Abheben auf La Réunion

Von Alain Zucker. Aktualisiert am 29.07.2010

Sandstrände, Regenwälder, Vulkangebirge: Die Insel im Indischen Ozean verführt mit ihrer atemberaubenden Landschaft zum Abenteuer. Und zum Essen.

1/7 Postkarten-Idylle: Traumstrände locken auf die französische Insel La Réunion.
AFP

   

Ich war reif für die Insel. Also bin ich nach La Réunion geflogen, um all das zu tun, von dem ich im Bürosessel manchmal träume: Gleitschirmfliegen zum Beispiel oder Kanu-Rafting. Und wieso nicht mal Höhlenwandern oder Tauchen?

Bei der Ankunft auf La Réunion stimmt die Wetterkulisse noch: Auf der subtropischen Mini-Insel, einem französischen Übersee-Département im Indischen Ozean vor Ostafrika, ist es sonnig und heiss. Und die paar Wolken am Himmel können mich trotz miserabler Vorhersage nicht einschüchtern. Ein kurzer Spaziergang am Strand bei Saint-Gillesles-Bains (so was wie das Saint-Tropez von La Réunion), ein kühlendes Bad im Meer und ein ausgedehntes Nachtessen – schon schlafe ich die Müdigkeit nach elf Flugstunden weg und träume vom ersten Gleitschirmflug.

Sattgrüner Vulkankessel

Doch die Wetterprognose bewahrheitet sich am nächsten Tag. Es beginnt zu regnen, zwar nur einmal, dafür ununterbrochen. Als unsere kleine Reisegruppe frühmorgens von der Küste zum Aussichtspunkt des Maïdo hochfährt (auf über 2000 Meter über Meer), erhaschen wir gerade noch einen Blick auf den Cirque de Malfate, ein Tal, gefaltet aus einer eingebrochenen Vulkankammer. Er sieht aus wie ein grüner Grand Canyon – und ist fast ebenso atemraubend. Die Wände sind so steil, dass man die Dörfer am Talboden nur zu Fuss oder per Helikopter erreichen kann. Ein Briefträger hat einmal ausgerechnet, dass er in dreissig Jahren auf Tour in diesem Tal rund 130'000 Kilometer gewandert ist.

Das zumindest erzählt die Reiseführerin, bevor sich der Nebel zwischen uns und die Aussicht schiebt. Es beginnt zu regnen und zu winden wie an der Nordsee, sodass wir zurück in den Kleinbus flüchten und statt zur Gleitschirmschule in ein Restaurant fahren. Und davon sehe ich in den folgenden Tagen noch einige: Während meines Aufenthalts in La Réunion schnuppere ich weniger am Duft des grossen, weiten Abenteuers als an unzähligen einheimischen Gerichten. Den Anfang macht Schwertfisch mit Zitrone und Vanillesauce – sehr delikat.

Ethnisches Potpourri

Was aber tut man auf einer Tropeninsel ausser essen, wenn es entgegen jeder Erwartung nicht nur eine Stunde, sondern tagelang regnet? Man kann natürlich auch auf La Réunion ins Museum gehen oder den botanischen Garten besuchen. Man kann auf einer Schildkrötenfarm gelangweilte Riesenschildkröten beobachten oder Souvenirs kaufen. Oder man lässt sich vom Wetter nur leicht beirren und steigt ins Auto, um die Insel zu erkunden. Die lange Anreise lohnt sich vor allem, weil man hier eine gewaltige Natur erleben kann.

La Réunion wurde 1646 von den Franzosen erstmals besiedelt, bis dahin war die zwischen Madagaskar und Mauritius gelegene Insel unbewohnt gewesen. Mit der Zeit kamen mehr und mehr Franzosen, es kamen aber auch Afrikaner, Inder, Chinesen, Tamilen. Die neuen Siedler paarten sich über die Rassen- und ethnischen Grenzen hinweg, sodass der Reunionese einen multiethnischen Hintergrund hat. 700 000 Leute wohnen heute auf der Insel, Tendenz steigend. Die Qualität von Bildung, Gesundheitswesen und Infrastruktur liegt auf EU-Niveau.

Wandern durch Lavafelder

Die Insel besteht aus dem Geschäftszentrum Saint-Denis im Norden, dem noch aktiven, aber ungefährlichen Vulkangebirge des Piton de la Fournaise im Süden, den Küstengebieten und drei tiefen Talkesseln im Innern – den sogenannten Cirques, die das Resultat vergangener vulkanischer Aktivitäten sind. Malfate ist der unzugänglichste und steilste Kessel, Salazie der grünste und feuchteste, Cilaos der rauste und höchste. Kurz: Auf kleinstem Raum erlebt man auf La Réunion die abwechselnden Dramen eines Meeres-, Berg und Tropenklimas.

In nur zwei Stunden fahren wir am nächsten Tag (immer noch Regen!) von Saint-Gilles-les-Bains quer über die ganze Insel bis ins vulkanische Gebirge des Piton de la Fournaise, 2631 Meter hoch. Sandstrände treffen auf tropische Regenwälder, steilste Wanderwege führen durch erkaltete Lavafelder und steigen auf 2000 Meter an, wo sie karge Hochebenen durchschneiden und schliesslich bei einem erloschenen Vulkankrater enden.

Wie auf einem fernen Stern

Unterwegs durchqueren wir auch die Plaine des Sables. Der Wind pfeift uns um die Ohren, und doch will niemand weiterfahren. In stummer Verblüffung stehen wir auf dieser braunen Sandebene, die uns in ihrer kargen, aber ungestörten Weitläufigkeit die Ehrfurcht für die Ewigkeit wieder gibt. So muss man sich fühlen, wenn man auf einem fernen Planeten seinen Shuttle verlässt.

Rund 150-mal ist der Piton de la Fournaise seit 1640 ausgebrochen, das letzte Mal vor drei Jahren, doch es sind kleinere, relativ ungefährliche Eruptionen. Der Piton ist ein sogenannt «roter Vulkan», der langsam und ohne die zerstörerischen Gasexplosionen ausbricht. Stundenlang kann man die Gegend durchwandern. Unter einigen erstarrten Lavafeldern, die zum Teil noch dampfen, haben sich Höhlen gebildet, in die man kriechen kann – eine weitere Versuchung zum Abenteuer.

Doch wir gehen nicht in den Höhlen robben, sondern fahren weiter – zum Essen natürlich. Denn die mit tamilischen, europäischen und afrikanischen Einflüssen durchsetzte Küche ist nebst der Natur das zweite Spektakel, das sich auf La Réunion bei jeder Witterung geniessen und erforschen lässt. Draussen schüttet es, und so höre ich besonders genau zu, als Sabine, eine tamilischstämmige Einheimische, in ihrem Restaurant die lokalen Spezialitäten erklärt. Das sogenannte Cari – ein ursprünglich tamilisches Gericht – ist ein Ragout, das auf einer Sauce aus Tomaten, Zwiebeln, Knoblauch, Ingwer, Kurkuma und was sonst noch scharf ist, basiert. Rougail, Massalé und Civet sind die anderen Grundarten, Fleisch oder Fisch zu kochen. Sie unterscheiden sich vor allem in der Art der üppig verwendeten Gewürze. Sabine tischt uns aber eine andere Spezialität auf: Ti Jacques Boucané – ein Poulet, das erst geräuchert und dann mit Jackfrucht 47 Minuten lang gekocht wurde.

Über die Klippe springen

So vergeht meine Woche auf La Réunion: essen, mit dem Auto die Insel erkunden (etwa Le Souffleur: ein Loch im Fels, aus dem jeweils eine spektakuläre Fontäne schiesst, wenn sich die Brandung an der steilen Küste bricht), dann wieder essen. Die Hoffnung auf ein Abenteuer gebe ich aber nicht auf, auch nicht, als das Kanu-Rafting ausfällt und am zweitletzten Tag wegen des hohen Wellengangs auch noch der Tauchkurs abgesagt wird.

Dann, ganz unerwartet, kehrt mein Wetterglück zurück. Das Meer bleibt zwar trüb, doch der Himmel ist plötzlich klar – was mir eine neue Chance auf einen Gleitschirmflug eröffnet. Eine Stunde nach der Absage des Tauchkurses stehe ich hoch oben am Hang, 600 Meter über dem Meer, Helm auf dem Kopf, den Fluglehrer mitsamt Gleitschirm am Rücken. Eins, zwei, drei – rennen! Wir sind in der Luft, endlich, ich kann fliegen! (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.07.2010, 11:45 Uhr

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