Leben

Wenn der Ausstieg zur harten Arbeit wird

Von Jonathan Spirig. Aktualisiert am 02.12.2011 12 Kommentare

Die 29-jährige Michèle Hess aus Dürrenroth hat auf der philippinischen Insel Camiguin ein marodes Hotel wieder in Schuss gebracht und zur Perle der Insel gemacht. Ihr «Ausstieg» soll aber nur von temporärer Dauer sein.

1/12 Michèle Hess auf dem Weg nach Mantigue Island, einem Tauchparadies in der Nähe von Camiguin.
Bild: zvg

   

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Zimmer ab 17 Franken

Die Übernachtung im Camiguin Action Geckos-Resort kostet zwischen 17 (Traveller-Room) und 60 Franken (Cottage) für zwei Personen.

Die Insel ist mit der Fähre von den Inseln Mindanao oder Bohol aus erreichbar. Wer Glück hat, kann einen Flug von der Grossstadt Cebu aus nach Camiguin buchen.

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Der Empfang im Hotel auf Camiguin ist irgendwie anders als in vergleichbaren Resorts auf den philippinischen Inseln. Die Angestellten sind schon fast übertrieben freundlich, merken sich sofort die Namen der Besucher und die ganze Anlage wirkt sehr gepflegt. Dass das Hotel von einer Schweizerin geführt wird, erstaunt nach diesen Beobachtungen wenig.

Die schweizerische Gründlichkeit ist auch den Autoren von Reiseführern nicht verborgen geblieben. Das schönste Kompliment erhält das Camiguin-Action-Geckos-Resort von «Lonely Planet»: Die Bibel der Rucksacktouristen schreibt über das Hotel auf Camiguin, dass jede philippinische Insel einen Ort wie diesen haben sollte.

Keine Aussteigerin

«Ein Hotel zu führen war mein Kindheitstraum», sagt Hotelchefin Michèle Hess. Dass sie sich diesen so früh erfüllen konnte, war aber eher ein Zufall. Sie absolvierte eine Lehre bei Kuoni, machte die Ausbildung zur Marketingplanerin und arbeitete anschliessend mehrere Jahre für das Schweizer Radio DRS.

Die Arbeit habe ihr ausgesprochen Spass gemacht, stellt Hess sofort klar. Sie habe aber gespürt, dass es Zeit sei für eine Pause und habe um unbezahlten Urlaub gebeten. Eigentlich war nur eine Auszeit von einem halben Jahr geplant. Bei einem Aufenthalt auf der philippinischen Insel Negros hörte sie aber von einer Tauchlehrerin, dass es auf Camiguin eine Resort gebe, welches dringend neue Pächter nötig hätte.

Die Webseite als Glücksgriff

Michèle Hess kannte Camiguin noch nicht. Die Insel liegt im Süden der Philippinen und ihre Silhouette wird von sieben Vulkanen geprägt. Die Emmentalerin erkundigte sich im Internet und stellte dabei mit Erstaunen fest, dass die Webseite camiguin.ph noch frei ist. Sie reservierte diese noch bevor sie das Resort als Pächterin übernahm.

Angst vor den Herausforderungen, die ein wenig entwickeltes Land wie die Philippinen stellen, hätten sie und ihr deutscher Partner Ulrich Mewes keine gehabt, berichtet Hess. Wie fast überall in Asien seien die Leute freundlich. Dazu komme auch, dass fast alle Englisch sprechen. Zudem sei es gerade das Unberührte gewesen, dass sie an Camiguin gereizt habe.

Die Insel habe viel Potenzial, schwärmt die 29-Jährige. Wer sich mal wie ein echter Pionier fühlen möchte, sei hier genau richtig. Auf Camiguin spüre man die Unberührtheit der Natur über und unter dem Wasser. Auf kleiner Fläche biete die Insel beispielsweise Vulkane, Wasserfälle, heisse und kalte Quellen sowie Traumstrände und ideale Tauchgebiete.

Weder Terrorismus noch Sextourismus

Obwohl das Eiland nur 10 Kilometer von Mindanao entfernt liegt, dem südlichen Teil der Philippinen, wo die militante islamische Organisation Abu Sayyaf operiert, bezeichnet Hess Camiguin als einen der sichersten Flecken auf der Erde. Sextourismus, Korruption und Terrorismus – drei Stichworte die in Zusammenhang mit den Philippinen oft genannt werden – seien auf Camiguin noch kein Problem, erklärt sie.

Man kenne sich auf der kleinen Insel und es gebe auch keine Partymeilen die Sextouristen anziehen. Kriminalität gebe es eigentlich nicht. «Wir haben zudem auch die angenehmen Touristen», schwärmt Hess. Die meisten hätten sich ausführlich informiert und liessen sich beispielsweise auch nicht durch das EDA abschrecken, das vor Reisen in den Süden der Philippinen warnt. Sie seien sich bewusst auf was sie sich einlassen und nehmen auch die schwierige Anreise in Kauf.

Tatsächlich zeigt sich beim Besuch anfangs November, dass sich die Bewohner der 230 Quadratkilometern grossen Insel den Umgang mit Touristen noch nicht lange gewohnt sind. Sie verhalten sich im Vergleich zu ihren Landsleuten auf anderen Inseln noch sehr zurückhaltend und scheinen ehrlicher.

Abseits des Massentourismus

Grundsätzlich habe sie auch nichts dagegen, wenn die Insel ein paar weitere Jahre im Dornröschenschlaf bleibe und noch nicht von grossen Flugzeugen avisiert werde, meint die Schweizerin. «Mit dem Massentourismus würde sofort viel Charme verloren gehen», glaubt die lizenzierte Tauchlehrerin.

Hess kann sich diese Aussage leisten. Nach einem schwierigen Start läuft das Resort prächtig: «Wir sind eigentlich ständig ausgebucht, der Begriff ‚Nebensaison’ existiert bei uns irgendwie nicht mehr.» Neunzig Prozent der Gäste im Geckos seien Europäer, darunter auch viele Schweizer. Dies sei sehr erstaunlich, weil Schweizer Reiseanbieter sehr zurückhaltend seien, was die Philippinen angeht.

Der Erfolg des Resorts beruht folglich nicht nur auf Glück, sondern auf harter Arbeit, dem Charme der Betreiber und viel Geschäftssinn. Während man am Anfang vor allem kleine Änderungen am Hotel vorgenommen habe um ihm neues Leben einzuhauchen, hätten sie und Ulrich Mewes mittlerweile alles renovieren lassen, ausgebaut und fast das gesamte Personal ausgewechselt und neu angelernt.

Harte Arbeit auf der Trauminsel

«Wir sprechen mittlerweile den örtlichen Dialekt und haben uns ein grosses Netzwerk aufgebaut», berichtet Hess weiter. Zurücklehnen könne sie sich deswegen aber noch lange nicht. «Die Filipinos sind kein Arbeitervolk und leben für ihre Familie und die Gemeinschaft. Ausserdem sind sie sehr genügsam und streben keine grosse Veränderung an.» Aus europäischer Sicht sei dies, besonders für die geschäftliche Zusammenarbeit, oft eine grosse Herausforderung.

«Filipinos haben zudem aber auch Mühe damit Nein zu sagen und zeigen kaum Eigeninitiative, weil sie über Generationen stets gelernt haben, auszuführen», erklärt Hess weiter. Weil sie bis jetzt beispielsweise keine Mitarbeiterin gefunden habe, welche die Verantwortung über die Barcrew übernehmen will, hilft sie oft selber mit. Sie mache das zwar gerne, es sei aber oft sehr ermüdend, wenn man jeden Schritt kontrollieren müsse.

Auf der anderen Seite betont Hess, dass die Offen- und Unbeschwertheit, mit der die Filipinos ihr Leben meistern, gerade das ist, was die Touristen im Urlaub suchen und schätzen. «Die Filipinos sind stets gut gelaunt, fröhlich und positive Gemüter – das macht vieles wett», relativiert sie ihre vorherige Kritik.

In der Entwicklung weit zurück

Mit ihren geschulten Mitarbeitern ist Hess grundsätzlich zufrieden, auch wenn sie zeitweise noch immer einen Ansporn bräuchten und es ihnen an der Bereitschaft mangelt, Neues zu lernen. Ohne resigniert zu wirken, stellt Hess zudem fest, dass Camiguin in der Entwicklung etwa 50 Jahre zurückliege. «Nur was das SMS-Schreiben angeht sind sie auf den Philippinen weit fortgeschritten», bemerkt sie mit einem Lachen.

Obwohl ihr Alltag auf der Trauminsel aus harter Arbeit besteht, hat Hess den grossen Schritt nie bereut. Am Anfang sei es zwar für ihre Familie schwierig gewesen, mittlerweile sei die Skepsis aber dem Stolz gewichen und sie werde auch regelmässig besucht.

Dass sie ihren Antrieb nicht verliert, verdankt Michèle Hess aber auch der Tatsache, dass ihr von Anfang klar war, dass das Abenteuer ein klares Ablaufdatum hat. «In drei Jahren läuft der Pachtvertrag aus. Danach will ich sicher wieder irgendwann in die Schweiz zurück.» Auch wenn es sich komisch anhöre, gebe es durchaus Momente in denen sie vom regelmässigen Arbeiten im Büro träume. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.12.2011, 14:38 Uhr

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12 Kommentare

Hans Huber

02.12.2011, 16:23 Uhr
Melden 18 Empfehlung

Solche Erfolgsmeldungen sind doch echte Aufsteller! Herzliche Gratulationen - und hoffen wir dass eine geeignete Nachfolge gefunden wird. Antworten


andreas Kaufmann

02.12.2011, 21:44 Uhr
Melden 13 Empfehlung

Wetten, die weither angereisten Gäste lassen ebenso wie die Besitzerin bei jeder Gelegenheit süffisante Bemerkungen fallen, dass es die Einheimischen ohne strenge Schweizer Führung eben nie auf einen grünen Zweig gebracht hätten. Besser gleich daheim bleiben! Antworten



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