Was bedeutet eine Frauenfreundschaft?

Die Antwort auf eine Leserfrage zu einem hochaktuellen gesellschaftlichen Thema.

Reproduktionsstätten der Geschlechterklischees – auch das sind Frauenfreundschaften. Foto: DPA, Keystone

Reproduktionsstätten der Geschlechterklischees – auch das sind Frauenfreundschaften. Foto: DPA, Keystone

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Zuletzt haben Sie sich mit «Freundinnen, die keine mehr sind», beschäftigt. Sie haben ihnen geraten, das Konzept der Freundschaft zu überdenken. Was meinen Sie damit, insbesondere in Bezug auf Frauenfreundschaften?
K. R.

Liebe Frau R.

Da habe ich ein grosses Wort wohl etwas zu leichtsinnig hingeschrieben. Aber ich will nun nicht kneifen, allerdings betonen, dass dieses ­Konzept möglicherweise recht subjektiv ausfallen könnte und vor allem auf negativen Bestimmungen beruht. Ich weiss, dass viele Frauen und Männer auf die besonderen Qualitäten von Frauenfreundschaften (unter Frauen) und Männerfreundschaften (unter Männern) schwören. Ich nicht.

Für mich haben diese Arten von geschlechtsspezifischen Freundschaften den unangenehmen Gout von Kompensationszonen, die dazu dienen, für den harten Alltag des heterosexuellen Geschlechterkampfes aufzutanken. Wenn mir vor «Männerfreundschaften» (nicht vor Freundschaften zwischen Männern) leicht graust, dann deshalb, weil ich ­darin diese unangenehme Schwüle von rein männlichen Institutionen wie Priesterseminaren zu spüren meine. Diese Schwüle, die zugleich homophob und frauenfeindlich ist. Eine analoge Aversion gegen Männer scheint mir explizite «Frauenfreundschaften» zu prägen (nicht Freundschaften zwischen Frauen), wobei die Kerls dann schliesslich doch diejenigen sind, die das Gespräch in Abwesenheit prägen. Männer- und Frauenfreundschaften sind Reproduktionsstätten der Geschlechterklischees. Dabei wären Freundschaften eher der Ort einer befreienden Aufhebung der Kategorie Geschlecht, das Feld einer Zuneigung, die sich nicht sexuell beweisen muss.

Frauen- und Männerfreundschaften sind gerade das nicht, sondern im Gegenteil Versicherungen des Hetero­sexuellen. Sie sind darum anfällig für ­rituelle Selbstbestätigungen dessen, was man für seine weibliche beziehungsweise männliche Identität hält. Das macht sie starr. Sie wirken wie Oasen einer bewaffneten Pubertät. Aber jede/r spürt, wie mühsam die Aufrechterhaltung eines solchen Zustands ist. Man muss Frauen-Wellness-Weekends abhalten und Männer-Bike-Ferien, auf denen man sich ver­sichert, dass man das mit «dem Mann» oder «der Frau» niemals so haben könnte. Und hofft, damit die Freundschaften aufwerten zu können, während man mit der inszenierten Ausreisser­aufmüpfigkeit doch vor allem den eigenen heterosexuellen Alltag abwertet. Die Fluchten ins Freundschaftsglück werden so unter der Hand zu einem Quell allgemeiner Tristesse. Um zum Schluss zur Moral der Geschichte zu kommen: So soll es nicht sein. Sondern anders. Irgendwie, wie soll ich ­sagen? Irgendwie freundschaftlicher.


Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.01.2017, 23:19 Uhr

Der Psychoanalytiker beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens.

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