Verhandeln Sie auch wie ein Babysitter?

Weshalb Frauen bei Lohnverhandlungen viel zu schnell okay sagen. Und wieso das eben nicht okay ist.

«Uhh, was zahlen Sie denn sonst so?»: Szene aus dem Film «The Babysitter».

«Uhh, was zahlen Sie denn sonst so?»: Szene aus dem Film «The Babysitter».

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Lohnungleichheit. Der Begriff hat Konjunktur. Ja, er will einfach nicht aus der Mode kommen: weil er seit zwanzig Jahren in jedem Genderbericht auftaucht. Weil gleicher Lohn für gleiche Arbeit zwar einfach festzuschreiben, im Alltag aber offensichtlich noch immer nicht zu realisieren ist. Und nicht zuletzt: weil die Reaktion auf den Begriff immer die gleiche ist. Die Frauen jammern, die Männer zucken mit den Achseln und denken «selber schuld».

Und wie meist in Genderfragen haben beide recht. Die Frauen, weil sie tatsächlich nicht allein schuld sind, dass man ihnen weniger zutraut, weniger zahlt und sie weniger fördert und befördert. Die Männer, weil die Frauen tatsächlich etwas dafür können, dass man ihnen weniger zutraut, ihnen weniger zahlt und sie weniger fördert und befördert. (Lesen Sie dazu auch: «Lohngespräch: So legen Sie Ihren Chef flach».)

Von Anfang an zurück

Tatsache ist: Schon in ihrem ersten Job verdienen Männer bei gleicher Qualifikation mehr als Frauen: Absolventinnen der Uni St. Gallen haben 2010 im Durchschnitt 93'500 Franken pro Jahr als Erstsalär bezogen, ihre Kommilitonen gut 10'000 mehr, nämlich 103'500 Franken. «Im Krisenjahr 2009 haben sich die Gehälter zwar kurzzeitig angepasst, weil die Einstiegsgehälter für Männer gesunken sind – und die der Frauen sogar leicht gestiegen», erklärt Stephan Egger vom Seminar für Soziologie der Universität St. Gallen. Schon die Statistiken von diesem Frühjahr zeigten aber, dass die Männer wieder deutlich höhere Einstiegsgehälter erreicht haben. (Lesen Sie auch: «Wie gut Frauen sich schlagen».)

Die Gründe sind altbekannt: Männer gelten als belastbarer, Frauen gelten als Aussteigerinnen. Der Zivilstand verheiratet verhilft Männern zu mehr Lohn, bei Frauen wirkt er sich negativ auf den Zahltag aus. Dazu kommt, so Egger, dass Frauen nach wie vor das Marketing oder das Personalwesen bevorzugten, während Männer sich in gut bezahlte und risikoreiche Bereiche wie das Investmentbanking wagten. (Lesen Sie auch: «Sie sind schlau, ehrgeizig und attraktiv».)

Das weibliche Okay

Das alles weiss man längst – und trotzdem ändert sich nichts. Bei den Firmen nicht, weil der Druck noch nicht gross genug ist. Und bei den Frauen? Weil ... Ja – warum eigentlich geben sich Frauen immer noch mit weniger Geld zufrieden? Das hat sich auch die Amerikanerin Logan Sachon nach der Lektüre von mehreren Lohnungleichheitsstudien gefragt und eine entlarvende Kolumne über ihr eigenes Lohnverhandlungsgeschick geschrieben, die nun in diversen Wirtschaftsmagazinen in den USA die Runde macht: Sie habe, schreibt Sachon, einfach «okay» gesagt zu so ziemlich jedem Angebot, das ihr gemacht worden sei. Und zwar habe sich dieses Verhalten eingeschliffen, seit sie als 13-jähriger Teenager zum ersten Mal als Babysitterin gearbeitet habe. Sie illustriert diese These mit ein paar Lohndialogen, die sie aus der Erinnerung transkribiert hat. Diese sind zwar überzeichnet, aber gerade deshalb entlarvend. Hier ein Auszug:

  • Wir zahlen dir acht Franken die Stunde. Das Baby ist schon gefüttert, es muss in einer Stunde nur noch ins Bett gebracht werden, und du darfst vor den Fernseher hängen, bis wir zurückkommen. – Uhh, danke! Aber das wäre gar nicht nötig, ich mach das doch als Nachbarin gern. – Schon gut, nimm das Geld, Mädel, kauf dir was Schönes. – Okay.
  • Was verlangen Sie für dieses Projekt? – Uhh, was zahlen Sie denn sonst so? – Nun, wir zahlen pro Tag oder pro Stunde. Kommt ganz drauf an. – Hmm 800? – 800? Meinen Sie für das Projekt oder für den Tag? – Hmm. – Wissen Sie was, schreiben Sie doch einfach die Stunden auf, und wir bezahlen 30 Franken pro Stunde. – Okay.
  • Nun zum offiziellen Teil des Gesprächs: Wir haben kein Budget. Aber die Texte, die Sie in unserem renommierten Magazin veröffentlichen, machen sich gut in Ihrem CV. – Okay.

Das neue Frauen-Mantra

Lächerlich? Nicht, wenn man bedenkt, dass Mitarbeiterinnen, die es überhaupt wagen, mehr Lohn einzufordern, gegen das Bild der loyalen Frau verstossen und von Chefs als anmassend eingestuft werden, wie Harvard-Professorin Hannah Riley in einer ganzen Reihe von Experimenten nachgewiesen hat. Und lächerlich werden diese Beispiele auch all denjenigen Leserinnen nicht erscheinen, die wie die meisten Frauen viel zu oft und viel zu schnell okay gesagt haben.

Okay, lassen wir das ruhen und kommen jetzt zum neuen Frauen-Mantra für die nächsten Lohnverhandlungen: «Ich bin kein 13-jähriger Babysitter!»

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(Erstellt: 29.02.2012, 22:14 Uhr)

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