Kühler Charme und heisse Quellen
Von Jürg Sohm. Aktualisiert am 05.01.2012 1 Kommentar
(Bild: TA-Grafik str)
Tipps & Informationen
Anreise
Tägliche Flüge ab Zürich nach Keflavik. In der Hauptreisezeit von Juni bis August bietet die Swiss Direktflüge ab Zürich und Genf an.
Unterkunft und Verpflegung
Reykjavik: Center Hotel Thingholt (DZ ab 106 Euro), Designhotel mit schwarz-weisser Kuhfell-Atmosphäre im Herzen der isländischen Hauptstadt, gleich neben der bekannten Einkaufsstrasse Laugavegur(www.centerhotels.com).
Essen im legendären Restaurant Reykjavik (www.restaurantreykjavik.is), das ein
überwältigendes Fischbuffet serviert.
Walfjord: Hotel Glymur (DZ ab 199 Euro), 45 Autominuten von Reykjavik; leicht erhöht über dem Fjord gelegen mit grandioser Aussicht (www.hotelglymur.is).
Halbinsel Snæfellsnes: Country Hotel Hellnar (DZ ab 130 Euro), einfache Zimmer,
faszinierender Blick über die Felsküste, isländische Küche (www.hellnar.is).
Währung
Isländische Krone (ISK), 100 ISK entsprechen rund 77 Rappen.
Wetter und Klima
Dank des Golfstroms herrscht in Island ein gemässigtes Meeresklima mit kühlen
Sommern und verhältnismässig milden Wintern. Das Wetter ist wechselhaft. Auch bei Sonnenschein am Morgen muss mit Regen im Verlauf des Tages gerechnet werden.
Spezielles
Für die Einfuhr von Anglerausrüstung und Reitstiefeln ist eine Desinfektionsbescheinigung nötig. (soh)
Das goldene Dreieck
Östlich von Reykjavik sind gleich drei touristische Attraktionen zu bestaunen, die typisch für Islands spektakuläre Landschaft sind.
Geysir: Die meterhoch in die Höhe schiessenden Wasserfontänen gehören zu Islands Wahrzeichen. Zwar hat der grosse Geysir manchmal Ladehemmung, direkt daneben aber schiesst ein kleinerer Geysir alle paar Minuten in die Höhe.
Gullfoss: Der «goldene Wasserfall» gehört zu den schönsten in Island. Der Gletscherfluss Hvítá stürzt hier in zwei Stufen in eine 70 Meter tiefe Schlucht. Im Winter gefriert die Gischt zu eisigen Fantasiegebilden.
Thingvellir: Islands Pendant zum Rütli ist auch geologisch bedeutend: Im Nationalpark und heutigen Unesco-Weltkulturerbe driften die eurasische und die amerikanische Kontinentalplatte jährlich rund einen Zentimeter auseinander. (soh)
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«Die neuen Häuser sind alle von 2007», witzelt der Fahrer Steinar Svensson auf dem Weg vom Flughafen Keflavik nach Reykjavik. Wir fahren an modernen Geschäfts- und Wohnblocks vorbei, die offensichtlich alle leer stehen. 2007, das war vor der grossen Finanzkrise, als Island faktisch bankrottging und vom Internationalen Währungsfonds mit Milliardenkrediten gestützt werden musste. Auf dem Inselstaat gibt es seither eine neue Zeitrechnung – die Zeit vor und nach der Finanzkrise, die im Oktober 2008 über das Land hereingebrochen ist. Die Isländer, von jeher an ein Leben auf Pump gewöhnt, mussten radikal umdenken. Die Kaufkraft ist gegenüber der Zeit vor der Krise um 30 Prozent gesunken.
Doch so zynisch es tönt: Während es den Isländern wirtschaftlich schlecht geht, ist das Land für Besucher umso attraktiver geworden. Der Kurs der isländischen Krone hat sich gegenüber dem Schweizer Franken mehr als halbiert, was Ferien auf der Vulkaninsel für viele überhaupt erst erschwinglich macht. Viele Produkte sind mit dem Kurssturz der Krone auf (hohes) Schweizer Preisniveau gesunken.
Der Rest ist Abgeschiedenheit
Island empfängt den Besucher mit kühlem Charme und rauer Exotik. Schwarze Lavafelder mit bizarren Basaltstrukturen prägen die grünen Ebenen. Die Hänge der Tafelberge und Vulkane sind schwarz von Lava oder rot von Erzen, manche Gipfel weiss von Eis und Schnee. Bricht zwischendurch ein gleissender Sonnenstrahl durch schwere Wolken, kann man sich am Farbenspiel fast nicht sattsehen. Island, das ist unbeschreiblich viel Natur. Fjorde und Gletscher, Strände und Vulkane, Wind und Wasser. Zwar ist die Insel mit 103'000 Quadratkilometern zweieinhalbmal so gross wie die Schweiz. Aber sie zählt nicht einmal 320'000 Einwohner – und zwei Drittel von ihnen leben in und um die Hauptstadt Reykjavik. Der Rest ist Abgeschiedenheit, die erkundet werden will: das Landesinnere im Geländewagen und zu Fuss, die Ringstrasse rund um die Insel im Auto, Bus oder mit dem Velo, die Küsten zu Schiff oder zu Pferd.
Die Abgeschiedenheit beginnt schon eine knappe Autostunde nördlich von Reykjavik am Walfjord. Seit ein Autotunnel den Umweg um den Fjord erspart, ist die liebliche Bucht noch etwas ruhiger geworden. Vom Hotel Glymur aus bietet sich ein prächtiger Blick über die Meereszunge. In der Nähe liegt Islands höchster Wasserfall; er heisst Glymur wie das Hotel, und seine 200 Meter hohen Flanken lassen sich erwandern.
Der Walfang gehört zum Kulturerbe
Doch die Idylle ist nicht perfekt. Die am Fjord gelegene Walfangstation trübt in den Augen empfindlicher Besucher das harmonische Bild. Die Hotelverantwortlichen waren jedenfalls froh, als die Station den Betrieb letztes Jahr aussetzte – und Ruhesuchenden der Anblick erlegter Wale erspart blieb, die durch den Fjord gezogen werden. Auch das ist Island: Der Walfang gehört zum Kulturerbe. Nicht von ungefähr bedeutet «Hvalreki» gleichzeitig «gestrandeter Wal» und «grosser Glückstreffer». Dass man auf einem Fischbuffet Walfleisch findet, versteht sich da von selbst. Fahrer Svensson sagt es so: «Die Wale fressen unser Essen.» Es sei nur natürlich, dass der Walbestand reglementiert werde. Weiter darüber diskutieren mag er, wie die meisten Isländer, nicht.
Island ist oft windig, kalt und nass. Das ist für Schweizer Schönwetter-Ausflügler ungewohnt, aber eine Erfahrung wert. Isländer planen ihre Ausflüge nicht nach den Wettervorhersagen – sie machen sie einfach. So kann die bei Wolkenbrüchen gestartete Wanderung im schönsten Sonnenschein enden – und umgekehrt.
Ein grosses Kraftwerk
Überhaupt ist «kalt» relativ in einem Land, in dem die Hitze überall aus dem Boden quillt. Wie aktiv die Vulkane im geologisch jüngsten Land der Welt sind, hat Europa dramatisch erfahren, als die Ausbrüche des Grimsvötn und des Eyjafjalla den Flugverkehr tagelang lahmlegten. Für Island indes ist der brodelnde Untergrund mehr Segen als Fluch. Die Isländer sitzen auf einem Kraftwerk und nutzen dieses intensiv. Die Insel ist derart reich an heissen Quellen, dass in Reykjavik dank natürlichem Warmwasser im Winter sogar Strassen geheizt werden.
Energie ist hier, anders als überall sonst, kein Problem, sondern ein Rohstoff. Die Isländer haben gelernt, sich diesen zunutze zu machen. Weil Energie nicht exportiert werden kann, haben sie einen energieintensiven Industriezweig auf ihre abgeschiedene Insel geholt: die Aluminiumproduktion. So wird Bauxit aus Australien nach Island verschifft, da zu Aluminium verhüttet – und dann in alle Welt exportiert. Drei Aluminiumwerke sind in Betrieb, zwei weitere geplant, was nun aber Umweltschützer auf den Plan gerufen hat.
Die Isländer nutzen das Gratis-Kraftwerk aber auch für ihr ganz persönliches Wohlbefinden: Sie baden fürs Leben gern. Zu jedem Dorf gehört ein Schwimmbad – selbstverständlich ein Freibad. Hier trifft sich Jung und Alt und wärmt sich die Glieder. Baden gehört zum gesellschaftlichen Leben, bei jedem Wetter und bei jeder Jahreszeit. Steinar Svenssons Rat, eine Islandreise unbedingt mit einem Bad zu beginnen, bedarf keiner weiteren Begründung.Island ist Wellness im besten Sinn. Die Vulkaninsel hat viel Besseres zu bieten als künstliche Wohlfühloasen. Man stelle sich fernab jeder Zivilisation einen natürlichen Hotpot vor, der von aussen betrachtet nicht mehr ist als ein etwas schlammiger, dampfender Tümpel, dessen Quellwasser aber eine derart angenehme Temperatur aufweist, dass man gar nicht mehr aussteigen mag und selbst die Schneeflocken im Juni vergisst. Wenn man danach barfuss über den dicken Flechtenteppich geht, ist das Wohlbefinden perfekt.
Die Reise wurde ermöglicht durch Kontiki-Saga Reisen AG in Baden. www.kontiki.ch (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 05.01.2012, 10:25 Uhr
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