Die «Wutmutter»

Mit «Dann mach doch die Bluse zu» wurde sie bekannt. Heute redet Bestseller-Autorin Birgit Kelle in Zürich.

Kämpferin eines «neuen Feminismus»: Birgit Kelle wettert gegen die sexuelle Frühaufklärung in Schulen. Bild: Screenshot Youtube/ AdeaoVerlag

Kämpferin eines «neuen Feminismus»: Birgit Kelle wettert gegen die sexuelle Frühaufklärung in Schulen. Bild: Screenshot Youtube/ AdeaoVerlag

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Wie haben wir uns bloss all die Jahre fortgepflanzt, ohne staatliche Grundausbildung und nur mit Unterstützung der «Bravo»? Die rhetorische Frage kommt von der Publizistin Birgit Kelle, die heute Abend in Zürich einen Vortrag über Sexualpädagogik hält. In Deutschland wettert die 42-Jährige seit Jahren gegen die Frühaufklärung in Schulen. Kindergartenkinder, spottet Kelle, würden ihre Spielgefährten nicht aus Versehen in der Spielecke schwängern.

CDU-Mitglied Kelle ist die Frauenexpertin der Konservativen – wobei das freundlich ausgedrückt ist. «Focus» nannte sie eine «Antifeministin», andere Medien bezeichneten sie als «Anwältin der Hausfrauen» oder «Wutmutter». Kelle selbst sieht sich als Kämpferin eines «neuen Feminismus», der es Frauen erlaube, sowohl Karrierefrau als auch Mutter und Ehefrau zu sein. Von Fremdbetreuung hält die vierfache Mutter allerdings nichts. Kleine Kinder gehören für sie nicht in Krippen, sondern zur Mama. Kelle fordert deshalb einen finanziellen Ausgleich für Eltern, die ihren Nachwuchs zu Hause betreuen. Ihre Gegner nennen das «Herdprämie».

Wer sich in den letzten Jahren Talkshows ansah, dem ist Kelle wohl schon begegnet. Bei den Plasbergs und Wills ist sie ein gern gesehener Gast, weil ihre erzkonservativen Positionen die anderen Gäste zuverlässig in Rage bringen – Kelle ist quasi das weibliche Talkshow-Pendant zu Roger Köppel. Lange nahm man sie nicht richtig ernst und sah in ihr primär eine Polemikerin.

«Mit welcher Begründung soll man uns in die Chefetagen vorlassen, wenn wir es nicht einmal schaffen, alleine an einer Bar ohne Sexismus-Polizei zu bestehen?»Birgit Kelle

Doch dann erschien 2013 ihr Text «Dann mach doch die Bluse zu». Anlass waren die Vorwürfe der Journalistin Laura Himmelreich an Politiker Rainer Brüderle, der diese an einer Bar mit sexistischen Sprüchen belästigt haben soll. «Mit welcher Begründung soll man uns in die Chefetagen vorlassen», schrieb Kelle, «wenn wir es nicht einmal schaffen, alleine an einer Bar ohne Sexismus-Polizei zu bestehen?» Der Zuspruch und die Verbreitung der Kolumne waren so gewaltig, dass Kelle sie zu einem Buch verarbeitete. Seither hat sie nachgedoppelt. Im Bestseller «Gender Gaga» rechnet Kelle eloquent mit der «absurden Ideologie des Gender Mainstreaming» ab und tritt gegen Quoten und Gleichstellungs­beauftragte an.

Nun genügt aber ein Blick auf die Lohn­unterschiede zwischen Männer und Frauen, um zu sehen, dass die totale Gleichstellung noch weit entfernt ist. Dass Kelles «neuer Feminismus» trotzdem Erfolg hat, liegt wohl auch daran, dass die Frauenbewegung es ihr leicht macht. Die Sprache vieler Feministinnen ist laut und wütend, ihr Feindbild hat sich vom Patriarchat hin zu den vermeintlich unambitionierten Hausfrauen gewandelt. Ihnen gibt Kelle eine Stimme – was sogar die linke Zeitung TAZ okay findet: Man müsse Kelles Haltung nicht teilen, aber könne sie als provokativen Debattenbeitrag verstehen, als «Tellerwurf-Gesprächseinladung». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.03.2017, 11:29 Uhr

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