Schatzkammer des Jugendstils

Von Richard Diethelm. Aktualisiert am 05.04.2012

Als Lettland 1918 erstmals unabhängig wurde, blühte in Riga der Jugendstil. 800 Gebäude aus dieser Ära sind als Stolz der Nation erhalten geblieben.

1/3 Blick auf Riga: Hinter dem Dom verbindet die Vansu-Brücke die Altstadt mit dem nördlichen Ufer der Düna, wo viele russischstämmige Einwohner leben.
Bild: AFP

   

(Bild: TA-Grafik ib)

Reisetipps

Anreise: Air Baltic fliegt täglich ab Zürich nach Riga. Die Taxifahrt in die Innenstadt kostet mit dem Baltic Taxi Voucher 10 Lats (ca. 17 Fr.) Günstiger ist ein Shuttlebus, der alle 30 Min. zu diversen Hotels fährt.

Unterkunft und Verpflegung: Das Albert Hotel ist für Jugendstilfans ideal gelegen, aber leider ohne Charme. www.alberthotel.lv
Gediegen und teuer ist das Hotel Bergs; man isst vorzüglich und erreicht die Altstadt zu Fuss. www.hotelbergs.lv
In einer Gasse neben dem Dom liegt das ehrwürdige, schwülstige Gutenbergs Hotel. www.gutenbergs.eu

Im Jugendstilquartier um die Alberta iela ziehen junge Restaurants und Bars Geniesser an. Gute Weine und kleine Häppchen gibts im Vina Studija an der Elizabetes iela 10;
an derselben Strasse liegen das kreative The Flying Frog Café und die Demokratische Weinbar Garage (Nr. 83/85 im Berga Bazar).

Kultur: Das Jugendstilmuseum (Alberta iela 12) hat von 10 bis 18 Uhr geöffnet, ausser montags. www.jugendstils.riga.lv
Am Domplatz lohnt sich das Kunstmuseum.
www.rigasbirza.lv
Im Dom gibt es mittags oft Konzerte auf der weltberühmten Orgel von 1883/84.

Kulturhauptstadt 2014

Höhere Gewalt

Die Wahl Rigas (und des schwedischen Umea) zur europäischen Kulturhauptstadt 2014 fiel in eine Zeit, als die globale Finanz- und Wirtschaftskrise Lettland in die schwerste Rezession aller EU-Länder stürzte. «Wir wollen diesen Defekt in einen positiven Effekt umwandeln», sagt Aiva Rozenberga, die Rigas Programm als Kulturhauptstadt koordiniert. Unter dem Motto «Force-majeure» (höhere Gewalt) werden Bewohner und Kulturschaffende animiert, im Hinblick auf 2014 Ideen für kulturelle Ereignisse zu kreieren und zu verwirklichen. Link

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Liga Renkmane ist ein Kind des neuen Lettland. Sie war vierjährig, als die Letten 1991 die Agonie der Sowjetunion nutzten und sich zum zweiten Mal in ihrer Geschichte die Unabhängigkeit erkämpften. Aus dem Mädchen, das in der Hauptstadt Riga in einer Zeit grosser Umwälzungen aufwuchs, ist eine junge, selbstbewusste Frau geworden. Liga Renkmane hat in Amsterdam Recht und Politologie studiert. Sie spricht fliessend Englisch. Zurück in der Heimat, verdient sie einen Teil ihres Lebensunterhaltes als Führerin in Rigas Jugendstilmuseum.

«Die Jugendstilhäuser sind ein wichtiger Bestandteil unseres Nationalstolzes», sagt Renkmane, während sie Besucher durch die herrschaftliche Wohnung führt, die seit 2009 das Museum beherbergt. Von 1903 bis 1907 wohnte der lettische Architekt Konstantins Peksens in diesen Räumen. Peksens (1859–1928) war ungemein produktiv: Mehr als 200 der in Riga erhaltenen 800 Jugendstilgebäude entstanden nach seinen Plänen.

Als lebten sie auf dem Land

Er hatte mit seinem Schüler Eizens Laube auch das prächtige Eckhaus entworfen, das er im Parterre bewohnte. Es steht an der Abzweigung der Alberta iela von der Strelnieku iela. In den beiden Strassen und der benachbarten Elizabetes iela reihen sich Bürgerhäuser diverser Jugendstilarchitekten wie Perlen an einer Kette aneinander. Besonders opulent gestaltete Michail Eisenstein (1867–1921), der Vater des sowjetischen Regisseurs Sergei Eisenstein («Panzerkreuzer Potemkin»), die Fassaden seiner Bauten. Das Museum erlaubt einen Blick hinter die Fassade eines dieser Häuser.

Vom Salon bis zur Toilette sind alle Räume originalgetreu renoviert und mit Möbeln, Haushaltgeräten, Bildern und Glasmalereien aus dem frühen 20. Jahrhundert ausgestattet. Im Rauchersalon sind die Wände bis auf Brusthöhe mit dunklem Holz getäfert. Ein Fries mit stilisierten Kastanien verläuft unter der Decke, an die ein Stillleben gemalt ist. Die farbigen Scheiben der Jugendstilfenster dämpfen das Licht. «Diese Art der Dekoration sollte den Stadtbewohnern den Eindruck vermitteln, als lebten sie auf dem Land», sagt Renkmane.

Schlüssel zum Verständnis der Nationalgeschichte

Stilisierte Motive von Pflanzen und Tieren erinnern die Letten an frühere Zeiten, als sie das Land als Untertanen des Deutschen Ordens und später der russischer Zaren bebauten. Die ländlichen Motive sind typisch für eine lettische Eigenart des Jugendstils. Architekten wie Peksens und Laube prägten diesen «Nationale Romantik» genannten Baustil. In den Strassenzügen nördlich der Altstadt ist die Dichte an Jugendstilbauten besonders hoch. Sie sind die Attraktion Rigas für an Kunst und Architektur interessierte Touristen. Seit der Wende wurde schätzungsweise ein Drittel dieser Gebäude restauriert.

Die baltische Schatzkammer des Jugendstils enthält auch einen Schlüssel zum besseren Verständnis der Geschichte dieser jungen Nation. Das als Hansestadt reich gewordene Riga schleifte Mitte des 19. Jahrhunderts die Befestigungsanlagen, die die Altstadt bis ans Ufer des Flusses Daugava, der Düna, umgaben. An deren Stelle entstand ein Park mit einem Wassergraben und daran angrenzend neue Wohnquartiere mit schmucken Boulevards.

Die Hausbesitzer wurden enteignet

Der Bedarf an Wohnungen stieg im Übergang zum 20. Jahrhundert wegen der Industrialisierung stark. Bei der Planung der Wohnhäuser liessen sich die Architekten nicht nur durch den europäischen Jugendstil inspirieren. Sie leisteten durch die prächtig gestalteten Häuserzeilen auch ihren Beitrag zum «nationalen Erwachen» der Letten, die 1918 ihr lang ersehntes Ziel eines unabhängigen baltischen Staates erlangten.

Die weitere, leidvolle Geschichte Lettlands spiegelt sich in den Besitzerwechseln des Hauses, das Peksens einst bewohnte. Der Architekt verkaufte es an einen Fabrikanten, der in Lettland die ersten Zentralheizungen für Wohnhäuser herstellte. 1940 verleibte sich die Sowjetunion die baltischen Staaten aufgrund des geheimen Zusatzprotokolls zum Hitler-Stalin-Pakt ein; die Hausbesitzer wurden enteignet.

Ein Hochhaus im stalinistischen Zuckerbäckerstil beherbergt die Akademie der Wissenschaften

1941 eroberten deutsche Truppen nach Hitlers Überfall auf die Sowjetunion das Baltikum. Die Nazis gaben das Haus der Familie des Industriellen zurück, weil er Deutscher war. 1944 kehrte die Rote Armee zurück, und die Sowjets verstaatlichten erneut das private Wohneigentum. Nach Lettlands Befreiung vom sowjetischen Joch erliess das neue Parlament, die Saeima, 1991 ein Gesetz, wonach enteignete Gebäude ihren rechtmässigen Eigentümern zurückzugeben sind. Eine Nachfahrin des Heizungsfabrikanten besitzt seither das Jugendstilgebäude und vermietet Peksens’ Wohnung an das Museum.

Im Viertel Moskauer Vorstadt südlich der Altstadt und in Arbeiterquartieren am gegenüberliegenden Ufer der Düna ist das architektonische Erbe der sowjetischen Herrschaft sichtbar: Ein 1958 erbautes Hochhaus im stalinistischen Zuckerbäckerstil beherbergt die Akademie der Wissenschaften. Die schmutzig-gelbe Fassade und der blätternde Putz passen zu den alten russischen Wohnhäusern aus Holz, die in den Gassen der Moskauer Vorstadt vergammeln.

Vorbild für die jungen Künstler

Mehr Hoffnung besteht für die hässlichen Plattenbausiedlungen jenseits des breiten Flusses. 2014 wird Riga Kulturhauptstadt Europas sein (vgl. Kasten). Das gab den Anstoss für ein Programm, das die Bewohner der Plattenbausiedlungen ermuntert, die verwahrlosten Innenhöfe kreativ umzugestalten. Die ersten Pilotprojekte verliefen erfolgreich.

Wie Neues in einem heruntergekommenen Viertel entsteht, erleben Besucher der ehemaligen Speicher hinter Hauptbahnhof und Zentralmarkt. Ein Teil der zweistöckigen Lagerhallen aus rotem Backstein sind bereits sanft renoviert, andere noch Ruinen. Im Spikeri genannten Viertel verkaufen tagsüber Bauern Gemüse und Früchte aus dem Kofferraum ihrer Autos. Nebenan öffnete im Herbst 2010 eine Gedenkstätte, die an das Rigaer Ghetto und den Holocaust in Lettland erinnert. Das Museum hält das Gedenken an 70'000 einheimische und 20'000 aus Westeuropa deportierte Juden wach, die durch die Nazis und ihre lettischen Schergen im Zweiten Weltkrieg massakriert wurden.

Salmanis wuchs im Künstlermilieu von Riga auf

Im Spikeri kreuzen sich die Wege von Besuchern der In-Lokale und Boutiquen mit jenen, die sich in einem alten Speicher vom Orchester Sinfonietta für klassische Musik begeistern lassen. In der Kunsthalle KIM? trifft sich die freie Kultur- und Kunstszene. Hier hat auch Kriss Salmanis schon Werke ausgestellt. 2011 war er für den bedeutendsten Kunstpreis Lettlands nominiert. Ein Video des 35-jährigen Künstlers lief letztes Jahr im Rahmenprogramm des Berliner Filmfestivals.

Salmanis wuchs im Künstlermilieu von Riga auf. Sein Vater ist Bühnenbildner an der Staatsoper, die Mutter schneiderte dort die Kostüme. «In meiner Kunst beschäftige ich mich mit den Wurzeln der lettischen Identität», sagt Salmanis. Für sein in Berlin gezeigtes Video filmte er ein im Wind wogendes Ährenfeld vor einem Bauernhof. Eine stattliche Birke fährt in Zeitlupe durch den Mittelgrund dieser Landschaft. Der junge Künstler findet seine Motive mehr und mehr auf dem Land – wie einst die Architekten der lettischen Eigenart des Jugendstils. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.04.2012, 16:31 Uhr

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