Leben

Supermama demontiert

Von Bettina Weber. Aktualisiert am 28.03.2012 14 Kommentare

Die schwedische Erziehungsexpertin Anna Wahlgren soll eine Rabenmutter gewesen sein.

Von der eigenen Tochter als schlechteste Mutter der Welt bezeichnet: Die Bestsellerautorin Anna Wahlgren.

Von der eigenen Tochter als schlechteste Mutter der Welt bezeichnet: Die Bestsellerautorin Anna Wahlgren.
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Sie ist Schwedens weiblicher Remo Largo. Hat 20 Bücher zum Thema Erziehung geschrieben, «Das Kinderbuch» aus dem Jahre 1983 gilt als Standardwerk, wurde eine Million Mal verkauft und in zahlreiche Sprachen übersetzt. Sie sagte über sich selbst: «Ich bin die beste Erzieherin der Welt.» Man nahm ihr das ab. Obschon oder vermutlich gerade weil Anna Wahlgren so gar nicht dem Bild der herkömmlichen Supermama entsprach.

Sie war keine Vorzeigemutter, wie man sie sich gemeinhin vorstellt, im Gegenteil. Sie hatte neun Kinder von drei verschiedenen Männern und war siebenmal verheiratet. Bei öffentlichen Auftritten präsentierte sie ihre kunterbunte Grossfamilie, munter sah das aus und fröhlich und doch irgendwie beeindruckend geordnet und wohlerzogen. Wahlgren sagte: «Kinder sind meine Universität.» Das klang einleuchtend, schliesslich konnte sie Feldforschung im eigenen Wohnzimmer betreiben. Ihre Bücher waren denn auch frei von trockenem Wissenschaftsjargon, lebensnah und pragmatisch.

Das Buch der Tochter

Wahlgren hielt altmodisch anmutende Tugenden wie Pünktlichkeit hoch, weil das einen geregelten Ablauf zu Hause ermögliche. Sie schwamm aber auch gegen den Strom, gab die aufopfernde Glucke und wagte im krippenfreundlichsten Land der Welt zu behaupten, dass Kinder die ersten Lebensjahre unbedingt bei der Mutter verbringen sollten.

Und jetzt das. Die drittgeborene Tochter Felicia (44) hat jetzt selbst ein Buch geschrieben. Keinen Erziehungsratgeber. «Felicia geht» ist ein Enthüllungsbuch, und dabei kommt die inzwischen 69-jährige Supermama gar nicht gut weg. Das Werk ist eine Demontage auf 187 Seiten. Die Vorwürfe sind happig und wollen so gar nicht zur jahrelang sorgfältig gepflegten Fassade des Familienidylls passen.

Am Mobbingtag wurde eines der Kinder von den anderen wie ein Sklave behandelt

Die Mutter sei oft betrunken gewesen, habe die Kinder weitgehend sich selbst überlassen – und die zahlreichen Liebhaber, mit denen sich die Frau Mama auch Prügeleien geliefert habe, hätten die heranwachsenden Töchter mitunter sexuell belästigt. Das soll die Mutter nicht gross gekümmert haben. Stattdessen soll sie mit Selbstmord gedroht und häufig Ohrfeigen verteilt haben.

Als die Tochter einmal aus Protest wochenlang nicht mit der Mutter redete, soll diese sie mit dem Küchenmesser bedroht haben. Und dann waren da offenbar auch noch pädagogisch einigermassen bizarr anmutende Rituale wie der Mobbingtag, an dem eines der Geschwister von den anderen wie ein Sklave behandelt werden durfte.

Geschwister sagen, dass die Vorwürfe in Felicias Buch nicht stimmen

Das Buch sorgte selbstverständlich für einen Skandal. Schweden war schockiert. Noch nie, schrieb die Rezensentin des «Svenska Dagbladet», habe sie eine derart unversöhnliche Kindheitserinnerung gelesen. Die Anhänger vermuten ein Komplott, sprechen von einer Kampagne, die an Hexenverfolgung erinnere. Zumal einige der Geschwister haben verlauten lassen, dass das Geschriebene so nicht stimme. Felicia Feldt parierte die Vorwürfe kurz und knapp: «Das ist meine Wahrheit.»

Anna Wahlgren selbst mischte sich nicht in die Diskussion ein, sondern reagierte vorerst edelmütig auf die Anwürfe der Tochter. Ganz die gelassene Erzieherin, erklärte sie: «Felicia ist 44 Jahre alt. Viele Menschen mittleren Alters haben ein Bedürfnis, Erlebnisse aus ihrer Kindheit zu verarbeiten, aber tun das in der Regel nicht öffentlich. Mit ihrem Buch, das eine Überraschung für mich ist, versucht Felicia, mir Ehre und Anstand zu nehmen. Ich antworte, indem ich ihr Ehre und Anstand lasse.»

«Für mich ist sie die schlechteste Mutter der Welt.»

Dennoch wankt sie, die Grand Old Lady der Kindererziehung. Nicht nur, weil die Vorwürfe ungeheuerlich und katastrophal für ihr Image und ihre Glaubwürdigkeit sind. Sondern weil sie am besten weiss, dass für eine Mutter nichts so verheerend ist wie der vernichtende Satz, mit dem Felicia Feldt ihre Beziehung zur selbst ernannten Supermama zusammenfasst: «Für mich ist sie die schlechteste Mutter der Welt.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.03.2012, 07:25 Uhr

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14 Kommentare

Lukas O. Bendel

28.03.2012, 09:34 Uhr
Melden 61 Empfehlung 1

Auch heute noch und in der Schweiz fallen Gesellschaft und insb. Sozial- und Justiz-Behörden noch so gerne darauf hinein, wenn sich eine Frau (z.B. im Rahmen einer Trennung/Scheidung) als gute Mutter zelebriert und das Klischee des Rabenvaters bedient: Selbst wenn die Kinder über Jahre wiederholt sagen, sie wollen weg von der Mutter und sbam zum Vater, werden sie nicht gehört! Antworten


Martha Meister

28.03.2012, 08:11 Uhr
Melden 40 Empfehlung 0

Kindererziehungsliteratur kenne ich nicht, was die Hundeerziehungsliteratur anbelangt kann ich sagen: 80 Prozent davon ist Müll, die meisten Autoren haben keine Ahnung von Hunden. Warum hat jemand überhaupt das Bedürfnis, anderen zu erzählen, wie Kinder richtig erzogen werden, wie Hunde richtig erzogen werden: Geldmacherei, schlechtes Gewissen ... Antworten



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