Weinselig und weltoffen
(Bild: TA-Grafik mt)
Tipps & Informationen
Maribor trägt zusammen mit seinen Nachbarstädten Ptuj, Velenje, Muska Sobota, Novo Mesto und Slovenij Gradec im Jahr 2012 den Titel Europäische Kulturhauptstadt. www.maribor2012.eu
Ptuj feiert jedes Jahr Karneval mit einem bunten Umzug mit skurrilen Masken und allerlei Schabernack. Hauptfigur ist der zottelige Kurent mit dickem Fell und Schnabel. www.ptuj- tourism.si
In Velenje gibt es in einem stillgelegten Bergwerk ein Bergbaumuseum. Mit Helm und Schutzkleidung fahren die Besucher in den 180 Meter tiefen Schacht ein und erleben den Alltag der Bergleute nach. Im Kulturhauptstadtjahr 2012 sind Konzerte unter Tage geplant. www.rlv.si/muzej
Im September richtet Velenje jedes Jahr das Pippi-Langstrumpf-Kinderfestival aus: www.festival- velenje.si/pikin- festival
Weingut Dveri Pax, Stift Admont: www.dveri-pax.com
Anreise mit dem Zug: Es verkehren Nachtzüge direkt von Zürich in die Hauptstadt Ljubljana. Zugfahrplan innerhalb Sloweniens: www.slo-zeleznice.si/en/passengers/slovenia
Flugzeug: Keine Direktflüge ab der Schweiz. Air France fliegt ab Paris nach Ljubljana.
Touristeninformationen zu Maribor und Umgebung: Partizanska Cesta 6a, 2000 Maribor, Tel. 00386 2 2346611. http://maribor-pohorje.si
Offizielles Tourismus-Portal mit hilfreichen Informationen (auf Deutsch): www.slovenia.info
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Rekordverdächtig sieht das beschauliche Städtchen nicht aus: Die roten Ziegeldächer der Altstadt leuchten aus der grünen Hügellandschaft der südlichsten Alpenausläufer; die Innenstadt mit ihren Bürgerhäusern aus der österreichisch-ungarischen k. u. k. Zeit ist weitgehend renoviert; dazwischen erinnern wuchtige graue Betonklötze und mehr oder weniger abbruchreife Altbauruinen an die sozialistische Stadtplanung des untergegangenen Jugoslawiens. Und doch hat es Maribor, die Europäische Kulturhauptstadt 2012, vor sieben Jahren mit einer einmaligen Attraktion ins «Guinnessbuch der Rekorde» geschafft: An einem unscheinbaren Haus wächst der älteste Weinstock der Welt.
Kostprobe für Bill Clinton
Für Jernij Lubej ist der Weinstock ein Phänomen: «Er ist schon in seinem neunten Leben», schwärmt der Museumsführer. Der Stock klammert sich seit 450 Jahren an eine unscheinbare Hauswand in Maribors ältestem Viertel, dem Lent. Feuer, Krieg, Reblaus, alles hat er überlebt – bis es 1982 fast um ihn geschehen gewesen wäre. Gerettet hat die Rebe Tone Zafosnik mit einem, wie er sagt, «chirurgischen Schnitt». Der ältere, stille Herr tritt bescheiden auf. Er habe jahrelang in ganz Slowenien beobachtet, wie die Weinbauern ihre Pflanzen hegen, und die Weinsorten studiert. So habe er viel Erfahrung gesammelt, auch mit der Sorte Blauer Köllner, zu der die Wunderrebe gehört.
Seitdem gedeiht der uralte Weinstock wieder und mit ihm der Tourismus. Wer nach Maribor kommt, bestaunt das Naturwunder und besucht das neue, von der Stadt eingerichtete Weinmuseum. Normalsterbliche dürfen den Wein der Wunderrebe nur ansehen, hinter Glas in einer kleinen Flasche. Die Stadt verschenkt Kostproben an besondere Gäste wie den damaligen US-Präsidenten Bill Clinton oder den Kaiser von Japan.
«Man grüsst sich auf der Strasse»
Drei Weinstrassen beginnen in Maribor, Sloweniens zweitgrösster Stadt. Der Weinkeller der Vinag ist angeblich der grösste Mitteleuropas. Auf drei Kilometern reihen sich Flaschen und Fässer unter der Erde. Darüber auf dem Schlossplatz und in den zur Fussgängerzone aufgewerteten, kopfsteingepflasterten Altstadtgassen geniessen an den vielen lauen Sommerabenden Einheimische und Touristen in den Strassencafés, was ihre Winzer keltern. Im Winter gehen viele gleich nach der Arbeit zum Skifahren. Nur sechs Kilometer vom Zentrum entfernt locken im Pohari-Gebirge zwölf Kilometer Pisten. Viele davon sind nachts beleuchtet. «Wir sind sehr offen hier, man grüsst sich auf der Strasse und fragt, wie es geht», sagt Marinka Kosar. In Maribor geboren und aufgewachsen, hat sie immer hier gelebt und wollte auch nie weg. Sie betreibt ein Reisebüro und organisiert für auswärtige Gruppen Aufenthalte in der Region. Die fröhliche Frau um die fünfzig schwärmt von sozial gemischten Mariborer «Stammtischen, an denen jederzeit ein Arbeitsloser und ein Anwalt einträchtig gemeinsam Fussball schauen und über Politiker schimpfen», vom exzellenten Orchester, der Oper, dem Theater, dem einzigen Profiballett Sloweniens oder der Carmina Slovenica, «einem der besten Mädchenchöre der Welt».
Tatsächlich kann sich das Kulturangebot der Stadt mit ihren rund 100'000 Einwohnern sehen lassen. Jedes Jahr im Juli verwandeln sich die Altstadt und das Ufer der Drava (Drau) in ein riesiges Konzert- und Spektakelgelände. Das Lent-Festival zählt zu den grössten und bekanntesten Südosteuropas mit zahlreichen Konzerten, Workshops und Strassentheateraufführungen. «Wir lassen uns in Maribor unseren Optimismus nicht nehmen», versichert Marinka – trotz Wirtschaftskrise und auf 20 Prozent gestiegener Arbeitslosigkeit.
Spuren des Sozialismus
Die Stadt stehe zu ihrer Geschichte: Die wichtigste Verbindung zwischen Bahnhof und Innenstadt heisst immer noch Strasse der Partisanen, die vierspurige Tito-Strasse zweigt davon ab, und jenseits der alten Brücke beginnt die Strasse der Revolution. Als Slowenien noch zu Jugoslawien gehörte, bauten die Arbeiter in den Fabriken der Stadt Lastwagen und Busse, gossen Stahl und Eisen. Im 19. Jahrhundert hatte die Eisenbahn die ersten Industriebetriebe ins damals österreichisch-ungarische Marburg an der Drava gebracht. Nach der Unabhängigkeit Sloweniens mussten die meisten Fabriken aufgeben.
Überall in Maribor finden sich noch die Spuren des real existierenden Sozialismus. Direkt vor dem Schloss erinnert ein wuchtiges Mahnmal an den Zweiten Weltkrieg und die Befreiung vom Nazi-Terror. «Kojak» nennen die Einheimischen die von Bronzestreifen überzogene haushohe Weltkugel, die an eine Glatze erinnert.
Im ärmeren Süden der Stadt, jenseits der Drava, hat die jugoslawische Armee ein riesiges Areal mit Schuppen und Hallen hinterlassen. Junge Leute besetzten 1994 die ehemalige Brotfabrik der Militärs. «Pekarna», Bäckerei, heisst das autonome Kulturzentrum mit Kneipe, Büros, Club, Konzertsaal und Übungsräumen für Bands in den bunt besprühten ehemaligen Armeebauten. Die chronisch klamme Stadt, der das Gelände inzwischen gehört, kommt mit dem Renovieren der altersschwachen Gebäude kaum nach.
Lebendige Musikszene
Dead Brains, Tote Hirne, nennen sich die drei Raggae-Musiker, die im winzigen, mit Graffiti besprühten Club auf dem Pekarna-Gelände nachmittags proben. Sänger Mitja Tradnik – in Jeans, gelbem T-Shirt und mit Rastafari-Mütze auf dem Kopf – lobt den kreativen Nährboden seiner Heimatstadt: «Wir haben hier eine gute Szene, mindestens 100 Bands.» Wer gute Musiker suche, werde schnell fündig. Bekannt würden aber nur wenige.
Tradnik, mit Ende 30 deutlich älter als die meisten im Pekarna, kommt vom Radio und legt seit Jahren in Clubs als DJ auf. Da habe er so viel Musik im Kopf, dass er nun selbst Stücke schreibe und singe. Das Publikum allerdings bleibt überschaubar in der kleinen Stadt: «Zu wenig für die vielen Bands hier», meint Mitja und hofft wie viele, dass das Kulturjahr 2012 neue Fans bringt. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 26.12.2011, 09:14 Uhr
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