardonecchia (Eisenbahn)–Briançon (Col de l’Echelle); Briançon– Guillestre (Col d’Izoard); Guillestre–Jausiers (Col de Vars); Jausiers–St-Etienne de Tinée (Col de la Bonette); St-Etienne–St-Martin-Vésubie (Col de St-Martin); St-Martin–Sospel (Col de Turrini); Sospel–Menton (Col de Castillon).

An- und Rückreise: Mit den SBB bis Martigny (Velo im Selbstverlad). Menton–Nizza im Regionalzug (Velo im Selbstverlad, gratis). Nizza–Genf im TGV. Veloplatz im TGV früh reservieren; die Tour also vom Rückkehrdatum her planen und genug Zeit einrechnen.

Reisezeit: Juli bis September.
Strassenkarten: Michelin 1:150 000, Blätter 333, 334 und 341.

Übernachtung: In allen Etappenorten gibt es mehrere, in der Regel einfache Hotels. Immer gut fährt man mit den Logis de France. Ab Mitte Juli lohnt es sich, Hotels im Internet nachzuschlagen und telefonisch zu reservieren.

Velo: Nicht in jedem Dorf gibt es einen Velomechaniker. In den Ferienorten gibt es aber meist einen Bikehändler, der helfen kann. Briançon ist ein Zentrum der Velofans, da haben wir kompetente Mechaniker getroffen.

Buch: Rudolf Geser gibt in «100 Alpenpässe mit dem Rennrad» (Bruckmann-Verlag 2008) einen nützlichen Überblick, aber nur wenig Hintergrundinformation für Tourenfahrer.

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Die letzte Passhöhe ist ein Tunnel. Wir durchqueren ihn, fahren eine Kurve und sehen endlich das Meer. Man kann es kaum erkennen zwischen den Bergflanken und hinter den Dächern der schäbigen Ferienhäuschen. Es gibt schönere Meerblicke, aber nach über 500 Kilo- und 12 000 Höhenmetern macht das nichts. Wir stehen auf dem Col de Castillon (707 m ü. M.), dem letzten Pass unserer zwölftägigen Veloreise durch die Alpen. Noch eine Stunde bergab, dann sind wir am Strand von Menton. Man kann schon den Pastis riechen.

Natürlich könnte man im Tal der Rhône sanft hinab an die französische Mittelmeerküste gleiten. Es gibt da grandiose Landstriche, schmucke Städtchen und als Zugabe die Durchfahrt der Provence. Wir aber haben uns anders entschieden und steigen am ersten Tag in die Rampen auf den Grossen St. Bernhard. Das sind knapp 2000 Höhenmeter bei viel Schwerverkehr und also nichts, das man bei Trost empfehlen kann. Aber auch nichts, das man nicht vergessen könnte, wenn man abends, ganz hinten im Aostatal in Pré St-Didier, über einem Kalbsbraten mit Steinpilzen sitzt und den Rotwein in die müden Beine sickern lässt.

Einen Pass pro Tag

Über täglich einen Pass wollen wir die französischen Alpen durchqueren. Auf den Tourenvelos, das Gepäck in zwei Satteltaschen. Zehn Pässe, darunter die zwei höchsten in Europa: Das mag verwegen klingen. Für Leute, die schon die eine oder andere mehrtägige Radtour hinter sich haben, ist das aber sehr gut machbar – wichtig sind eine normale Grundkondition und ein gutes Tourenvelo mit kleinen Gängen. Dank schönem Sommerwetter kommen wir in zwölf Tagen durch – inklusive eines Ruhetags im Hotelpark am Pool.

Nach dem Start in Martigny und der Fahrt über den Grossen und den Kleinen St. Bernhard eröffnen sich in der Routenwahl ans Meer bald einmal Varianten. So lassen wir zum Beispiel den Galibier aus, dieses «gääche» Pièce de Résistance der Tour de France, und entdecken dafür den viel dezenteren Col de l’Echelle (1762 m ü. M.), den man tatsächlich hochsteigt wie ein Leiterlispiel. Um dann mit der Fahrt durch ein grünes, feisses Hochtal belohnt zu werden, in dem die Einwohner von Briançon faul unter den Bäumen liegend den schönen Sommertag verdämmern lassen.

Die freundlichen Franzosen

Später begegnet man ihnen wieder, wie sie mit den Autos ihr mittelalterliches Städtchen verstopfen, das am Fuss gleich vierer Pässe liegt. Aber man muss schon sagen: So freundlich wie in der französischen Provinz wird man als Velotourist nirgends behandelt.

Die Leute würden ihre Ferien zwar nie im Leben auf dem Velosattel verbringen, ihr Respekt für die Radler aber ist gross: sei dies für Sylvain Chavanel, der am französischen Nationalfeiertag die Etappe der Tour de France gewinnt, oder sei dies für ein Paar aus der Schweiz, das offensichtlich schon zu lange nicht mehr am Mittelmeer gewesen ist. Madame Heburderie zum Beispiel ist derart beeindruckt, dass sie unsere Velos in der Küche ihres kleinen Hotels in Séez übernachten lässt. Es könnte ihnen draussen ja etwas zustossen.

Die Autos müssen umkehren

Egal, wie man sich die Pässefahrt zusammenstellt – zwei Übergänge sollten auf keinen Fall fehlen. Der erste ist der Izoard (2360 m ü. M.) zwischen Briançon und Guillestre, auf dessen Südseite sich die Casses Désertes in die Tiefe entleeren: grandiose, Furcht einflössende Geröllabbrüche, wo am Vorabend zwei Felsblöcke auf die Strasse gestürzt sind. Die Autos müssen umkehren, wir flitzen schnell vorbei. Der zweite Pass, den man nicht auslassen sollte, ist weiter südlich der Bonette, wo man sich mit einem Trick den Titel der höchsten Passstrasse in Europa geholt hat: Die Passhöhe liegt zwar auf 2678 m ü. M., von dort aber führt eine Ringstrasse bis hinauf auf 2802 Meter. Und nicht nur raubt einem nach der langen Bergfahrt diese kurze 14-Prozent-Steigung den letzten Atem: Der Gipfel ist eher unwirtlich und die Aussicht viel weniger spektakulär als zuvor im Aufstieg. Wir freuen uns dafür ob der pikierten Blicke, welche die Mitglieder einer Radsportgruppe auf unsere Satteltaschen werfen und auf die Sechserpackungen mit Schokoriegeln, die wir daraus hervorklauben. Nur die Fahrerin ihres Begleitbusses lächelt und grüsst als Einzige, bevor sie ihren Schützlingen noch ein isotonisches Getränk reicht.

In der Abfahrt vom Bonette verlässt man die Hochalpen. Eben hat man fast ein Murmeltier überfahren, bald hört man am Wegrand die ersten Zikaden. Der Gegenwind, der jeweils am Nachmittag die Täler hinauffährt, wird wärmer, und am prächtigen Col de Turrini (1607 m ü. M.) fahren wir durch dichte, schattige Kastanienwälder. Es ist erst eine Woche her, da klammerten wir uns auf dem Iseranpass (2770 m ü. M.) zwischen letzten Schneefeldern an den heissen Kaffee, jetzt rollen wir im T-Shirt vom Berg und halten nur, um eine ausrangierte Olivenmühle zu fotografieren.

Mit Ausnahme der Altstadt von Briançon sehen wir auf unserer Reise nichts, das man landläufig als sehenswürdig bezeichnen würde. Dafür schauen wir uns die kleinen Kapellen an mit ihren armen, aber liebevoll gehüteten Altärchen und immer wieder die Denkmäler für die in den Weltkriegen gefallenen Soldaten. Selten wird einem das Ausmass der Katastrophe so bewusst, die zwischen 1914 und 1918 über Frankreich kam; denn selbst wo das Dorf nur aus ein paar Häusern besteht, sind zehn, zwanzig Namen in den Stein gehauen.

Zahnbürste und Zweitunterhose

Sie gleichen sich, die Kirchlein, die Denkmäler, sogar die Namen. Und bald vermischen sich auch die Erinnerungen an die kleinen Städtchen, in denen wir übernachtet haben. An diese einfachen, mal hübschen, mal tristen Orte am Wegrand in den Süden und an die Leute im Gemüseladen, in der Bäckerei oder am Dorfbrunnen, die uns ausfragen und uns dann auf ihre menschenfreundliche Weise für etwas verrückt halten.

Nun, sie kennen den alten Olivier nicht, den wir mit seinem Rennrad auf dem Grossen St. Bernhard getroffen haben und der mit Zahnbürste und zusammengefalteter Zweitunterhose im Lenkerbeutel noch am gleichen Tag bis Briançon musste. Und auch nicht Jean mit den faltigen Beinchen und dem schlohweissen Haar, der uns am Iozard während einer Verschnaufpause mit glänzenden Augen von den Pyrenäen erzählt hat, wo die Aufstiege noch viel ruppiger seien. Am Pass ist die Verrücktheit auch eine Frage der Kondition.

Daran denken wir, als wir an der Strandpromenade von Menton sitzen und Oliven und noch einen Drink bestellen. Und daran, dass wir vor zwölf Tagen, im Aufstieg auf den Grossen St. Bernhard, von genau diesem Moment gesprochen haben. Nur den ersten Blick aufs Meer hinaus, den haben wir uns dann schon ein bisschen heroischer vorgestellt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.05.2011, 08:48 Uhr

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7 Kommentare

Gabrielle Andreoli

06.05.2011, 08:23 Uhr
Melden 2 Empfehlung

Wunderschönes Gebiet, habe mich auch schon 2x mit dem Motorrad dort ausgetobt. Für den Anfang ab Martigny würde ich aber den Col de la Forclaz empfehlen, ist viel schöner als der Grosse und kleine St. Bernhard (Aosta sowieso auslassen). Danach richtung Val d'Isère etc. Antworten


Regula Bühlmann

03.08.2011, 19:07 Uhr
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Hoffentlich waren Sie nett zu den Velos, die Motorräder waren auf dieser Strecke zum Teil kriminell gefährlich...


Michael Garrood

06.05.2011, 07:18 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Es gibt eine herrliche Variante: südlich des Col d'Izoard kann man zum 2744m hohen Grenzpass Col Agnel fahren, danach die wunderschönen piemontesischen Pässe Sampeyre, Morti und Lombarde, dann weiter zum erwähnten Turini. Alles asphaltiert, landschaftlich deutlich schöner als der Vars und der Bonette! Antworten


Urs Steiner

06.05.2011, 03:56 Uhr
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G. Buergi hat völlig Recht, dass hier der Galibier als grosser Höhepunkt fehlt, tolle Sicht bei gutem Wetter vom Montblanc bis zum Monviso. Habe diese Tour vor 2 Jahren gemacht, mit Galibier und grosser Umleitung ab Col de Turini wegen Bauarbeiten. Antworten


Giovanni Buergi

05.05.2011, 18:09 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Auf der beschriebenen Strecke fehlt aber der Höhepunkt, der Col du Galibier, auf dessen Strecke man den Col du Telegraph und den Col du Lautaret (fast) gratis mitbekommt. Antworten


Paul Gwerder

05.05.2011, 16:56 Uhr
Melden 6 Empfehlung

Àprops Töffterror, wenn zwei oder drei Hobbycancellaras nebeneinander im Zickzack auf den Pass strampeln ist es für Töff- und Autofahrer auch nicht besonders angenehm, zu überholen… Antworten


Christoph Kaufmann

05.05.2011, 09:36 Uhr
Melden 4 Empfehlung

Schöne Tourenempfehlung. Für Pässeliebhaber: am 24. Septemer gibt es den Klausenpass von 10 bis 16 Uhr ohneTöffterror Antworten



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