Leben
Spinnen, Parklücken, «Kamasutra»
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- «Very Classy» von Derek Balsberg
- «Alles, was eine Frau wissen muss» von Veronika Immler & Antje Steinhäuser
- «Eine Frau, ein Buch» von Heike Blümner und Jacqueline Thomae
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Ein Buch muss vieles können, aber im Sommer noch mehr: Der Hitze, Sonnencreme und Siestaschwere standhalten. Der Sommer ist die Saison der anderen Massstäbe, das gilt auch für die Lektüre. Empfehlungen der Redaktionen verweisen auf Angesagtes, und dass es auch mal etwas Leichtes sein darf, soll man nicht missverstehen. Vorausgesetzt, die Aufnahmefähigkeit des Lesers, der Leserin sei ferienhalber reduziert, und die Aufmerksamkeit möchte um so mehr ganz von selbst getragen werden, desto wichtiger ist es, richtig gutes Zeug in den Händen zu halten. Der gute Roman ist Fluchtburg und höchstpersönlicher Vorstellungsraum der Eskapisten, wobei Mittouristen, Mitreisende oder Mitferienfreunde keinen Zugang haben.
Alles Komplizierte zwischen zwei Buchdeckeln
Anders bei den nicht eben als Ferienlektüre bekannten Handbüchern. Sie sind geselliger, manche bieten sogar maximalen Gesprächsstoff bei minimalem, in Abschnitten aufbereitetem Leseaufwand. Ausserdem sind sie in jeder Lebenslage und Destination gut lesbar. Gebrauchsanweisungen, Ratgeber, alles, was man Kompliziertes wissen muss, zwischen zwei Buchdeckel gefasst – das ist zwar unmöglich, aber trotzdem.
Einige Titel haben sich dabei mit einigem Publikumserfolg die Frau vorgenommen. Das «Handbuch für die gute Ehefrau» wurde kürzlich in der «Weltwoche» erwähnt. Ob es tatsächlich aus dem Jahr 1955 stammt oder viel später dahin zurückdatiert wurde, ist offenbar nicht auszumachen. Jedenfalls bietet es sich an, mit historischem Interesse gelesen zu werden. Als Zeugnis aus Zeiten, in denen die Zuständigkeiten noch klar waren: Räumen Sie, so lassen sich die Ratschläge an die gute Ehefrau zusammenfassen, alles Laute (Kinder), Problematische (Ihre Sorgen), Unansehnliche (ziehen Sie sich um, tragen Sie neues Make-Up auf) aus dem Weg, bevor er abends nach Hause kommt. Er hatte einen strengen Tag und hat nun ein Recht auf Erfrischung. Der dienenden, hinnehmenden Rolle der Frau sind kaum Grenzen gesetzt. Das «Handbuch» mag eine zweifelhafte Quelle sein, die generelle Richtung stimmte wohl schon.
Chanel-Taschen und mehr
Jünger sind drei andere Titel, die sich damit beschäftigen, was Frauen zu tun haben, und vor allem, wie sie es zu tun haben. Der «New York Times»-Bestseller «Classy» von Derek Blasberg (Goldmann, 2011) hält fest, wie sich eine Lady verhält: Sei es vor dem eigenen Kleiderschrank, wenn sie eine Party schmeisst, wenn sie verreist, die Liebe sucht oder in Versuchung gerät. Man mag ankreiden, dass da ein Mann bestimmt, was eine Lady ausmacht. Aber ein paar praktische Hinweise gibt es doch, wenn es beispielsweise darum geht, den Dresscode auf einer Einladung zu entschlüsseln, wie man ohne Peinlichkeit tanzt, dass «eine Lady ein wohltätiges Herz hat» und also bei der einen oder anderen Wohltätigkeitsorganisation auch aktiv wird, und wie es sich mit Online-Beziehungen verhält: «Seien Sie vorsichtig. Sie würden Ihr Konto nicht wegen einer Chanel-Tasche plündern, die vielleicht nicht echt ist. Und genauso wenig möchten Sie Ihre Gefühle in einen Menschen investieren, der womöglich auch nicht echt ist.»
Um schliesslich nach einem Streifzug durch den Band zu urteilen: Muss man sich tatsächlich vorschreiben lassen, was man auf einer Reise anzieht, wie man sich als Gast und Gasteber verhält? Damit auseinandersetzen, dass es unweise ist, angetrunken Auto zu fahren, und es sich nicht gehört, anders als mit geschlossenen Knien auf Stühlen zu sitzen?
Allein die Wahl der Themen spricht Bände in Büchern über und für die Frau. Intimrasur, Einparken, Selbstverteidigung, Spinnen zum Beispiel? Wenn in «Classy» so etwas wie das Lady-Ideal vorgeschrieben ist, richtet sich der Band «Alles, was eine Frau wissen muss» (Knaur, 2008) neben den klassischen Themen stark auf praktische Hinweise und Überlebensstrategien aus.
Einen kühlen Kopf bewahren
Das fängt bei Adam und Eva an: «Wie wird eine Frau schwanger?». Daneben findet man Tipps dafür, wie man eine Tür eintritt und in Grenzsituationen einen kühlen Kopf bewahrt: nach einem Sturz auf U-Bahn-Geleise oder wenn man im Eis einbricht. Ein Kapitel behandelt Esoterik und Astrologie, andere besprechen berühmte Frauen, und im Kapitel Zukunft gibts sogar die Abschnitte: «Selig- oder gar heiliggesprochen zu werden» und «Bewerbung bei ‹Germanys next Topmodel›» (in der Reihenfolge). Kurz, ein Buch für die Handtasche, sollten Sie mal eine giftige Pflanze bestimmen, ihr Auto überbrücken oder einen Reifen wechseln müssen. Zudem gibt es darin auch praktische Skizzen zum seitwärts Parkieren oder übers «Kamasutra». Das schönste an diesem Buch sind die Instruktionen unter dem Titel «Männerdomänen für sich entdecken». Mit ihnen lässt sich viel mehr anfangen als mit einer Stilbibel: Wie bringe ich eine Deckenlampe an, wie hantiere ich richtig mit einer Bohrmaschine? Hier stehts.
Etwas zwischen Überlebensleitfaden und Ritterschlag zur Lady bietet der Band «Eine Frau – ein Buch» (Edition Süddeutsche Zeitung, 2008). Wäre eines der drei Bücher Pflicht für die einsame Insel, dieses wärs. Auch hier gehts um Lampeninstallation und Reifenwechsel, um «Haare untenrum loswerden», wie man Spinnen «gelassen» begegnet und «Orgasmus – leicht gemacht». Themen eben, wie die Verfasserinnen im Vorwort schreiben, an denen man als Frau ziemlich sicher vorbeikommt. Für alle Fälle kann man auch das Morse-Alphabet lernen, wie man «richtig Vodka trinkt» und «Eine gute Figur bei den Oscars macht».
Pullover stricken, Businessplan aufstellen
Was macht das Buch unterhaltsam? Man lernt Dinge, etwa, dass es genetische und soziale Gründe für die Angst vor Spinnen gibt und ausserdem verschiedene Grade des Ekels. Gleichzeitig liefert das Buch einen praktischen Zugang: Befindet sich eine Lampe an der Zimmerdecke, braucht es als wichtigstes Utensil einmal eine Leiter – das klingt simpel, aber hilft durchaus. Vor allem gefällt das Desinteresse am Genderstreit: Unter dem Stichwort «Einen LKW einparken» steht etwa, Frauen hörten ihrem Fahrlehrer genau zu, um seine Anweisungen umzusetzen, derweil Männer beim Parken eher «ihren eigenen Standpunkt und ihren persönlichen Fahrstil einbringen. Da Parken aber keine Lifestyle-Frage, sondern ein Lernprozess ist, geht das oft nach hinten los.»
Ganz um fest gefasste Meinungen kommt man doch nicht herum. Und Parkieren ist auch nicht das aufregendste Thema auf Erden. Aber in «Eine Frau – ein Buch» findet sich selbst beim sommerlichen Flanieren durch die Seiten Bemerkenswertes und Unterhaltsames. Ob beim Kapitel «Spitzenköchin werden» und was der Mythos Mama damit zu tun hat oder unter der Überschrift «Auf Kommando heulen» und der Sideline, wie sich Hillary Clinton im Vorwahlkampf mit ein paar Tränen ein softeres Image verlieh.
Kapitel «Einen Vortrag halten»? Für echte Panik-Kandidaten empfehlen sich besondere Kurse, für alle anderen gibt es in diesem Buch brauchbare Tipps. Wollen Sie eine Führungsposition einnehmen (lesen Sie mehr darüber auch hier)? «Führen muss man können, das ist wahr», steht da. «Wenn Sie aber meinen, dass mit Führungskraft nur Menschen ausgestattet sind, die einen besonders dominanten Charakter haben, sollten Sie schleunigst umdenken.» (Lesen Sie dazu: Können Mütter alles haben?)
Einst lieferten Handbücher für die Frau Anleitungen zur Steuerung und zum Wohlbefinden des Mannes. Heute geht es auch darum, neue Dinge zu lernen, die vielleicht auch alt sind: Einen Pullover stricken zum Beispiel. In wessen Domäne das Spezialwissen einst gehörte, spielt keine Rolle. Schönen Sommer!
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Erstellt: 24.07.2012, 21:00 Uhr
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