Leben

Überlebenstraining auch für Schiffsköche und Coiffeusen

Von Walter Däpp. Aktualisiert am 23.01.2012 1 Kommentar

Der Berner Seemann Roger Witschi arbeitet als 1. Offizier auf hoher See und bildet für ein Kreuzfahrtunternehmen Bordpersonal aus. Für ihn sind die Aussagen des Costa-Concordia-Kapitäns unbegreiflich.

1/23 Die Costa Concordia rammt vor der Insel Giglio einen Felsen: Das Kreuzfahrtschiff anfangs in nur leichter Schieflage. (14. Januar 2012)
Bild: Keystone

   

Seemann Roger Witschi. (Bild: PD)

Als Erster Offizier auf hoher See

«Abenteuer, Reiselust, Verantwortung - das sind Begriffe, die mir gefallen. Schon als Kind und während meiner Gymerzeit in Köniz hatte ich eine spezielle Beziehung zum Wasser: als Segler auf dem Neuenburgersee oder als Pontonier auf der Aare. Nun will ich mehr - das Meer»: Das sagte der heute 27-jährige Berner Roger Witschi vor fünf Jahren in einem «Bund»-Interview.

Nun kann er erfreut feststellen, dass er als Binnenländer auf den Weltmeeren bestens auf Kurs ist. Im deutschen Elsfleth hat er seine anforderungsreiche Seemannsausbildung erfolgreich abgeschlossen. Er ist nun diplomierter Nautiker, Ingenieur für Seeverkehr und Erster Offizier auf hoher See. Den Fähigkeitsausweis «Kapitän auf hoher See - alle Fahrtgebiete» wird er voraussichtlich nach einem zusätzlichen Jahr Fahrpraxis erhalten - etwa in zwei bis drei Jahren, wie er schätzt. Denn ausbildungsmässig peilt er noch ein zweites Ziel an: Seit einem Jahr absolviert er an der Universität Bern auch noch ein Jusstudium - mit dem Ziel, sich später neben der Schifffahrt vielleicht auch auf Seerecht oder Versicherungsfragen spezialisieren zu können.

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Das Unglück des Kreuzfahrtschiffs Costa Concordia vor der toskanischen Küste hat auch ihn aufgerüttelt: den 27-jährigen Roger Witschi, der als Seemann beruflich intensiv mit Sicherheitsfragen auf Kreuzfahrtschiffen beschäftigt ist - als Ausbilder für Angestellte einer Kreuzfahrt-Reederei. Auch eine Woche nach der Katastrophe fragt er sich, wie es dazu kommen konnte, dass die Besatzung der Costa Concordia «so unbegreiflich nahe» ans Ufer gefahren sei: «Sie hat den normalen Sicherheitsrahmen nicht eingehalten. Wer mit einem solchen Schiff, das gut 10 Meter Tiefgang hat, an einer felsigen Küste darauf spekuliert, auf kein Hindernis zu stossen, handelt gefährlich. Für mich ist das unfassbar.»

Unbegreiflich ist für ihn vor allem auch die Aussage des Costa-Concordia-Kapitäns, wonach der besagte Fels nicht kartiert gewesen sei: «Selbst wenn es so wäre, ist das nicht haltbar. Auf jeder Seekarte ist vermerkt, dass in Küstennähe jederzeit mit nicht kartierten Hindernissen zu rechnen ist. Das weiss jeder Seemann. Aber ich hüte mich vor jeder direkten Vorverurteilung.»

Versagen auf der obersten Führungsebene

Auch an der Versammlung des - von ihm präsidierten - Vereins der Schweizer Kapitäne und Schiffsoffiziere habe man vergangene Woche in Bremen intensiv darüber gesprochen: «Uns interessierte einerseits das Technische des Unfallhergangs. Doch noch mehr beschäftigten uns die menschlichen Aspekte. Und die Fragen der Verantwortlichkeiten - der Entscheidungskette in einem solchen Katastrophenfall.» Neben dem Kapitän stünden auch die Offiziere in der Verantwortung: «Sie sind verpflichtet, dem Kapitän mitzuteilen, wenn sie seine Entscheide und seine Handlungen als gefährlich oder als unangemessen einstufen.»

Auch er gehe von einem Versagen auf der obersten Führungsebene der Costa Concordia aus, sagt Witschi: «Da scheint es aber doch, dass die Evakuierung dann erstaunlich gut funktioniert hat. Bei jeder vergleichbaren Havarie auf einem so grossen Schiff ist mit einem chaotischen Durcheinander, mit panischen Reaktionen und auch mit Toten und Verletzten zu rechnen.» Mit solchen Fragen ist er beruflich auch täglich konfrontiert: Er ist einerseits Erster Offizier auf einem Hochseeschlepper in der Nordsee, und andererseits eben auch Ausbilder für nichtnautisches Nachwuchspersonal auf einem Segelschulschiff für die grosse deutsche Kreuzfahrt-Reederei Aida: «Jeder Schiffskoch, jeder Mechaniker, jeder Animator oder jede Coiffeuse absolviert vor dem Einsatz auf einem Kreuzfahrtschiff ein einwöchiges Überlebenstraining und trainiert dabei auch Brandbekämpfung und Evakuierungen», betont er. Wenn im Katastrophenfall die oberste Führungsebene versage, sei unter Umständen aber vieles plötzlich bloss noch Theorie.

«Die Natur lehrt uns Bescheidenheit»

Doch immerhin: Dass es gelungen sei, die Costa Concordia nach dem Aufprall auf den Felsen «noch um 180 Grad zu drehen und quasi an Land zu legen», dürfte seiner Meinung nach vielen Passagieren das Leben gerettet haben. Er mahnt im Übrigen, nach diesem Unglück die Relationen zu wahren: «Gesamthaft betrachtet nehmen Zahl und Schwere solcher Schifffahrtsunfälle ab. Die Sicherheit hat also zugenommen.» In der Schifffahrt sei es aber nicht anders als in der Luftfahrt: Wenn die Schiffe, beziehungsweise die Flugzeuge, stets grösser würden, sei im Unglücksfall auch mit grösseren Folgen zu rechnen. Und da mache er keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen der Havarie eines Kreuzfahrtschiffs oder eines Tankers: «Die Folgen können in beiden Fällen gravierend sein, für Mensch und Umwelt. Wenn statt der Costa Concordia ein Öltanker den Felsen gerammt hätte, wären die Folgen an der Küste ebenfalls immens.»

Roger Witschi, der angehende Hochsee-Kapitän aus dem Binnenland Schweiz, wird also trotz dieses Unglücks wieder mit gutem Gefühl in See stechen. Nach Abschluss seiner Ausbildung an der Fachhochschule Oldenburg-Friesland-Wilhelmshaven in Elsfleth ist er zwei Jahre «voll gefahren», wie er sagt. Es sei immer wieder eine Herausforderung, «Verantwortung zu übernehmen». Und faszinierend sei für ihn nach wie vor auch die Natur - und der Umgang mit ihr: «Ob ein Seemann auf See oder ein Bergsteiger in den Bergen: Die Natur lehrt uns eine gewisse Bescheidenheit. Und es kann sich rächen, wenn man diese Bescheidenheit verliert.» (Der Bund)

Erstellt: 23.01.2012, 14:33 Uhr

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1 Kommentar

Beat Joos

23.01.2012, 16:50 Uhr
Melden 9 Empfehlung 0

Trainung für jedes Besatzungsmitglied ist wirklich nötig, aber der Ernstfall lässt sich nie genau üben. Dieser kann ich in meinem Beruf nie genau voraussagen. Sogar eine Museumsbahn ist nie vor Katastrophen geschützt. Antworten



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