«Zum Glück gehört die Sehnsucht»
Von Martin Ebel. Aktualisiert am 16.11.2010 9 Kommentare
«Bei aller Sentimentalität muss man sagen: Das Reisen muss rationiert werden»: Roger Willemsen. (Bild: Keystone )
Publizist und Fernsehmoderator
Das Schweizer Publikum kennt ihn vom SF-«Literaturclub», den er von 2004 bis 2006 moderiert hat – schnell, intensiv, brillant. Der 1955 in Bonn geborene Willemsen studierte Literaturwissenschaft und promovierte über Robert Musil. Nach einer journalistischen Station (Korrespondent in London) begann er 1991 seine TV-Karriere. Beim Pay-Sender Premiere moderierte er 600-mal die legendäre Interview-Serie «0137», für die er einen Grimme-Preis erhielt. 1994 wechselte er zum ZDF, wo er «Willemsens Woche», «Willemsens Musikszene» und «Nachtkultur mit Willemsen» moderierte. Seine eigene Produktionsfirma Noa Noa stellt Dokumentarfilme her. Er ist mit verschiedenen Bühnenprogrammen auf Tournee gegangen, das jüngste, «Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort. Die Weltgeschichte der Lüge» mit Dieter Hildebrandt, geht 2011 weiter. Willemsen engagiert sich für etliche humanitäre Programme, er ist unter anderem Schirmherr des afghanischen Frauenvereins. Zu seinen zahlreichen Büchern gehören «Deutschlandreise» (2002), «Kleine Lichter» (2005), «Hier spricht Guantánamo» (2006), «Afghanische Reise» (2006) und zuletzt «Die Enden der Welt», mit dem er am 28. 11. ins Casinotheater nach Winterthur kommt.
Stichworte
Ein Gespräch in Zürich über das Reisen kommt nicht an Benns berühmtem Gedicht «Reisen» vorbei. «Meinen Sie, Zürich zum Beispiel» beginnt es und endet mit den Versen «Ach, vergeblich das Fahren / spät erst erfahren Sie sich / Bleiben und stille bewahren / das sich umgrenzende Ich». Hat Benn nicht recht? Ist Reisen ein ständiges Weglaufen vor dem Wesentlichen?
Nein, Benn macht es sich zu leicht. Das Gedicht zeugt von schwerer Vitalverstimmung. Wen, wie er schreibt, auf den Fifth Avenuen die Leere angähnt, der findet im Leben überhaupt nichts mehr. Weil er den Dingen, die er sieht, auch nicht die Hoheit einräumt, ihn zu verändern.
Hat Sie das Reisen denn verändert?
Oh, ja! Es ist natürlich ein Topos, dass man auf Reisen sich selbst findet. Und dieser Prozess wird gern überhöht, als sei es enormer Reichtum, den man da findet. In Wirklichkeit begegnet man auch der Langeweile, der Schwermut, der Selbstauslöschung, also Zonen des Ich, in die man nicht so gerne hinein möchte. Und dann kommt man unentwegt in Situationen, die die eigenen Koordinaten infrage stellen. Da blamiere ich mich vor einem afghanischen Dorfältesten, dem ich ein Geschenk machen will und der darin ein Gegengeschenk zu seiner Gastfreundschaft sieht. Natürlich reagiert er empört. Ich sehe mich infrage gestellt, weil ich ein Tauschprinzip anwende, das anderswo passt, hier aber nicht.
Reizt Sie vor allem das Fremde, das ganz andere?
Ich suche eher das Vertraute im Fremden, und dieses Vertraute finde ich dann in verwandelter Form. Wenn ich etwa einen vollbärtigen Muslim vor mir habe und darin nur den Taliban-Krieger sehe, dann verpasse ich den Vater, den Sohn, den Fussballfan, den Steuerflüchtling, alle die Personen in ihm, die mir nah sein könnten.
Es gibt die schöne Vorstellung, dass Reisen die Völker einander annähert, Vorurteile abbaut etc. Ein naiver Traum?
Das hängt immer vom Reisenden ab. Sie können deutsche Rechtsradikale in die Türkei bringen, die haben dort eine gute Zeit und sind hinterher genauso rassistisch, wie es kürzlich ein Dokufilm gezeigt hat. Ich kann nur von mir sprechen: Ich habe für viele Probleme auf der Welt ein wacheres Bewusstsein bekommen durch das Reisen. Aber auch ein Bewusstsein für utopische Alternativen: Sie kommen auf eine tropische Insel, die Leute sagen Ihnen: Wir brauchen Geld nur für Schulbücher und für den Strom. Alles andere gibt uns der Boden. Und Sie blicken sich um und sagen: In der Tat, alles da. Und keine Zäune. Sie sagen sich: Ja, das reicht. Und fragen sich: Könnte man anders leben, das Geld anders verteilen? So erleben Sie Fremde als Simulation einer Alternative.
Oder als Illusion. «Da, wo du nicht bist, ist das Glück», heisst es in einer berühmten Liedzeile. Eine Art Sehnsuchtsformel des Reisens. Könnte man das Glück, wenn man es irgendwo fände, ertragen?
Es gibt Formen der Idylle, die, wenn man sie erlebt, etwas Beklemmendes haben, weil man sich nicht mehr wegsehnen kann. Man merkt dann, dass zum Glück das Ingrediens der Sehnsucht hinzugehört.
Glück ist, wenn etwas fehlt?
Genau. Ich habe das in Polynesien erlebt, auf der Insel Eua. Dort finden Sie den perfekten Weg, er hat rote Asche und einen schütteren Saum von Palmen, die Schweine grunzen und schnorcheln in der Brandung, die Mangos fallen zu Boden, und die Vanille gibt einen Duft ab, der über der ganzen Insel liegt. Sie sagen sich: Schöner kann es nicht mehr sein – und empfinden gleichzeitig etwas Klaustrophobisches und sehnen sich plötzlich nach den Schlachthöfen von Chicago.
Auch wer mit einer gewissen Sensibilität reist, der kann in Situationen geraten, wo er das Reisen als etwas Perverses empfindet. Kennen Sie das?
Ja. Zum Beispiel in Indonesien in einem Lokal, in dem Touristen essen. Die Strassenkinder nutzen den kurzen Moment vor dem Abräumen der Teller, um sich die Reste zu schnappen, und die Touristen haben das gemerkt und fangen an, die an den Fenstern aufgereihten Kinder auszuwählen! Das ist obszön – gerade weil es immer noch mit dem Gefühl der Grossherzigkeit passiert. Ich finde, da ist schon der Akt des Eindringens pervers.
Wie entgeht man dem, der Zerstörung durch das Eindringen?
Ich bin am Waldrand gross geworden. Und einmal hat der Förster zu mir, dem Siebenjährigen, gesagt: Stell dich im Wald eine halbe Stunde tot, dann siehst du, wie er wirklich ist. Nach diesem Prinzip versuche ich zu reisen: sich unsichtbar machen. Ich versuche in den Orten zu verschwinden – das geht nicht immer, aber manchmal. Wenn ich diese Form der Totenstarre erreicht habe, stellt sich die Routine des Ortes her – wie er ist, ohne dass ich ihn beobachte. Im besten Fall bin ich dann nicht mehr Eindringling, sondern der, der eh da immer sitzt, man weiss nicht warum. Dann kommen Leute und erzählen mir ihre Geschichte, beziehen mich in ihr Leben ein.
Kennen Sie den Überdruss des Reisens? Zu viele Bilder, zu viele Eindrücke?
Ich habe immer noch Hunger auf das Eintreten in fremde Räume. Ich bin immer noch kinderäugig, wenn ich an einen neuen Ort komme und sage, aha, so bauen die, so feiern sie ihre Fussballmannschaft, so gehen sie mit ihren Krüppeln um. Überdruss kenne ich nur in eher banalen Situationen: in Frühstücksräumen von Hotels, bei der Flughafenwartehallen-Musik. Das sind eher kleine Gereiztheiten.
Sie sind ein professioneller Reisender. Gibt es für Sie so etwas wie privates Reisen?
Ich reise nie ohne Stift. Auch wenn ich ohne Auftrag irgendwohin reise, kann ich nicht anders, als mir permanent Notizen zu machen. Schreiben und Reisen sind für mich untrennbar verbunden – es sind beides einsame Tätigkeiten.
Können Sie mit dem Begriff Ferien etwas anfangen?
Nein.
Es gibt ja einen Snobismus des Reisens: Der Kulturtourist schaut auf den Pauschalreisenden herunter, der sanfte Tourist auf den eiligen Knipser. Gibt es besseres und schlechteres Reisen, «richtiges» Reisen?
Man kann auch «von unten» verächtlich hochschauen: Der, der am ärmsten reist, also der Rucksacktourist, nimmt für sich in Anspruch, auf die beste Art zu reisen. Tatsächlich findet man bei ihm die grösste Leidensfähigkeit, die stärkste Bereitschaft, sich fremden Ländern mit schlimmen hygienischen Verhältnissen, Unbequemlichkeiten und Lärm auszusetzen. Demgegenüber ist der schlechteste Reisende jener Chirurg aus Chicago, dem ich im klimatisierten Wagen in Sulawesi begegnete, der also in einer Art Papamobil durch ein Land reist, mit dem er eigentlich keine Berührung haben möchte. Das entscheidende Kriterium ist vielleicht das Ausbeuterische, das einer bestimmten Form von Tourismus anhaftet. Da gibt der Tourist nichts von sich – er zahlt nur.
Ich spiele jetzt mal den Öko-Extremisten. Reisen belastet die Umwelt und zerstört die letzten unberührten Regionen. Das Problem wird sich mit Hunderten Millionen Indern und Chinesen, die in die Mittelklasse aufgestiegen sind, verstärken. Müssten wir nicht weniger reisen?
Der Öko-Extremist hat recht. Die Vergnügungssteuer kann gar nicht hoch genug sein, die man dafür erheben müsste, dass es möglich ist, mal eben mit dem Flugzeug nach Australien zu reisen und sich drei Wochen an den Strand zu legen. Ich glaube auch nicht, dass das noch sehr lange gehen wird. Auf der anderen Seite ist der Tourismus für viele Länder als Einnahmequelle unverzichtbar. Diese Länder buhlen um noch mehr Touristen, zum Teil auf die unbeholfenste Weise. Ich habe in Patagonien Schluchten gesehen, wo man versucht, einen Massentourismus zu generieren. Die Gegend ist völlig ungeeignet dafür – es ist unbequem, das Essen schmeckt nicht, man hört ständig Lärm: aber trotzdem. Nein, unterm Strich und bei aller Sentimentalität muss man sagen: Das Reisen muss rationiert werden. Jedenfalls die Fernreisen mit ihrer schrecklichen Öko-Bilanz und ihrem Zerstörungspotenzial. Aber das betrifft unseren westlichen Lebensstil überhaupt. Jedenfalls können wir nicht hingehen und sagen, Chinesen dürfen nicht reisen. Das wäre infam.
Was bringen Sie mit von den Reisen, ausser Eindrücken und Notizen für Bücher – auch Souvenirs und Fotos?
Nein, ich fotografiere nicht. Bei mir stehen auch keine Souvenirs im Regal. Früher habe ich Dinge mitgebracht – aber die haben meist ihre Farbe verloren, wenn ich zu Hause angekommen bin. Ich habe allerdings ein turkmenisches Kinderwestchen, das hängt in meinem Schlafzimmer und erinnert mich an die Kinder in Afghanistan. Es hat für mich Symbolkraft. Aus Tonga habe ich einmal zwei Kilo Vanille mitgebracht, vieles an Freunde verschenkt, den Grossteil behalten: Ich werde bis an mein Lebensende meine Süssspeisen mit Vanille würzen.
Manche Orte sind viel schöner in der Vorstellung als in Wirklichkeit. Gibt es Traumziele, die Sie bewusst nicht aufsuchen?
Vielleicht Tahiti, das Tahiti Gauguins. Da war ich noch nicht.
Und Sie fahren auch nicht hin?
Ich hätte Angst, mich dort nach Eua zu sehnen.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 15.11.2010, 20:14 Uhr
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9 Kommentare
Hallo Zusammen, ich möchte nur kurz zum Thema Glück etwas sagen. Ich finde Roger Willemsen einen positiven Typ, aber er bindet das GLÜCKLICHSEIN auch an Äusserlichkeiten. Ich bin der Meinung, dass die Sehnsucht ein Hindernis zum Glück ist, man schiebt die Verantwortung für sich selber und sein Leben wieder weg. Warum sich selber blockieren mit irgend einer Sehnsucht Antworten
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