Wandern, wo Michelangelo den Marmor suchte
Von René Lenzin. Aktualisiert am 27.10.2010 1 Kommentar
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Tipps & Infos
Anreise Mit dem Zug in 3,5 bis 4 Stundenab Mailand über Genua-La Spezia bis Carrara-Avenza, einfaches Billett ca. 30 Fr. Weiter mit dem Bus 52 oder 70 bis ins gut4 km entfernte Stadtzentrum.Mit dem Auto von Mailand via A 7 nach Genua und via A 12 nach Carrara. Übernachten In Carrara im zentralen Hotel Michelangelo, DZ ca. 160 Fr. www.michelangelocarrara.itBed & Breakfast Antica Carrara, schönes Altstadthaus, zentral gelegen,DZ ca. 85 Fr.
Essen und Trinken In der autofreien Altstadt hat es zahlreiche Restaurants und Bars. Sehenswert ist das Marmormuseum ander Viale XX Settembre 85.http://urano.isti.cnr.itDie Berghütten des italienischen Alpenklubs CAI sind in der Regel von Ende Juni bis Anfang September durchgängig geöffnet, in der übrigen Zeit am Wochenende oder für Gruppen auf Anfrage. Schlafsack mitnehmen. www.cai.itReiseführer Pepo Hofstetter: Marmor, Meer und Maultierpfade. Die Apuanischen Alpen – Wandern in einer unbekannten Toskana. Rotpunktverlag, Zürich 2010. 312 S., ca. 44 Fr.Allgemeine Informationenwww.aptmassacarrara.it
Michelangelo muss ein schwieriger Kunde gewesen sein. Glaubt man dem biografischen Roman von Irving Stone, trieb der italienische Renaissancekünstler die Steinhauer mit seiner Suche nach dem perfekten Marmorblock schier zur Verzweiflung. Nachdem er für seine erste berühmte Statue – den Bacchus – schlechte Ware aus zweiter Hand erworben hatte, bearbeitete er nur noch Stein, den er selber ausgesucht hatte. Den edelsten und reinsten Marmor, den Bianco statuario, fand er in den Bergen hinter dem toskanischen Städtchen Carrara. Daher hat Michelangelo einen schönen Teil seines fast 90-jährigen Lebens dort verbracht.
Mit insgesamt 50 Sorten gilt Carrara als grösstes Marmor-Abbaugebiet der Welt. Vom Taj Mahal in Indien bis zum Petersdom in Rom gibt es kaum einen Prunkbau auf dieser Erde, der nicht mit dem edlen Stein aus der Nordwest-Toskana verziert wäre.
Wo Forster James Bond drehte
Seit der Zeit der Römer wird in Carrara Stein gehauen. Der jahrhundertelange Abbau hat faszinierende Landschaften entstehen lassen. Ganze Berghänge sind in grau-weisse Steinbrüche umgewandelt worden, die einzelnen Abbruchstellen mit ihren für die Marmorgewinnung typischen Stufen sehen aus wie in den Berg gebaute griechische Theater. Angetan davon war auch der Filmregisseur Marc Forster, der bei Fantiscritti einige Szenen seines James-Bond-Films «A Quantum of Solace» drehte. Dort führt auch eine knapp dreistündige Wanderung von der stillgelegten Marmor-Bahnstation in Tarnone bis Carrara vorbei, auf der sich die Welt der Steinbrüche entdecken lässt. Doch die Apuanischen Alpen, wie die Gegend seit Napoleon heisst, hat Wanderfreunden noch weit mehr zu bieten. Die weitgehend unbekannten und bis zu 2000 Meter hohen Gebirgszüge direkt am Tyrrhenischen Meer bergen wilde Landschaften, eine artenreiche Vegetation und vielfältige kulturelle Schätze.
In den Apuanischen Alpen sind mehrtägige Touren mit Übernachtungen in den Hütten des italienischen Alpenklubs CAI möglich. Aber auch eintägige Wanderungen wie der erwähnte Marmorpfad. Oder der Aufstieg auf den 1748 Meter hohen Monte Sagro, auch «Olymp von Carrara» genannt. Von Carrara aus kann man mit dem Bus oder dem Auto bis zur Berghütte Rifugio Carrara auf 1300 Meter Höhe fahren. Von dort gehts in knapp drei Stunden auf den Gipfel, auf dem einst die Götter gelebt haben sollen. Diese Tour lohnt sich insbesondere bei schönem Wetter, bietet sich einem doch eine grandiose Aussicht von Korsika bis zu den Alpen.
Schwatz mit dem Hüttenwart
Nach dem Abstieg und bevor man mit dem Bus wieder zurück nach Carrara fährt, lohnt sich ein Schwatz beim Hüttenwart Gianni Scaffardi und seiner Frau Maria Grazia Repetto im Rifugio Carrara. Sie erzählen Interessantes über die Gegend und ihre Eigenheiten; etwa über die Konflikte zwischen wirtschaftlichen und natur- und umweltschützerischen Interessen, die der Marmor-Abbau mit sich bringt. Tagtäglich frisst sich ein Konvoi von Lastwagen aus den Steinbrüchen an die Küste, was die Luft arg belastet. Scaffardi kritisiert, dass etliche Steinbrüche nicht mehr für die Gewinnung von Marmor, sondern für die Produktion von Kalziumkarbonat betrieben würden.
Wandern in den Apuanischen Alpen lässt sich ideal mit Badeferien im mondänen Forte dei Marmi oder in den etwas ruhigeren Marina di Carrara und Marina di Massa kombinieren. Wer ausgedehnte spätherbstliche oder winterliche Strandspaziergänge liebt, kommt am Fusse dieser Gebirgskette ebenfalls auf seine Rechnung. Etwa mit der gut zweistündigen Wanderung von Lido di Camaiore bis Forte dei Marmi.
All diese Touren sind im soeben erschienenen Wanderführer «Marmor, Meer und Maultierpfade» von Pepo Hof-stetter ausführlich beschrieben (siehe Box). Neben 19 ein- bis siebentägigen Wanderrouten bietet der Führer viel Lesenswertes über Geschichte und Kultur der Apuanischen Alpen.
Zeugnisse des Schreckens
In den Bergen hinter Carrara verlief im Zweiten Weltkrieg monatelang die Front. Als die Alliierten 1943 von Süditalien her nach Norden vorrückten, blieben sie sieben Monate an der deutschen Verteidigungslinie, der Linea Gotica, hängen. Auf 320 Kilometern vom Tyrrhenischen Meer bis an die Adria hatten die Deutschen Schützengräben, Panzersperren, Minenfelder und Bunker aneinandergereiht. In diesem Vierfrontenkrieg zwischen Alliierten und italienischen Widerstandskämpfern auf der einen sowie deutschen Truppen und italienischen Faschisten auf der anderen Seite spielten sich zahlreiche Dramen ab. Es gab den Aufstand der Frauen gegen die deutschen Besatzer in Carrara, und es gab unzählige Opfer. «Pro toten deutschen Soldaten zehn tote Italiener», lautete die offizielle Order des deutschen Oberbefehlshabers in Italien. Viele Zeugnisse aus dieser schrecklichen Zeit finden sich auf den Wanderungen. Schützengräben sind zu erkennen, oder Überreste von Panzersperren. Auf dem gut 900 Meter hohen Aussichtsberg Monte Folgorito ist eine Höhle, in der die Wehrmacht eine Funkstation untergebracht hatte.
Im Gegensatz zu den «richtigen» Alpen sind die Apuanen nicht sehr hoch. Da man aber häufig praktisch von Meereshöhe aus startet, gibt es dennoch rechte Höhenunterschiede zu überwinden. Bei den meisten Touren handelt es sich um anspruchsvolle Bergwanderungen. Eine solide Ausrüstung inklusive Regenschutz ist wärmstens empfohlen. Nur so wird der Ausblick aufs Meer und auf die teilweise bizarre Welt der Marmor-Steinbrüche zum wirklichen Genuss. Auch Michelangelo dürfte gutes Schuhwerk getragen haben, als er sich auf der Suche nach dem perfekten Marmorblock immer weiter die Hänge der Apuanischen Alpen hinaufbewegte.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 21.10.2010, 18:49 Uhr
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1 Kommentar
An den Autor : der Taj Mahal in Agra ist sicherlich nicht mit Carrara-Marmor erbaut worden, sondern mit Marmor aus dem indischen Makran. Dieser Marmor hat eine viel gröbere Kristallstruktur, was ihn härter und spiegelnder als der aus Carrara macht. Zudem wäre zu der Zeit ein Transport von solcher Dimension mit Segelschiffen ums Kap Horn wohl kaum mach- und bezahlbar gewesen. Mit freundlichem Gruss Antworten






