Sie würden sogar Mickymäuse knüpfen
Von Ulrike Hark, Kathmandu. Aktualisiert am 25.05.2011 5 Kommentare
An einem grossen Teppich arbeiten vier bis fünf Knüpferinnen etwa sechs Monate lang.
Jahresringe eines Baumes waren das Motiv für dieses Stück der Kollektion Atelier Pfister, entworfen von Lela Scherrer.
(Bild: TA-Grafik ib)
InfoStep für faire Bedingungen
Seit 15 Jahren in Nepal aktiv
Mitarbeiter des Fair-Trade-Labels Step, eines Ablegers der Max-Havelaar-Stiftung, kontrollieren die Arbeitsbedingungen der Teppichknüpferinnen und -knüpfer in Nepal vor Ort und betreuen Entwicklungsprojekte für bessere Lebensbedingungen der Arbeitenden und ihrer Familien. Neben dem Tourismus ist die Teppichproduktion der zweitgrösste Devisenbringer in Nepal.
Die Step-Handelshäuser, zu denen auch die Pfister AG und Jan Kath gehören, zahlen 5.50 Franken pro verkauften Quadratmeter Teppich an die Organisation. (uh)
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Die erste Fahrt durch Kathmandu ist ein Schock – so ärmlich hatten wir uns das nicht vorgestellt. Häuser, von denen man nicht weiss, ob sie abgerissen oder aufgebaut werden, kranke Hunde, die schon als Welpen vergreist wirken, und auf den Trottoirs Abfall, der geruchsstark vor sich hin mottet. Von hier also starten die Backpacker ihre Trekkingtouren, hier suchen sich Bergsteiger ihre Sherpas. Im Hintergrund wäre der Himalaja zu sehen, aber der Verkehr Kathmandus, dieser expandierenden Millionenstadt, pufft so viele Abgase in die Luft, dass wir die weissen Riesen nicht zu Gesicht bekommen. Willkommen im Land der Widersprüche! Nepal ist eines der schönsten der Welt, aber auch eines der ärmsten. Die Arbeitslosigkeit ist gross, Korruption gang und gäbe.
Wir sind auf dem Weg zur Manufaktur der Pfister AG, des Schweizer Urgesteins des besseren Wohnens. Die Firma will ausgewählten Journalisten zeigen, wie sich hier auch unter schwierigen politischen Verhältnissen noch Teppiche produzieren lassen – und dass dies unter fairen Bedingungen geschieht, kritisch überwacht vom Label Step. Doch unser Kleinbus kommt nicht voran, der Verkehr stockt, wie so oft. Man braucht Zeit in Kathmandu.Vor dem Aussenministerium stehen sich junge Männer, eng an eng gedrängt, die Beine in den Bauch, um Papiere für eine Ausreise zu bekommen. Die Schlange will kaum mehr enden, sie ist sicher zwei Kilometer lang. Kechhup, unser Tourführer, sagt, dass das jeden Tag so gehe. Sie kommen vom Land, stranden in Kathmandu und wollen nur eins – weg von hier! Nach Südkorea, nach Saudiarabien, wo sie als ungelernte Arbeiter ein ungewisses Schicksal erwartet – 50 Prozent der Nepalesen sind Analphabeten, denn eine obligatorische Schulpflicht gibt es noch immer nicht.Die Baubranche oder Teppichknüpfereien sind einige der wenigen Erwerbsquellen für junge Männer. Links von der Strasse wird gerade wieder ein Hochhaus gebaut, das Gerüst aus Bambus. In den letzten Wochen seien hier acht Arbeiter heruntergefallen, verunglückt, tot, hören wir. Die Nepalesen seien es eben noch nicht gewohnt, so hoch zu bauen, lautet die Erklärung.
Die wichtige Dezentralisierung
Unser Bus ruckelt sich durch kleine Strässchen zu einem Aussenquartier, wo Pfister seit vielen Jahren Teppiche produzieren lässt. Bis vor fünf Jahren stand an diesem Ort noch eine grosse Manufaktur mit vielen Webstühlen, Wohnstätten für die Arbeiter und einem Kinderhort. Heute spinnen im Innenhof gerade mal fünf Frauen Hochlandwolle aus Tibet für die Pfister-Teppiche. Sie lächeln freundlich, offen, wie so viele Menschen in Kathmandu, aber sie verstehen kein Wort. Also lächelt man freundlich zurück. Als 2006 radikale maoistische Gewerkschaften begannen, Firmenbesitzer, die mit dem Westen zusammenarbeiteten, zu schikanieren, und gezielt Anschläge auf Manufakturen verübten, haben die Produzenten ihre heute 50 Werkstätten als kleine, unscheinbare Anlagen in ganz Kathmandu dezentralisiert. So sind diese weniger gut auffindbar und angreifbar.
Niels Blättler, der die Produktion für Pfister vor Ort betreut und die komplizierten Verhältnisse in Nepal gut kennt, sagt: «Vieles, was vor Jahren noch selbstverständlich war, Krippen für die Kinder der Arbeiterinnen zum Beispiel, muss nun wieder neu aufgebaut werden.» Das politische Gleichgewicht ist in Nepal immer noch labil, obwohl vor drei Jahren die Monarchie endgültig gestürzt wurde und seit Februar dieses Jahres nun ein gewählter Ministerpräsident im Amt ist, Jhalanath Khanal, der Vorsitzende der gemässigten Kommunistischen Partei. Doch die Arbeiter seien verunsichert, so Blättler. Darum sei es derzeit nicht einfach, neue Knüpferinnen und Knüpfer zu finden, obwohl die Bezahlung durchaus stimme. Das Monatseinkommen liegt bei umgerechnet 200 Dollar und entspricht damit einem nepalesischen Durchschnittslohn. Derzeit arbeiten für Pfister rund 100 Knüpfer in Kathmandu.
Motive für Europäer
Das jüngste Produkt aus dem Hause Pfister finden wir an einem anderen Ort der Stadt – die kleine Kollektion, welche die Schweizer Modemacherin Lela Scherrer für den Möbelriesen entworfen hat. Teppiche als Designobjekt, die dem europäischen Auge gefallen, grafisch-modern, ohne figürliche, traditionelle Motive wie Kamele, Vögel oder stilisierte Tiger – Teppiche eben, die auf dem Parkett des Westens chic aussehen, «Ethno light» könnte man sagen.
Das kommt den Nepalesen entgegen. Sie haben zwar gutes, handwerkliches Know-how, selber aber keine eigentliche Teppichkultur. Anders als dem Iran, der über eine jahrhundertealte Tradition verfügt und stolz ist auf seine charakteristischen Motive, kam das Teppichknüpfen in Nepal erst um 1950 mit den Flüchtlingen ins Land. Unterstützt wurden die Kunsthandwerker bereits damals von Schweizer Institutionen und Hilfswerken. Eine eigenständige Bildsprache ist aber nicht entstanden.Als wir dann etwas skeptisch neben den Frauen an den engen Webstühlen stehen und mutmassen, ob ihnen die komplizierten, fremden Computermuster aus der Schweiz, die sie hier nachknüpfen, Spass machen, müssen wir uns sagen lassen, dass so etwas «Romantisches» nur Westler fragen könnten.
Begehrte Ware
Jan Kath, der ebenfalls in Nepal produzieren lässt und aussieht wie Brad Pitt in seiner jüngsten Filmrolle, meint: «Sie würden sogar Mickymäuse knüpfen, wenn das gewünscht wäre.» Kath stammt aus dem Ruhrpott und gilt als Trendsetter der Teppichszene; sein Used Look mit gewollt fehlerhaften orientalischen Motiven ist höchst raffiniert, Reduktionskunst auf hohem Niveau. Damit hat er die etwas schläfrige Branche revolutioniert und wird nun auf Teufel komm raus kopiert, seine Nachahmer kann Kath gar nicht mehr zählen. In Nepal ist er der umsatzstärkste Auftraggeber überhaupt, in der Schweiz verkauft er exklusiv bei Pfister. Neben Rockstars wie Anthony Kiedis (Red Hot Chili Peppers) steht auch Prinz Albert auf die Ware dieses «Turbos» aus Bochum – Kath darf den endlos langen «roten Teppich» für die Hochzeit in Monaco produzieren.
Es ist «Muttertag» in Nepal, 3. Mai, was heisst, dass weniger Autos unterwegs sind, aber genug, um sich vor einer heiligen Kuh zu stauen. Wir stecken wieder mal fest. Vor kurzem, erzählt Niels Blättler, habe ein Nepalese eine solche Kuh überfahren, was im hinduistisch geprägten Nepal schlimmer sei, als wenn ein Mensch im Strassenverkehr umkomme. «Der Mann ist für zwei Monate untergetaucht und hat sein Auto versteckt.» Und weil eine Kuh selten allein kommt, werden wir an dieser Kreuzung wohl noch lange stehen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 24.05.2011, 20:15 Uhr
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5 Kommentare
Ich bereise Nepal schon seit 30 Jahren. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass eine Knüpferin 200 Dollar im Monat verdient. Dies entsprächen rund 14'500 Rupien. So viel verdient nicht einmal ein Bankangestellter in Kathmandu. Denke eher, dass der Lohn bei max. 6000 Rupien liegt. Und übrigens darf man die Flüchtlinge ruhig beim Namen nennen: Es waren die Tibeter. Antworten
"Die neuen Löhne für Nepals KnüpferInnen liegen je nach Teppichqualität zwischen 69 und 86 Franken (resp. 46 und 57 Euro) pro Monat und damit rund 68 bis 110 % über dem Durchschnittseinkommen". Info Label Step Deutschland. Auf dem Lande verdient ein Nepalese im Schnitt 1 Dollar pro Tag. Investigativer Journalismus ist dieser Artikel nicht gerade, könnte aus einem Firmenprospekt stammen. Antworten
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