Leben

Zu grosse Brüste: Immer mehr Männer legen sich unters Messer

Von Andrea Schmits. Aktualisiert am 20.02.2010

Schönheitsoperationen sind längst zum Konsumgut geworden. Vor allem Männer, junge Mütter und Jugendliche wollen sich einen perfekten Körper kaufen.

Eva Neuenschwander von der Klinik Pyramide bereitet einen Patienten auf die Brustoperation vor.

Eva Neuenschwander von der Klinik Pyramide bereitet einen Patienten auf die Brustoperation vor.
Bild: Dominique Meienberg

Hier etwas weniger, da ein bisschen mehr: Jedes Jahr legen sich rund 50'000 Menschen in der Schweiz für die Schönheit unters Messer – Tendenz steigend. Acredis, ein unabhängiges Beratungszentrum für ästhetische Chirurgie mit Sitz in Zürich, rechnet im laufenden Jahr mit einem Gesamtmarktwachstum von vier bis sechs Prozent.

Derzeit sind die beliebtesten Schönheitsoperationen Fettabsaugung, Augenlidstraffung und Brustvergrösserung.

Männer: Keine Lust auf Brust

Laut einer Acredis-Marktstudie, die dem «Tages-Anzeiger» vorliegt, sind vier von fünf Patienten Frauen. Aber auch immer mehr Männer unterziehen sich Schönheitsoperationen. Problemzone: Männerbrüste. «Die operative Verkleinerung der männlichen Brust wird besonders häufig in Grossbritannien durchgeführt», sagt Stephan Hägeli von Acredis. «Doch auch bei uns wird die Zahl dieser Eingriffe in den nächsten Jahren überproportional steigen.» Schliesslich erhöhe junges, frisches Aussehen die Chancen auf dem Arbeits- und dem Beziehungsmarkt.

Laut Cédric George, Facharzt für plastische Chirurgie in der Zürcher Klinik Pyramide, handelt es sich bei dem Trend zur Brustverkleinerung um eine soziale Entwicklung. Zu grosse Männerbrüste, in der Fachsprache Gynäkomastie genannt, habe es schon immer gegeben, «doch heute haben die Menschen einen grösseren Zugang zu Schönheitsoperationen». Ursache einer zu grossen Männerbrust ist vor allem bei jungen Männern zu viel Drüsengewebe, bei älteren Männern zu viel Fett. «Die Bevölkerung wird ja immer übergewichtiger», so George.

Neben Brustverkleinerungen liegen bei Männern Faceliftings im Trend: 2008 wurden in der Pyramide mehr Männer als Frauen geliftet.

Sexy Mamis auf dem Vormarsch

Ein weiterer Trend zeichnet sich bei Frauen ab, die sich auch nach dem Kinderkriegen sexy fühlen wollen. «Viele junge Mütter lassen sich den Bauch und die Brust straffen», so Hägeli.

Eine Extremvariante ist die Bauchstraffung direkt nach dem Kaiserschnitt. Diese führt oft gleich der Gynäkologe selber durch. «Kein seriöser Chirurg macht das», sagt Hägeli. Schliesslich brauche die Bauchdecke nach einer Schwangerschaft einige Zeit, um sich zurückzubilden. Auch George warnt davor, den Eingriff gleichzeitig mit dem Kaiserschnitt machen zu lassen: «Das gibt eine Katastrophe. Wir müssen oft Frauen flicken, die eine solche Operation durchführen liessen.»

Die Acredis-Studie sagt auch einen Anstieg der Operationswilligen unter 20 Jahren voraus. «Ich bin davon überzeugt, dass schon jetzt viel mehr Ärzte unter 18-Jährige operieren, als sie angeben», sagt Hägeli. Bei vielen stelle sich die Frage: «Soll ich ins Fitness oder schneiden gehen?»

Oft wäre Sport besser

Tatsächlich stellt sich nach einem Blick auf die Vorher-nachher-Bilder der Fettabsaugung die Frage, ob ein wenig Sport nicht ausgereicht hätte, um das «Problem» zu beseitigen. Diese Fälle scheinen aber üblich zu sein: «Fettabsaugung ist für schlanke Menschen», bestätigt der Spezialist für plastische Chirurgie, Mark Nussberger. «Dicke Menschen machen besser eine Diät.»

Eingriffe bei sehr jungen Menschen sind aber umstritten: «Es besteht die Gefahr, dass diese Patienten den Eingriff später bereuen», sagt George.

Je jünger ein Mensch sei, desto eher dürfe man nur notwendige Operationen, etwa wiederherstellende, durchführen. Doch die Grenze zwischen wiederherstellender und ästhetischer Chirurgie sei schwer zu ziehen.

Ausschlaggebend ist die Reife

Laut Gesetz hat ein Mensch ab 16 Jahren das Recht, frei über seinen Körper zu verfügen. Dann kann er sich auch Schönheitsoperationen unterziehen. Trotzdem achtet George bei jedem Operationswilligen auf die Reife. «Wenn ich das Gefühl habe, eine 20-Jährige ist nicht reif genug, um zu entscheiden, dass sie grössere Brüste will, operiere ich sie nicht.»

Durch Fernsehsendungen wie «The Swan» und übermässig positive Medienberichte entwickelten die Menschen falsche Hoffnungen, so George. Eine Operation sei nur dann sinnvoll, wenn ein nachvollziehbarer Leidensdruck bestehe und der Patient realistische Erwartungen habe. George: «Schönheit kann man nicht einfach kaufen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.02.2010, 06:50 Uhr

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