«Gerumpelt wurde immer wieder» – Geständnisse einer Stewardess
Interview: Matthias Chapman. Aktualisiert am 04.11.2009 57 Kommentare
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Zur Autorin
Ursula Wiehl-Wüthrich wurde am 26.Oktober 1951 in Solothurn geboren. Mit zwei Schwestern wuchs sie in Derendingen auf. 1970 führte ihre Flugbegeisterung zum Brevet für Segelflieger, welches sie elf Jahre lang, bis zu ihrem mit viel Glück überlebten Absturz aktiv aufrecht erhielt. 1972 trat sie ihre erste Stelle als Primarlehrerin an.
Am 5.3.1973 begann Ursula mit der Ausbildung zur Airhostess bei Swissair. Ein Jahr später verheiratete sie sich mit Herbert Wiehl, einem ebenfalls flugbegeisterten Reiseleiter und Studenten der Physik. Im selben Jahr wurde Ursula zur Instruktorin ernannt. Drei Jahre später bewarb sie sich als Supervisor bzw. Purser auf DC-9 und DC-8 Flugzeugen. 1982 folgte die Ausbildung zum First Class Galley Flight Attendant. In dieser Funktion arbeitete Ursula auch nach dem Übertritt in die Swiss weiter und bis zu ihrer Frühpensionierung Ende 2007.
2008 veröffentlichte Ursula Wiehl-Wüthrich ein Buch «Lust und Frust über den Wolken». Darin schreibt sie von Schlägereien zwischen Kaviar und Kirschtorte bis hin zum Empfang mit Handschellen in New York, vom blinden Passagier, der sie zum Schmunzeln brachte und einem knapp überlebten Tötungsversuch in Dakar.
Die Autorin lebt mit ihrem Mann Herbert und Kater Flöru in Hettiswil, im unteren Emmental. Sie frönt ausgiebig ihrem Hobby Gärtnern, begleitet Herbert auf Flügen mit seinem selbst gebauten Flugzeug Velocity, einem Canardflugzeug und hilft ihrem Mann bei der Herstellung von Physiklernprogrammen.
Ursula Wiehl-Wüthrich: «Lust und Frust über den Wolken», 2008, 132 Seiten. Im Buchhandel oder direkt bei Ursula Wiehl unter www.physikcd.ch erhältlich
Hörprobe
Frau Wiehl, wann hatten Sie ihren letzten Flug, und was blieb Ihnen davon in Erinnerung?
Mein letzter blau gewandeter Einsatz in «Amt und Würde» fand am 27.12.2007 und auf dem Flug LX 53 von Boston nach Zürich statt. Mir bleibt ein randalierender Herr und Passagier in Erinnerung, der meine unmissverständliche und x-te Ermahnung, sich sofort angemessen zu benehmen, mit einem weitum unüberhörbaren «You know what? Fuck off!» quittierte. Genau das – so liess ich ihn lächelnd wissen – würde ich nach der Landung tun... Und zwar für immer. Worauf er sich in bodenloser Verblüffung artig hinsetzte und bis nach der Landung sitzen blieb.
Welche prominente Menschen haben Sie über den Wolken begleitet?
Neben vielen anderen... Johnny Weissmüller, den ersten Tarzan! Auf einem Flug nach New York war er derart betrunken, dass er in der First Class jeden Gast anquatschte, ob er ihn kenne. Als sich jedoch das Erkennen in allzu bescheidenen Grenzen hielt, begann Johnny – wie einst als Tarzan – nach seiner Jane zu kreischen und zwar ohne Ende; dabei hüpfte er von Sitzreihe zu Sitzreihe und riss sich dabei die Kleider vom Leib. Und als vor fast 35 Jahren der damals noch junge König Gustaf von Schweden – inkognito – mit ein paar Bodyguards und sonstigen Bedientesten die kleine DC-9 in Genf betrat um mit uns nach Zürich zu fliegen, war ich als blutjunges Hostessli derart stolz, ihn halt trotz aller Geheimhaltung erkannt zu haben, dass ich die Willkommensansage folgendermassen durch die Kabine schallen liess: «Meine Damen und Herren, hochwohl gelobte, königliche Hoheit, König Gustaf von Schweden, willkommen an Bord!!» Noch immer höre ich in meinen damals ziemlich roten Ohren das wütende Zischen eines der königlichen Begleiter: «What the hell are you thinking of doing ?». Der König sprach nie ein Wort zu mir, sah nur einmal kurz von seiner Zeitung hoch und lächelte kurz in meine Richtung – das schrägste, spöttischste Lächeln, welches ich je in meiner fünfunddreissigjährigen Flugkarriere zu sehen bekam.
Wenn Sie auf ihre Karriere als Flight Attendant zurückschauen, welches sind die drei Erlebnisse, die Sie nie vergessen werden?
Was heisst hier drei Erlebnisse? Lassen Sie mich aufzählen. Als erstes ist da sicher Halifax. Der Absturz von SR 111 – einfach so, völlig unerwartet, unfassbar, unglaublich, unermesslich schmerzlich! Der Anfang des langsamen Ablebens von Swissair. Und dann 9/11! An diesem Tag in New York zu sein? Gewünscht hätte ich es mir nie. Oder: Eines Tages wurde ich in New York in Handschellen vor den neugierigen Augen der Passagiere abgeführt, bloss weil mein Name mit «Weil» einmal mehr falsch geschrieben wurde und die Polizei einen Drogenkurier mit diesem Namen erwartet hatte. Einmal geriet ich auf dem Weg zum Frühstücksrestaurant in eine Mafia-Schiesserei und überlebte um genau fünf Zentimeter einen Kopfschuss. Und in Dakar wurde ich beinahe vergewaltigt und ermordet.
Sind die Menschen, wenn sie in der Luft sind, anders als sonst?
Je nachdem: positive wie negative Charaktereigenschaften drücken sich deutlicher aus denn auf dem Boden. Fliegen heute ist nun mal Stress für die meisten Passagiere, allein schon wegen des Eingesperrtseins, des Gefühls ausgeliefert zu sein und der Angst, in der grossen Masse vergessen zu gehen. Gerade männliche Gäste tun sich schwer mit Flugangst, welche nicht selten durch aggressives Verhalten heruntergespielt wird.
Wilde Geschichten ranken sich um die Toilette. Von chambre séparée und heissen Begegnungen ist die Rede. Ist das wirklich so?
Es gibt auch über den Wolken nichts, was es hier unten auch nicht gibt. Hin und wieder mussten wir schon mal eine Toilette von aussen und mit Spezialtrick öffnen, wenn sie gar zu lange «besetzt» blieb – oder wir von einigen, sich die Beine in den Bauch stehenden Gästen gebeten wurden, doch vielleicht mal im besagten «Kabäuschen» nachzuschauen. Es rumple so seltsam und man vernehme immer wieder Stöhnen, als ob jemand im Sterben liege. Gerumpelt und gestöhnt wurde immer wieder – aber gestorben? Nein, nie! Dafür gab es hin und wieder rote Backen und zerzauste Dauerwellen, wenn sich so eine Zweierpackung Mensch aus diesen fast unmenschlich engen Flugzeugtoiletten ziemlich verlegen herausschälte.
War die Stimmung auf gewissen Flügen erotisch aufgeladen?
Was die jeweiligen Besatzungen anbetrifft, kaum. Wenn wir endlich und vielleicht für ein paar Minuten die Beine ausstrecken durften, bestand zu jeglicher Erotik keine Lust. Bloss Hunger und Durst plagten uns und das Bedürfnis nach Ruhe und vielleicht noch nach dem «Blick» oder dem «Tagi» samt Magazin – je nach Müdigkeit in dieser Reihenfolge oder eben umgekehrt. Was aber unsere Gäste anbetraf? Nun, hin und wieder «schwieg des Sängers Höflichkeit» oder – je nachdem – ergriffen sie, unsere Gäste, halt die günstige Gelegenheit oder ihren Sitznachbarn bzw. ihre Sitznachbarin.
Welche Linie flogen Sie am wenigsten gern, und warum?
Eine? Da gab es eine ganze Menge! Nicht so sehr eine bestimmte Strecke erregte mein Missbehagen. Vielmehr ergab sich auf gewissen Flügen das unglückliche Dauer-Zusammenspiel von Zeitdruck und damit dem Gefühl, den Ansprüchen der Gäste nicht gerecht werden zu können, dazu gesellten sich ebenso der Papierkrieg, den gewisse Flüge leider erforderten und die Mentalität, bzw. die Minderwertigkeitskomplexe oder die Arroganz gewisser Nationalitäten, welche in einem Flight Attendant bestenfalls eine Magd, wenn nicht einen Bodenteppich, sahen und sehen. Zwei knallvolle Flüge pro Tag nach London oder Paris? Flüge nach Indien oder Israel mit hundertfünfunddreissig Spezialessen? Flüge nach Westafrika – im Bewusstsein, möglicherweise wieder die halbe Nacht schweisstriefend mit wunden Füssen am Zoll warten zu müssen, weil der Chef kein fettes, im Pass verstecktes Dollarnötchen dem Zollbeamten rechtzeitig entgegengestreckt hatte? Na ja, was soll ich sagen, ohne irgendeine Nation zu beleidigen?
Was war Ihre Lieblingsstrecke?
Über Jahre war es der Flug nach Newark, nicht New York. Der Flug verliess Zürich erst am späteren Abend. Die Gäste waren wohlig müde und irgendwie entspannt schläfrig. Der Flug erreichte Newark so spät, dass niemand mehr um einen Anschlussflug zittern musste und die so oft übliche Nervosität nach der Ankunft ausblieb. Menschen mitten in der Nacht sind anders – angenehmer, ruhiger. Das gilt auch für Besatzungen. Sich danach in die Hotelbar setzen zu dürfen und Carlos, den Barmann, rufen zu hören: «Same as alsways?», war einfach wie Heimkommen.
Wieso haben Sie ein Buch über Ihre Erlebnisse geschrieben, ist die Atmosphäre über den Wolken etwas Spezielles?
Über die Jahre hindurch hatte ich immer wieder in firmeneigenen Magazinen sowie diversen anderen Publikationen im In- und Ausland Leserbriefe, Erlebnisse oder sonstige Geschichten geschrieben und zwar meist aus bodenloser Langeweile heraus, weil ich die monatlich wiederkehrenden und verhassten Pikett-Tage auf dem Flughafen so oft untätig absitzen musste. All die Jahre hindurch wurde ich von meinen Kollegen immer wieder angehalten, doch endlich ein paar meiner Geschichten in einem Büchlein zusammenzufassen. Meine Antwort war immer dieselbe: «Wenn ich dann einmal pensioniert bin.» Und das bin ich jetzt seit zwei Jahren. Ob der Alltag über den Wolken etwas Spezielles sei? Seit meiner Pensionierung verging nicht eine einzige Nacht, während der ich in meinen Träumen nicht geflogen bin. Das sagt wohl alles. Kleiner Nachtrag: Jeden Morgen bin ich ungemein froh, in meinem Bett erwachen zu dürfen.
Wie waren die Reaktionen auf Ihr Buch?
Ursprünglich waren meine Erinnerungen lediglich für meine Kollegen und Kolleginnen sowie für meine Familie gedacht gewesen. Kaum der Druckpresse entronnen, begannen sich aber immer mehr Leser aus allen Landesteilen für mein Buch zu interessieren. Menschen, die nicht das Geringste mit dem Alltag über den Wolken zu tun haben. Täglich erreichten mich Mails, Briefe und Telefonanrufe, welche mich regelrecht ermunterten, die zweite Auflage drucken zu lassen. Unterdessen wurde auch – und in Eigenregie – das gleichnamige Hörbuch fertiggestellt. Dass mich Kurt Aeschbacher in seine Sendung eingeladen hatte, setzte dem unerwarteten Erfolg meiner Flugerinnerungen das Krönchen auf.
Haben Sie heikle Situationen erlebt, in denen Sie Angst hatten?
Oh ja! Unzählige... Meinen Sie zum Beispiel den Triebwerkbrand, gleich nach dem Start in Colombo, bei strömendem Regen und einem platschvollen Flieger? Oder den Passagier, der bis über die Ohren vollgepumpt mit Morphium und bestückt mit einem scharfen Klappmesser in einer First Class Amok lief? Denken Sie an den Blitz, der in die Flugzeugnase schlug und mich einen Meter hoch in der Kabine aufspringen liess? Den Bombenalarm vielleicht, während eines Fluges von Damaskus nach Zürich, mit Notlandung in Athen? Meinen Sie die Schlägerei in der First Class auf dem Flug nach Mumbai? Erinnern Sie mich an den Gast, der mich am Rockkragen hochzog und eigentlich erwürgen wollte? Kurz: die Angst flog immer mit.
Das Interview wurde per E-Mail schriftlich geführt.
(DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 04.11.2009, 18:06 Uhr
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57 Kommentare
Landung eines der ersten "kleinen" Airbus in Zürich. Die Gesellschaft, eine der bekanntesten Europas. Sofort nach dem Aufsetzen kam weisser Qualm im Bereich der Innenbeleuchtung. Inkl. dem Personal wurden alle, die das bemerkten kreideweiss - auch ich Vielflieger. Danach Entwarnung. Man hatte vergessen zu lernen, dass das bei diesem Typ eine normale Reaktion der Klimaanlage nach der Landung war... Antworten







