Leben

Die christlichen Hotels florieren

Von Michael Meier. Aktualisiert am 07.01.2011 3 Kommentare

In der Schweiz gibt es gut 50 christliche Hotels. Die meisten sind in freikirchlicher Hand.

Vor dem Zentrum Ländli: Falk Pfleiderer (links) und Hans-Beat Buol.

Vor dem Zentrum Ländli: Falk Pfleiderer (links) und Hans-Beat Buol.
Bild: Sophie Stieger

Das Zentrum Ländli in Oberägeri ist ein grosser Gebäudekomplex an schönster Lage. Es ist Kur-, Seminar- und Ferienhotel mit grossem Wellnessbereich in einem. Vom geräumigen Speisesaal blickt man auf den Ägerisee und das verschneite Ufer. Die mehrheitlich älteren Gäste lauschen vor dem Mittagessen dem Tischgebet, das von einer Frau in Schwesterntracht gesprochen wird.

Das Hotel, vor hundert Jahren von Diakonissen ins Leben gerufen, ist bis heute von den Schwestern geprägt. Obwohl die meisten der 80 Diakonissen in der Schweiz hochbetagt sind. Zwei Schwestern bilden zusammen mit zwei zivilen Personen und einem Pastor die sogenannte Gästebegleitung und stehen spirituell neugierigen oder einsamen Gästen für ein seelsorgerisches Gespräch zur Verfügung. Längst nicht alle Gäste im 200-Betten-Haus machen davon Gebrauch. «Bei uns ist alles freiwillig», sagt Hoteldirektor Hans-Beat Buol.

Von 1- bis 4-Sterne-Hotel

Er ist auch ehrenamtlicher Präsident des Verbandes Christlicher Hotels (VCH), dem 53 Schweizer Hotels und Gästebetriebe angeschlossen sind. Vor zehn Jahren hat der Verband beschlossen, eine eigene Geschäftsstelle einzurichten. Der vollamtliche Geschäftsführer Falk Pfleiderer, ein früherer Bankkaufmann und Jurist, leitet die Geschicke des Verbands vom Zentrum Ländli aus.

Die Häuser des VCH decken ein breites Spektrum vom 1- bis zum 4-Sterne-Hotel ab. Neben Stadt-, Seminar- und Ferienhotels finden sich Pensionen und Gruppenhäuser. Fast am längsten dabei ist das Hotel Vadian in St. Gallen bei der Stiftsbibliothek. Das Hotel Bristol an der Zürcher Stampfenbachstrasse mit privater christlicher Trägerschaft gehört ebenso dazu wie der Glockenhof in Downtown Zürich, der vom Cevi, dem Schweizer Zweig des YMCA, getragen wird und 2011 sein 100-Jahr-Jubiläum feiert. Oder das Bibelheim Männedorf und die von Methodisten betriebene Backpackers-Villa Sonnenhof in Interlaken.

Keine «christlichen» Preise

«Als Non-Profit-Organisation verbindet der VCH christliche Hotels in der Erfüllung des geistigen Auftrags», steht in der Broschüre. Was heisst das? «Wir wollen den Menschen dienen und dem Gast mit Respekt und Wertschätzung begegnen», sagt Pfleiderer. Im Leitbild heisst es ambitiös: «Wir tragen dazu bei, dass unsere Gäste zu Gott, zu Mitmenschen und zu sich selbst finden können.»

In jedem Haus soll laut Buol für den Gast irgendwo erkennbar sein, dass es sich um ein christliches Hotel handelt. Einige Häuser bieten Andachten oder seelsorgliche Gespräche an, andere legen christliche Literatur auf oder führen Seminare zu spirituellen Themen durch. Im Ländli bieten die Diakonissen einmal monatlich einen Oasentag an. Das Tischgebet, wie es hier gepflegt wird, ist in anderen christlichen Häusern selten. Pfleiderer: «Wir lassen den Häusern grösstmögliche Freiheit. Wir sind ja keine Hotelkette, sondern eine Kooperation, und wollen nicht ins Operative reinreden.»

«Christliche Preise» sind für den Geschäftsführer ein Unding. «Unsere Hotels werden nach ganz normalen betriebswirtschaftlichen Kriterien geführt.» Wobei das Preis-Leistungs-Verhältnis attraktiv sein müsse. Während die Schweizer Hotellerie insgesamt wegen der Finanzkrise Umsatzeinbussen von 4,7 bis 12 Prozent hinnehmen musste, haben die christlichen Hotels laut Pfleiderer in den letzten zwei Jahren ein Umsatzplus von 2 Prozent erzielt: «2010 haben wir einen Umsatzrekord von 93 Millionen Franken erzielt.»

Keine Esoterikangebote

Die Ertragssteigerung führt Pfleiderer nicht nur auf die hohe Qualität zurück (60 Prozent der VCH-Betriebe sind qualitätszertifiziert), sondern auch auf das grosse C. «Die Klarheit des Profils ist wesentlich», sagt Pfleiderer. «Wo C draufsteht, muss Christus drin sein.» Christliche Hotels dürften keine Mogelpackung und kein Gemischtwarenladen sein und darum keine Esoterikangebote machen. Gewiss, ins Ländli komme der Kurgast, weil er gesund werden wolle, der Seminargast der guten Infrastruktur wegen und der Wellnessgast wegen des Spa-Bereichs. Es gebe aber auch Leute, die wegen des C kämen.

Der VCH ist 1895 von reformierten Hoteliers im Raum Bern als «Schweizerischer Verband christlicher Herbergen» gegründet worden. Und zwar mehr aus sozialen als aus religiösen Gründen: Man wollte herumziehenden Handwerksburschen und allein reisenden Frauen ein günstiges Dach über dem Kopf bieten.

Heute ist das C im VCH mehrheitlich freikirchlich gefüllt. Die meisten Hotels werden von evangelischen und freikirchlichen Vereinen getragen. Präsident Buol besucht den Gottesdienst bei der Freikirche Chrischona, Geschäftsführer Pfleiderer bei der Freien Evangelischen Gemeinde. Zum Verein gehört noch ein einziges katholisches Hotel: das Kurhaus Sant’Agnese in Locarno-Muralto. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.01.2011, 11:47 Uhr

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3 Kommentare

Hanspeter Zürcher

07.01.2011, 23:46 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Endlich einmal ein Bericht, der einem freut zu lesen! Hätte ich eine Kur zu machen, ich würde auch eines dieser Hotels auswählen. Beim Hinweis *Christliche Preise* ist hier die Bemerkung Unding nun wirklich zutreffend, das soll hiermit gesagt sein! Antworten


Michael Marti

07.01.2011, 23:52 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Vielen Dank für den tollen und fairen Bericht. Auch wir sind gerne in Gäste in VCH-Hotels wie zum Beispiel dem Credo Schloss Unspunnen in Wilderswil. Wir fühlen uns jedes mal sehr wohl - und das C ist uns besonders wichtig. Antworten



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