Reise

Jenseits von Sotschi

Was ist das eigentlich für ein Land, in dem demnächst die Olympischen Winterspiele stattfinden? Eine Reise durch Putins Russland.

Unendliche sibirische Weite: Grosse Teile von Russland sind weitgehend menschenleer.

Unendliche sibirische Weite: Grosse Teile von Russland sind weitgehend menschenleer. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ob einem Russland als Land der Freiheit oder der Unfreiheit erscheint, hängt auch davon ab, wo man herkommt. Für Schawkat Mirsajew ist es ein Land der Freiheit: «Hier gibt es Demokratie», sagt der schwarzhaarige 46-Jährige. In seiner Heimat Usbekistan reiche ein falsches Wort über Präsident Islam Karimow, dass Menschen verschwänden.

Mirsajew steht in Jeans und roter Daunenjacke im Schnee und schneidet Zwiebeln. In einem aufgesägten Ölfass hat er Feuer gemacht, der improvisierte Herd hat den richtigen Durchmesser für den schweren Kasan, einen eisernen Kochtopf, der geformt ist wie ein Wok. Nach seiner Ankunft in Moskau vor 13 Jahren ist er Taxi gefahren. Nicht offiziell natürlich: Er hat in seinem Auto Leute mitgenommen, die an der Strasse die Hand raushielten: Eine Stadtrundfahrt brachte ihm 400 Rubel, knapp zehn Franken. Und wenn die Fahrgäste ihm offen erschienen, zeigte er ihnen auf seinem Handy Videos, wie er in der Natur Plow kocht, den traditionellen usbekischen Eintopf mit Reis und Fleisch. Und er erzählte, dass er eigentlich Koch ist, mit sowjetischem Diplom, ausgebildet in Samarkand.

Russen lieben die Küche Zentralasiens, sie bringt etwas Abwechslung und Exotik neben Kohlsuppe und Buchweizengrütze. Bald hatte der Taxifahrer erste Aufträge als Caterer.

Mirsajew giesst einen Liter Sonnenblumenöl, einen Liter Baumwollöl und einen Schuss schwarzes Sesamöl in den Topf – die usbekische Küche ist nicht gerade leicht. «Es gibt hundert Sorten Plow», sagt er: «Weissen, gelben, schokoladebraunen und schwarzen Plow.» Die Farbe hängt davon ab, wie lange die Zwiebeln im Fett brutzeln. Danach hat er noch einen Job in einem Café. Er muss die Miete für die zwei Zimmer zusammenbekommen, in denen er mit seiner Frau und den beiden kleinen Kindern wohnt. Die vier grösseren leben bei der Familie in Usbekistan. «Sechs Kinder sind bei uns normal», sagt Mirsajew.

In Samarkand hat er immer auf der Strasse gekocht. Überall brennen dort Feuer. In Moskau muss man Rücksicht nehmen, deshalb kocht er am Rande der Stadt, wo nur wenige Häuser stehen. Die Stimmung gegenüber Migranten ist gespannt. «Tschurka», «Holzklotz» werden die Tadschiken, Usbeken und Kaukasier geschimpft. Es wird eine Visapflicht gefordert für jene, mit denen man noch vor zwei Jahrzehnten offiziell ein «Sowjetvolk» bildete. Erst letzte Woche wurde Mirsajew auf offener Strasse von einem Betrunkenen verprügelt.

Schwarz trinken

Onkel Genja, wie der 80-Jährige genannt werden möchte, macht den vermutlich besten Honigwodka in Westrussland. Der Selbstgebrannte hat einen Alkoholgehalt von gut 40 Prozent, eine edle Farbe und macht keinen Kater. Onkel Genja lebt mit seiner Frau Proskowja in einem Holzhaus im Dorf Sakulino unweit der lettischen Grenze. Nur zwei weitere Menschen leben in dem Dorf: Polina und Schura, beide Ende 60, verheiratet seit der Kubakrise. Ein Dutzend Häuser stehen in Sakulino leer.

In 20'000 russischen Dörfern wohnt heute kein Mensch mehr. Die meisten haben sich aus einem Grund geleert: Alkohol. In keiner russischen Stadt wird so heftig und kollektiv getrunken wie auf dem Land. In Russland spricht man von «schwarz trinken». Nicht weil die Menschen umsonst trinken, sondern weil sie die Welt nur schwarzsehen, seit langem.

In den 30er-Jahren zerstörte Josef Stalin das Rückgrat der russischen Landwirtschaft, indem er die erfolgreichsten Bauern enteignen, verbannen oder hinrichten liess und den Rest in kollektive Grossbetriebe – Kolchosen – zwang. Das Dorf sollte für die Industrialisierung bluten. Millionen Bauern verhungerten. In den 60ern wurden Plattenbauten samt Schrebergärten für Bauern errichtet. Heute importiert Russland Getreide, Milch, Tomaten. Fruchtbare Böden liegen brach.

Ein koreanischer Unternehmer betreibt eine Karottenplantage in der Nähe von Sakulino. Er beschäftigt russische Jugendliche für gutes Geld: 20'000 Rubel, knapp 500 Franken im Monat. Und trotzdem klagt er über «hohe Fluktuation»: Seine Arbeiter vertrinken ihr Gehalt, er muss ständig neue anheuern.

Sakulino hebt sich da ab: Hier trinkt keiner schwarz. Das liegt nicht nur am hohen Alter der Bewohner. Onkel Genja hat nie viel getrunken, wie seine Frau versichert. Seinen Honigwodka hat er stets zu besonderen Anlässen verschenkt. Er züchtet Bienen und hat einen Gemüsegarten. Onkel Genja und seine Frau haben jahrzehntelang staatlichen Weizen gesät, aber sie haben die selbstständige Mentalität russischer Bauern aus der Zeit vor Stalin behalten. «Wozu sollen wir uns verändern?» lacht Praskowja. «Wir sind altgläubig.» Die Altgläubigen (eine Art orthodoxe Hugenotten) wurden schon im Zarenreich unterdrückt, darum wissen sie, wie ihre Weltanschauung schützen, ob unter Stalin, Jelzin oder Putin.

Wo die Romanows heilig sind

In Moskau tobt der Kampf, den die Punkerinnen von Pussy Riot mit ihrem Auftritt in der Christ-Erlöser-Kathedrale vor zwei Jahren auf die Spitze getrieben haben: Auf der einen Seite die Leitung der orthodoxen Kirche, die sich als Verbündete des Kremls versteht in der Schlacht gegen die angebliche westliche Dekadenz. Auf der anderen Seite ein aufgeklärtes Bürgertum, das sich gegen die staatlich-kirchliche Symbiose wehrt, zumal gegen einen Patriarchen, der sich zur Sowjetzeit gut mit dem KGB verstand und heute Breguet-Uhren trägt. Mit Glauben hat dieser Kampf wenig zu tun.

Aber je weiter man sich von Moskau entfernt, desto stärker spürt man, dass Russland ein frommes Land ist. Am Ural etwa, in der Stadt Alapajewsk, gibt es Menschen, die ohne Hilfe vom Staat oder vom Patriarchat ihre heruntergekommenen Kirchen renovieren – eigenhändig, denn es fehlt an Geld. Es gibt hier Studenten, die sonntags zur Kirche gehen und freiwillig in Tschaikowskis Geburtshaus arbeiten. Sie finden nichts dabei, über die Homosexualität des Komponisten zu sprechen: «Na und? Warum ist das wichtig? Es geht doch um seine Musik.» Der Ural ist eine Region mit einer besonderen geistigen Tradition. In einem Keller in Jekaterinburg wurde im Juli 1918 die Familie des letzten russischen Kaisers Nikolaus II. erschossen. An der Stelle des Hauses, wo das passierte, steht heute die Kathedrale auf dem Blut. Ein Pilgermagnet. Die Romanows wurden im Jahr 2000 heiliggesprochen.

Ideologische Massstäbe

Der Professor in Petersburg öffnet die Wohnungstür in Kapuzenpulli und Badelatschen. Die Geschichte, die Sergej Tschebanow bei Tee in seiner Altbauküche erzählt, gibt einen Eindruck vom Leben als Wissenschaftler in einem Land, in dem die Ideologie oft wichtiger als die Suche nach Wahrheit war. Selbst wenn das Forschungsgebiet scheinbar unpolitisch ist: Tschebanow studierte erst Mathematik, dann Biologie und gründete anschliessend ein Seminar für Biohermeneutik – damals ein völlig neuer Ansatz, der Organismen nach ihrer Systematik untersucht wie Linguisten die Sprache.

Das Seminar gibt es heute noch. Aber damals wollten die sowjetischen Wissenschaftsplaner den jungen Forscher in eine Konservenfabrik nach Dagestan schicken. Als er sich weigerte, bekam er eine Stelle als Laborant in einer Geburtsklinik. «Das waren meine besten Jahre», sagt Tschebanow. «Die Arbeit hatte ich in zwei Stunden erledigt, dann konnte ich mich meinen Studien widmen.» Eine Professur für mathematische Linguistik bekam er mit 20 Jahren Verspätung. Die grösste wissenschaftliche Freiheit habe er nach der Wende in den 90er-Jahren gehabt. Russische Forscher erhielten Zugang zu internationalen Fördertöpfen. Gleichzeitig waren die angestammten Privilegien plötzlich nichts mehr Wert und die Gehälter lächerlich. Die Wissenschaftler, die nicht auswanderten, sind heute mit neuen Einschränkungen konfrontiert. Staatliche Mittel würden wieder nach ideologischen Massstäben vergeben, sagt Tschebanow. «Was Putin nicht gefällt, wird nicht finanziert.»

Ein Betrieb, eine Stadt

Das Städtchen Jurga liegt an der Transsibirischen Eisenbahnstrecke, ziemlich genau in Russlands geografischer Mitte. Für Touristen, die zum Baikalsee fahren, ist es einer jener Bahnhöfe, wo sie sich die Beine vertreten und vielleicht ein Glas Essiggurken auf dem Perron kaufen. Mit Koffer steigt hier nur aus, wer muss.

Jurga ist eine sogenannte Monostadt, sie entstand zur Sowjetzeit um einen Rüstungsbetrieb herum. Früher stellte das Werk Flakgeschütze für die Rote Armee her. Heute produziert es Bohrmaschinen für die Kohleindustrie. Aber die verkaufen sich miserabel. Die Jugend flieht. Im Winter kann es sehr kalt werden in der 80'000 Einwohner zählenden Stadt, minus 40 Grad. Kinder und Jugendliche spielen dann Bogen-Spucken: Man spuckt hoch in die Luft und hofft, dass die Spucke gefriert und als ein Stück Eis landet.

Die Weltbank hat ausgerechnet, dass 25 Millionen Russen in solch unwirtlichen Monostädten leben. Ein Sechstel der Bevölkerung lebt also in Städten, die unter normalen Umständen nicht entstanden wären. Zum Beispiel Jekaterina Schmykowa, geboren 1927 in einem Dorf an der Eisenbahnlinie. Sie ging als Kind, statt Schweine zu hüten, auf die technische Schule, an der Ingenieure für das Kanonenwerk ausgebildet wurden. Ihre Lehrer waren Hochschulprofessoren, die aus dem belagerten Leningrad geflohen waren. Im Betrieb lernte sie ihren Mann kennen. Erst als der wegen einer seltenen Lebererkrankung im Sterben lag und sie, anstatt ihn zu pflegen, weiterhin Kanonen bauen musste, bekam sie Zweifel.

Schmykowa gehörte zur Elite, verdiente nicht schlecht. Aber sie durfte das Land kein einziges Mal verlassen – als Waffeningenieurin war sie im Besitz strategisch wichtiger Daten. Heute erhält sie eine Rente von umgerechnet 200 Franken. Sie ist nicht homophob und guckt kein Staatsfernsehen. Ihr Russland ist ein stilles Land. Sie liest viel, meistens Tschechow oder Puschkin, trinkt grünen Tee und blättert manchmal in der Bibel. «Ich habe viel verpasst vor lauter Raketenbauen», sagt sie. «Das Nichtgelesene kann man nachlesen. Das Nichterlebte aber kann man nicht mehr nachholen.»

Freiwillige Helfer

Mitja Aleschkowski erinnert sich gut an jenen Tag im Juli 2012, als sich Decken, Kleider und Konserven vor der Moskauer Lomonossow-Universität stapelten. In Krymsk, 1500 Kilometer weiter südlich, war innerhalb zweier Tage so viel Regen gefallen wie sonst in Monaten. Das Wasser hatte sich in den Flüssen aus den umliegenden Bergen gesammelt und sich in der Nacht wie eine Springflut in die Stadt ergossen. Die meisten der 57'000 Einwohner schliefen, als die Welle kam, mehr als 170 Menschen starben, Tausende verloren ihr Zuhause. Niemand hatte sie gewarnt, und die Bürokratie blockierte schnelle Hilfe. Da ergriffen die Bürger selbst die Initiative.

Aleschkowski, ein 28-jähriger Fotograf und Blogger, fand sich in der Rolle des Koordinators wieder. Er schickte mehr als 150 Tonnen Hilfsgüter und mehr als 1000 Freiwillige nach Krymsk. Viele der Helfer kannten sich von den Demonstrationen im Winter. Damals, als Wladimir Putin und Dmitri Medwedew ihre Ämter tauschten, war Aleschkowski auf jeder Demo. «Das Resultat ist null», sagt er. Es habe keinen Sinn, sich mit der Macht im Kreml anzulegen: «Die sind stärker, sie zermalmen dich, das hat auch der Fall Chodorkowski gezeigt.» Einzig soziales Engagement könne das Land verändern. Mit einer Freiwilligenkultur, so hofft er, könnte sich irgendwann auch eine Zivilgesellschaft entwickeln. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.01.2014, 08:57 Uhr

Artikel zum Thema

Putin und Obama telefonieren wegen Sotschi

Der Kreml-Chef und der US-Präsident berieten über die Sicherheit an den Olympischen Spielen in Russland. Die Interessen beider Länder und ein sicheres Sportereignis standen im Zentrum des Gesprächs. Mehr...

Russland fahndet nach einer jungen Witwe

Gut zwei Wochen vor Beginn der Olympischen Winterspiele von Sotschi suchen die russischen Behörden drei mögliche Selbstmordattentäterinnen. Die Polizei hängte Fahndungsplakate aus. Mehr...

«Wir haben ein Geschenk für Sotschi»

Kurz vor Beginn der Olympischen Winterspiele in Russland tauchen neue Drohungen auf. In einem Video versprechen Islamisten Rache «für das Blut der Muslime». Zudem gestehen sie die Attentate in Wolgograd. Mehr...

(Bild: TA-Grafik)

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Werbung

Urban und trendy?

Mal im Selbstversuch, mal beim Ortstermin. Oft mit Nachgeschmack. Immer allumfassend.

Die Welt in Bildern

Süsse Handarbeit: In der Schokoladenfabrik 'La muchacha de los chocolates' platziert ein Arbeiter eine Kirsche in eine mit Schokolade ausgekleidete Form. (21. Juli 2017)
(Bild: Andres Stapff) Mehr...