Wie Schmidt die digitale Revolution einschätzt

Der ehemalige Google-Chef Eric Schmidt hat mit Jared Cohen das Buch «Die Vernetzung der Welt» verfasst. Die Autoren versprechen uns mehr Veränderung «als jede Generation vor uns».

Ehemaliger Google-Chef: Eric Schmidt.

Ehemaliger Google-Chef: Eric Schmidt. Bild: Andrew Gombert/Keystone

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Der holländische Physiologieprofessor Mark Post hat kürzlich einen Hamburger vorgestellt, der nicht aus Rindfleisch, sondern aus synthetischem, im Labor aus einer Stammzelle gezüchtetem Material hergestellt wurde. Das Projekt hat weltweit für Schlagzeilen gesorgt. Finanziert wurde es von Sergey Brin, dem Co-Gründer von Google.

Das ist kein Zufall. Fleisch aus dem Labor passt perfekt in die Philosophie der IT-Milliardäre aus dem Silicon Valley. Sie verstehen sich nicht mehr bloss als geniale Ingenieure und erfolgreiche Unternehmer, sondern sehen sich zunehmend als Wegbereiter für eine bessere Gesellschaft. Deshalb beteiligen sie sich an Kunstfleisch-Hamburger, aber auch an der Erforschung des Weltalls, an einer Singularity-Universität, die sich mit Utopien befasst, oder an der Gründung autonomer Städte in Entwicklungsländern. Sie verhalten sich wie die aufgeklärten Adligen des 18. und 19. Jahrhunderts. Diese haben den Planeten auf eigene Faust und Kosten erkundet und die Resultate in wissenschaftlichen Gesellschaften ausgetauscht.

Die IT-Milliardäre haben inzwischen sehr konkrete Vorstellungen, wie sie die Zukunft gestalten wollen. Das zeigt das Buch «Die Vernetzung der Welt», das der ehemalige Google-Chef Eric Schmidt mit Jared Cohen verfasst hat, dem Leiter von Google Ideas. Hier eine Kostprobe: «Sind Sie gelangweilt und wollen einen einstündigen Urlaub einschieben? Warum schalten Sie nicht einfach Ihr Hologerät ein und besuchen den Karneval in Rio? Sie sind gestresst? Verbringen Sie doch ein wenig Zeit an einem Strand auf den Malediven! Sie haben Angst, dass Ihre Kinder zu verwöhnten Gören werden? Schicken Sie sie doch zu einem Spaziergang durch die Slums von Mumbai! Sie sind enttäuscht von den Übertragungen der Olympischen Spiele? Kaufen Sie sich zu einem vernünftigen Preis ein holografisches Ticket und lassen Sie die Bodenturnerinnen live in Ihrem Wohnzimmer antreten.»

Was in den Ohren eines europäischen Bildungsbürgers gleichzeitig naiv und utopisch tönt, ist ernst gemeint, sehr ernst sogar. Auf die Frage, warum er Gott spielen wolle, hat Craig Venter, der massgeblich an der Entschlüsselung des menschlichen Genoms beteiligt war und inzwischen ebenfalls Milliardär ist, einst geantwortet: «Wir spielen nicht.»

Ein völlig neues Lebensgefühl

Im Silicon Valley ist der Glaube an die technische Machbarkeit grenzenlos. Auch Schmidt/Cohen versprechen uns mehr Veränderung «als jede Generation vor uns» und gehen davon aus, dass technische Innovation und eine globalisierte Wirtschaft eine harmonische Ehe eingehen werden. Dabei stützen sie sich auf die Singularity-Theorie von Ray Kurzweil, dem Altmeister der künstlichen Intelligenz. Sehr verkürzt ausgedrückt besagt sie: Weil sich die Speicherkapazität der Computerchips nach wie vor etwa alle zwei Jahre verdoppelt, entwickelt sich die künstliche Intelligenz exponentiell.

Jetzt hat diese Entwicklung ihren Wendepunkt erreicht und ist im Begriff, so richtig abzuheben. Von Robotern gesteuerte Autos und Software-Simultanübersetzungen von hoher Qualität sind gleichzeitig der Beweis dieser These und Spitze des Eisbergs. Wir können uns auf revolutionäre Änderungen und ein völlig neues Lebensgefühl gefasst machen. Gemäss Schmidt/Jared werden wir bald nicht mehr in einer, sondern in zwei Welten leben. «Wir stehen vor einem Wandel von einer Identität, die in der physischen Welt entsteht und in die virtuelle Welt projiziert wird, hin zu einer Identität, die in der virtuellen Welt geschaffen und in der physischen Welt erlebt wird», stellen sie fest.

«Alles ansehen und anhören»

Die Affäre um den Whistleblower Edward Snowden hat gezeigt, dass der digitale Fortschritt den Menschen nicht nur Wohltaten schenkt. Es gibt Schattenseiten, etwa die Machtkonzentration, die im IT-Bereich bedrohliche Ausmasse angenommen hat. Big Data ist eine Realität geworden. Das bestreiten Schmidt/Jared nicht und gehen ausführlich auf die Problematik ein. «Die Bürger werden gar nicht bemerken, mit welcher Leichtigkeit ihnen der Staat ihre Geheimnisse entreisst», stellen sie fest. «Schon heute gibt es Software, mit deren Hilfe man von aussen die Kameras von Laptops ansteuern, unbemerkt in die Wohnungen von Dissidenten eindringen und sich alles ansehen und anhören kann, was dort geschieht und gesprochen wird.»

Schmidt /Jared sind sich der gefährlichen Folgen bewusst: «Ein voll integriertes Informationssystem (…) ist möglicherweise derart mächtig, dass man gar nicht verantwortungsbewusst damit umgehen kann, selbst wenn man es wollte. Und wenn ein solches System einmal eingerichtet worden ist, wird es nie mehr verschwinden.» Sie wirken indes hilflos, wenn es um Rezepte geht, die eine solche Entwicklung verhindern könnten. «Das einzige Mittel gegen eine digitale Diktatur ist eine Stärkung des Rechtsstaates und die Wachsamkeit der Zivilgesellschaft gegenüber möglichem Machtmissbrauch», lautet ihre nicht wirklich überzeugende Empfehlung.

Der grösste Server gewinnt

Big Data ist kein Privileg der Militärs und der Geheimdienste. Google, Facebook, Amazon & Co. funktionieren alle nach dem gleichen Prinzip: Wer den grössten Server hat, gewinnt. «Eine moderne, digital vernetzte Abhörstation wie der CIA/NSA/NRO- Komplex in den Vereinigten Staaten illustriert den Trend», sagt der Virtuelle-Realität-Pionier Jared Lanier. «Ein Besuch in einer dieser Organisationen fühlt sich an wie ein Besuch bei Googleplex oder einer anderen bedeutenden Hightech-Firma. Überall diese fröhlichen und frisch gekürten Doktoranden von Top-Universitäten in hellen und geräumigen Büros mit viel Glas und exzellentem Kaffee.»

Lanier befürchtet, dass nicht nur die Privatsphäre ein Opfer von Big Data werden wird, sondern dass langfristig die Demokratie ausgehebelt und der Mittelstand wieder in eine moderne Form der Lohnsklaverei zurückfallen wird. Als Beispiel führt er das Schicksal von Musikern, Journalisten und Fotografen an. Youtube, Gratiszeitungen und Online-Portale haben einst gut bezahlte Mittelstands-Jobs in prekäre und lausig bezahlte Arbeitsplätze ohne Sicherheit verwandelt.

Diese Befürchtungen teilen Schmidt/Jared nicht. Zwar räumen sie ein, dass die digitale Revolution Nachteile haben wird. Dazu gehöre die Tatsache, dass die Klassengesellschaft nicht überwunden wird. Auch die Privatsphäre wird grösstenteils verschwinden, und die Arbeitsteilung von Mensch und Computer wird unsere Jobs noch unsicherer machen. Doch die Vorteile überwiegen: «Diese mehrdimensionale Welt wird nicht perfekt sein, doch sie wird egalitärer, transparenter und interessanter sein, als wir uns das heute vorstellen können», lautet das Fazit von Schmidt/Jared. «In einer Art Gesellschaftsvertrag werden die Nutzer freiwillig auf einen Teil ihrer Privatsphäre und andere Dinge verzichten, die sie in der physischen Welt schätzen, um die Vorteile der Vernetzung nutzen zu können.»

Mit Riesenschritten zum Imperium

Verkürzt ausgedrückt schlagen uns Schmidt/Jared folgenden Handel vor: Ihr verzichtet in der realen Welt auf eure Privatsphäre und akzeptiert ein gewisses Mass an sozialer Ungleichheit. Dafür werden auch in der virtuellen Welt alle nur möglichen Wünsche erfüllt. Lohnt sich dieser Deal?

Nein, sagt beispielsweise die kalifornische Schriftstellerin Rebecca Solnit. In einem Essay in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» (FAZ) hebt sie die negativen Seiten der digitalen Welt im Sinne der neuen Herren des Universums hervor: «Google, das Unternehmen, das laut Firmenmotto ‹nichts Böses tun› will, verwandelt sich mit Riesenschritten in ein Imperium – kein territoriales Imperium (wie Rom oder die Sowjetunion), sondern eines, das unseren Zugang zu Daten und unsere Daten selbst kontrolliert», stellt Solnit fest.

Die Tech-Kids selbst führen sich immer häufiger wie Imperialisten auf. San Francisco, die friedliche Stadt der Gegenkultur der 1960er-Jahre, wird rasant gentrifiziert und verwandelt sich in eine Hochburg für Superreiche, in der Jung-Milliardäre eine Hochzeitsparty für 10 Millionen Dollar im Naturschutzgebiet veranstalten und ohne mit der Wimper zu zucken 2,5 Millionen Dollar Bussgeld bezahlen. Die einst kulturell gemischte und mit Leben pulsierende Stadt verkommt so zu einem öden Reichenghetto.

Wie eine neue Religion

Noch radikaler ist die Kritik von Jared Lanier. Er weiss, wovon er spricht, ist er doch ein respektierter Pionier auf dem Gebiet der virtuellen Realität: erfolgreicher Start-up-Unternehmer, Drehbuchautor des Science-Fiction-Films «Minority Report» von Steven Spielberg und nicht zuletzt Berater von Microsoft.

Von der Singularity-These und ihren Apologeten hingegen hält Lanier weniger als nichts. In seinem Buch «You are not a gadget» bezeichnet er Ray Kurzweil und seine Anhänger als «cybernetische Totalitaristen» und «digitale Maoisten», die Singularity-Theorie tut er als Pseudo-Religion ab. Die Vorstellung, dass künstliche und menschliche Intelligenz gleichwertig seien und verschmelzen können, sei absurder Sektenglaube, sagt Lanier. «Aber wer den Wechsel vollziehen will von der alten Religion, wo die Hoffnung, dass Gott uns ein Leben nach dem Tod schenkt, ersetzt wird durch eine neue Religion, wo die Hoffnung darin besteht, dass man in einem Computer virtuell unsterblich wird, der muss daran glauben, dass IT real und lebendig ist.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.09.2013, 11:56 Uhr

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