Leben
«Wir haben zu Hause zum Beispiel einen Putzmann»
Interview: Nina Toepfer (Clack). Aktualisiert am 07.05.2012 14 Kommentare
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«Da ist es nicht so einfach, diesem Menschen unbefangen in die Augen zu schauen»: Autorin Sibylle Hamann.
Die illegalen Haushaltshilfen
Viel ist über Vereinbarkeit von Beruf und Familie die Rede, von gleichberechtigten Karrieren und geteilter Haus- und Erziehungsarbeit. Nur eine Seite kommt nicht so oft vor: Die der Frauen, die in Familien arbeiten und sie nicht selten vor dem Kollaps bewahren. Wenn der Mann klassischerweise der Lohnarbeit nachgeht, die Frau teilzeit arbeitet, wird es bekanntlich auch mal eng, die Familie rund um die Uhr emotional und praktisch zu umsorgen.
Babysitter, Haushalthilfe, Pflegerin: Sie springen ein, wo Familien an ihre Grenzen stossen. Oft ist ihre Arbeit nicht klar definiert, ihr Status halblegal, die Möglichkeiten, ein eigenes Sozialleben im Gastland zu führen, kaum gegeben. Die österreichische Journalistin Sibylle Hamann zeigt im ausführlichen und mit vielen Bezügen brisanten Report «Saubere Dienste» die Geschichte der «Dienstleisterinnen» auf. Wer sind sie? fragt die Autorin und untersucht Motive von Arbeitsmigrantinnen auszuwandern, emotionale Widersprüche und die Arbeitsbedingungen, die sie vornehmlich in Deutschland und Österreich antreffen.
2005 waren 49,6 Prozent der Arbeitsmigranten Frauen, und gegenwärtig «dürften die Frauen die Männer sogar zahlenmässig überholt haben. Bei jenen, die nach Europa kommen, ist der Frauenanteil jedenfalls von 48 auf 52 Prozent gestiegen.» Gemäss eines UN-Reports entscheiden sich unter den qualifizeirten Arbeitskräften in vielen Ländern deutlich mehr Frauen für die Auswanderung. Über die «neuen Dienstboten» dürfe man annehmen, dass sie in manchen Fällen «ähnlich gebildet sind wie die Durchschittsbevölkerung im westeuropäischen Gastland». Und die Nachfrage nach Dienstleisterinnen wachse, denn Pflegen, Kümmern und Versorgen bleiben krisenresistent.
Buch: Sybille Hamann, «Saubere Dienste». Residenz Verlag
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Sibylle Hamann, Sie gingen für Ihr Buch selber in fremde Haushalte putzen – welches war die eindrücklichste Erfahrung in Ihrem Selbstversuch?
Sibylle Hamann: Meine Begegnung mit einem älteren, behinderten Taxifahrer, der aus dem Irak stammte und in einer Substandardwohnung allein drei kleine Buben grossgezogen hat. Zu ihm ging ich auch putzen. Und ausgerechnet dieser Mann kümmerte sich rührend und respektvoll um mich. Wahrscheinlich, weil er wusste was es heisst, «Ausländer» und verwundbar zu sein. Dieser Mann war auch ein gutes Beispiel dafür, dass es nicht immer reiche Leute sind, die Putzfrauen beschäftigen. Oft braucht man gerade dann Hilfe, wenn man schwach ist oder sich in einer akuten Krise befindet.
Heute eine Haushaltshilfe oder einen Babysitter zu beschäftigen, scheint eigentlich der Normalfall zu sein. Warum ist dabei immer noch viel Scham im Spiel?
Man lässt einen Menschen näher an sich heran als die allermeisten Freunde oder Familienmitglieder. Wer regelmässig unter mein Bett, in mein Badezimmer und meine Abfalleimer schaut, weiss auch die allerpeinlichsten Dinge über mich. Da ist es nicht so einfach, diesem Menschen unbefangen in die Augen zu schauen.
Mancher Eheberater schlage vor, Hilfe zu engagieren, statt sich weiterhin über Haushalt, Kinderbetreuung und Elternpflege zu streiten. Sie selber zweifeln aber an der Nachhaltigkeit von solchen Lösungen: der Konflikt werde so nicht gelöst, sondern nur aufgehoben. Wie das?
Ein Grundproblem in vielen Beziehungen ist ja, dass sich ein Partner für Haushaltsdinge zuständig fühlt, und der andere davon ausgeht, das erledige sich irgendwie von selber. Und meistens ist es die Frau, die sich zuständig fühlt – und auch dafür, eine Putzfrau zu engagieren. Die ändert zwar etwas an ihrer Arbeitsbelastung. Aber nichts daran, dass Haushalt prinzipiell Frauensache bleibt. (Schauen Sie sich dazu den Clip «Erotische Putzfantasien» an)
«Wenn Frauen mit Frauen über andere Frauen reden, sind immer Projektionen im Spiel. Schnell landet man bei ethnischen Klischees und Rollenzuschreibungen», heisst es einmal. Etwa sei deutschen Dienstmädchen einst Pünktlichkeit und Sauberkeit unterstellt worden, heute Filipinas Höflichkeit und leise Unterwürfigkeit. Was sagt das über die Arbeitgeberinnen aus?
Oft ist da eine Sehnsucht, ein bisschen anders zu sein, als man ist. Oder eine leise Ahnung, was einem fehlen könnte. Wenn zum Beispiel die stets kontrollierte Mutter explizit eine Südländerin als Kinderfrau sucht, weil sie das Gefühl hat, die sei vielleicht impulsiver, gefühlsbetonter, überschwänglicher als sie selbst. Oder umgekehrt – wenn die chaotische Mutter jemanden sucht, der Regeln etabliert.
In den 1980er-Jahren habe es von linker Seite den Vorwurf gegeben, Dienstleisterinnen zu beschäftigen komme einer Ausbeutung gleich. In den 1970er-Jahren sei Hausarbeit bei Feministinnen ein höchst umstrittenes Thema gewesen. Heute hingegen ist es ruhig geworden, womöglich allzu ruhig. Woran liegt das?
Vielleicht daran, dass immer weniger Wissenschaftlerinnen und Medienfrauen selber Hausarbeit machen? Entweder deswegen, weil sie auf Familie bewusst verzichtet haben, oder weil sie genug verdienen, um regelmässig Personal zu beschäftigen? (Lesen Sie auch: «Je strenger der Job, desto schöner die Beziehung»)
Wir müssten an allen möglichen Ecken und Enden ziehen, schreiben Sie, um mehr Männer in der professionellen Care-Arbeit zu sehen. Wo wäre am besten mit dem Ziehen begonnen?
Am schnellsten wirkt es dort, wo Männer in der fürsorglichen Rolle auch als Rollenmodell sichtbar werden. Etwa als Erzieher in den Kindergärten. Wir haben zu Hause zum Beispiel einen Putzmann, und ich glaube, es ist für unsere Kinder extrem wichtig, dass sie regelmässig einen Mann in dieser Rolle sehen.
Viele Dienstleisterinnen leben in Rechtsunsicherheit, aber kommen einer immer wachsenden Nachfrage nach Dienstleistungen in privaten Haushalten nach. Welches halten Sie für die dringendsten Schritte in der Politik?
Dass die Frauen, die für uns diese dringend benötigte Arbeit machen, keine Angst mehr haben müssen. Dass sie einen legalen Aufenthaltsstatus haben, damit sie sich vor niemandem verstecken müssen und im Notfall bei den Behörden Hilfe suchen können. Ein legaler Status würde ihnen auch das Hin- und Herreisen über die Grenzen erleichtern, damit sie mit ihren Familien und Kindern regelmässigen Kontakt halten und schnell nach Hause fahren können, zum Geburtstag oder wenn jemand krank ist. Das alles ist für Illegale derzeit gefährlich, stressig und teuer.
Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Dann lesen Sie auch: «Weshalb schlaue Frauen ihre Karriere abbrechen» auf Clack.ch – Ihrem Online-Magazin. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 07.05.2012, 21:48 Uhr
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14 Kommentare
Nicht mehr nur neofeudal, sondern auch neokolonial und apartheidisch gebaerden sich unsere Familienoberhaueptinnen mit allen Rechten und ohne Pflichten. Die Wohnung soll die Suedamerikanerin putzen, die Schwarze das Kind stillen, und die Asiatin den (Schwieger)eltern den Hintern putzen. Aber sie sollen in der Schweiz ja nicht gebaeren oder gar heiraten, sonst ists fertig mit der "Toleranz".... Antworten
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