Leben

Senioren als Risikofaktor im Strassenverkehr

Von Carmen Roshard, Silvio Temperli. Aktualisiert am 12.02.2012 39 Kommentare

Nicht alle Hausärzte nehmen den medizinischen Test für ältere Automobilisten genug ernst, obwohl gesundheitliche Schwierigkeiten zu mehr Unfällen führen.

Wer versagt, fährt nicht mehr weiter: Im Zweifelsfall müssen Senioren nochmals eine praktische Kontrollprüfung ablegen.

Wer versagt, fährt nicht mehr weiter: Im Zweifelsfall müssen Senioren nochmals eine praktische Kontrollprüfung ablegen.

Fahrtauglichkeit

Viele Senioren können noch bis ins hohe Alter Auto fahren. Manche überschätzen jedoch ihre Fahrkünste. Wie steht es bei Ihnen?


– Kreuzungen oder dichter Stadtverkehr machen mich manchmal nervös.

– Das Überholen auf Landstrassen bereitet mir Mühe.

– Ich reagiere in kritischen Situationen langsamer als früher.

– Ich habe Angst, nachts zu fahren.

– Es kommt vor, dass ich andere Verkehrsteilnehmer erst im letzten Moment sehe.

– Innerorts werde ich häufig überholt.

– Personen in meinem Umfeld haben mir geraten, den Führerausweis abzugeben.

– Ich bin nicht mehr sicher, wann ich Vortritt habe.

– Ich verwechsle manchmal Gas- und Bremspedal.


Müssen Sie mehrere Aussagen ankreuzen, so sprechen Sie mit Ihrem Arzt, Fahrlehrer oder mit Ihrer Familie. Treffen Sie Vorkehrungen, oder überlegen Sie sich, auf den Führerausweis zu verzichten. (roc)

Gesundheitscheck

Vom 70. Lebensjahr an erhalten Seniorinnen und Senioren alle zwei Jahre vom Strassenverkehrsamt ein Aufgebot für eine medizinische Untersuchung. Im Kanton Zürich beurteilt in der Regel der Hausarzt, ob man fahrtauglich ist. Bei chronischen oder fortschreitenden Krankheiten kann er eine Zusatzuntersuchung bei einem Spezialisten oder eine Kontrollfahrt anordnen. Dann beurteilt das Institut für Rechtsmedizin die Fahreignung abschliessend. Wer dem Aufgebot auch nach einer Mahnung nicht folgt, dem wird der Ausweis entzogen. (roc/sit)

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Eine lange Autoschlange bildet sich vor dem Parkhaus in Zürich. Mit zitternder Hand versucht ein älterer Lenker, das Ticket aus dem Automaten zu klauben. Vergeblich. Jemand hilft, der Senior bedankt sich, drückt aufs Gaspedal und fährt in die Betonwand. Das Auto steht still, nichts geht mehr. Der Mann findet den Rückwärtsgang nicht. Beim näheren Hinsehen zeigt sich der graue Schleier, der seine Augen überzieht. Er ist nicht in der Lage, seinen Wagen selber ins Parkfeld zu stellen, das müssen jüngere Leute für ihn übernehmen.

«Ältere Verkehrsteilnehmer mit gesundheitlichen Schwierigkeiten verursachen in der Stadt Zürich zunehmend Unfälle», sagt Wernher Brucks von der Dienstabteilung Verkehr. Die Ursachen sind unterschiedlich: eine verminderte Sehkraft, die Einwirkung von Medikamenten, ein momentaner Schwächezustand, Herzversagen, Demenz und Alzheimer, Unterzuckerung bei Diabetes.

Mit Linksabbiegen überfordert

Personen über 65 gelten als Senioren. Wenn sie in eine Kollision verwickelt werden, sind sie in etwas mehr als der Hälfte der Fälle (56 Prozent) schuld, wie es bei der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) heisst. Und bei 10 Prozent der tödlichen Unfälle auf Schweizer Strassen sind laut BfU ältere PW-Lenker beteiligt – die Hälfte der dabei Getöteten sind die Senioren selber. Überdurchschnittlich oft sind Senioren in Unfälle auf Kreuzungen verwickelt, wobei sie besonders mit dem Linksabbiegen Mühe haben. Dagegen verursachen sie eher wenig Unfälle wegen Alkoholkonsums oder wegen zu schnellen Fahrens.

Die Altersangaben in den offiziellen Unfallstatistiken bilden für Wernher Brucks «keine geeignete Grundlage zur Beurteilung der Fahrfähigkeit älterer Menschen». Es gebe keinen starken Zusammenhang zwischen korrektem Autofahren und Lebensalter. Das Alter sage nichts aus über die Qualität der Fahrkünste: «Je nachdem fährt ein 80-Jähriger besser als ein 70-Jähriger.» Wesentlich sei vielmehr der Gesundheitszustand älterer Verkehrsteilnehmer.

Sensibilisierung der Ärzte

Unfälle, die auf gesundheitliche Beeinträchtigungen zurückzuführen sind, liessen sich grossenteils verhindern. Davon ist Munira Haag vom Institut für Rechtsmedizin der Uni Zürich (IRMZ) überzeugt, jener Instanz, die definitiv über die Fahrtauglichkeit entscheidet, wenn der Hausarzt das medizinische Attest nicht verantworten will. Haag findet die Regelung, dass zuerst der Hausarzt untersucht, richtig. Sie kritisiert aber, dass noch immer Gefälligkeitszeugnisse ausgestellt würden. Als Gutachter stünden die Hausärzte den Senioren oft zu nahe, vor allem auf dem Land: «Dort kennt man sich, dort werden die Ärzte mit den Patienten alt.»

Laut BfU-Experte Uwe Ewert gibt es keine Untersuchung über die Häufigkeit von Gefälligkeitsgutachten. Deshalb hatte die politische Forderung, die medizinische Untersuchung solle generell durch Vertrauensärzte durchgeführt werden, keine Chance. Je nach Kanton wird dies nun unterschiedlich gehandhabt. Munira Haag setzt auf die Sensibilisierung der Ärzte. Das IRMZ führt entsprechende Schulungen durch.

Josef Widler, Vizepräsident der Zürcher Ärztegesellschaft, will nichts beschönigen: «Gefälligkeitsgutachten kommen sicher hin und wieder vor.» Man höre oft, dass es nicht alle Ärzte immer so genau nehmen. Aber wegen ein paar schwarzer Schafe wäre es falsch, das ganze Prozedere auf den Kopf zu stellen, findet Widler. Es gebe auch Patienten, die eigens für den Fahrtauglichkeitstest einen ihnen fremden Arzt konsultierten, «weil sie wissen, dass sie sich beim Hausarzt vom Scheitel bis zur Sohle durchchecken lassen müssen».

Check-up beim Fahrberater

Senioren können sich auch auf einem anderen Weg einer Standortbestimmung unterziehen – praktisch statt medizinisch. Caspar Steiner aus Adetswil im Oberland ist Fahrlehrer und ausgebildeter Fahrberater. Seit zwölf Jahren absolviert er mit älteren Lenkern in Zusammenarbeit mit dem TCS Check-up-Kurse – zweieinhalb Stunden Theorie, zwei Stunden Praxis. Mit von der Partie sei jeden Frühling eine heute 94-jährige Frau, die das Fahrzeug und die Verkehrsregeln tadellos beherrsche.

Ausserhalb dieser Wiederholungskurse melden sich bei Steiner in letzter Zeit je länger je mehr Ärzte, die sagen: «Ich kann Körper und Geist beurteilen, nicht aber die Fahrkünste.» Dann muss er auf Anweisung des Arztes mit den betreffenden Senioren einen praktischen Test machen. Dabei hat er auch schon erlebt, dass sie in Tempo-30-Zonen auf Tempo 50 beschleunigen, später aber innerorts mit Tempo 40 «weiterhötterlen». Steiner: «Viele ältere Leute können die Geschwindigkeit nicht mehr differenzieren.»

Der Arzt fährt im Fond mit

Auch die Vortrittsregel werde häufig missachtet: «Ich muss in prekären Situationen ins Lenkrad greifen oder die Handbremse ziehen.» Steiner schreibt nach einer solchen Fahrt einen Rapport an den Arzt. Auf Anweisung des Mediziners müssen sich die Getesteten darauf im Institut für Rechtsmedizin genauer untersuchen lassen. Im Zweifelsfall bekommen sie eine letzte Chance: Eine praktische Kontrollprüfung mit einem Experten und einem Arzt im Fond schafft definitiv Klarheit. Wer dabei versagt, darf nicht mehr selber nach Hause fahren.

Von 1000 Seniorinnen und Senioren, die 2011 ins Rechtsmedizinische Institut zur Abklärung geschickt wurden, durfte die Hälfte den Führerschein auf Bewährung für ein Jahr behalten, 500 mussten ihn abgeben. Landesweit erhöht sich die Zahl der Ausweisentzüge bei Personen ab 70 Jahren erheblich. 2010 verloren 4904 Senioren das Billett, fast ein Viertel mehr als im Vorjahr. Die Statistik fürs Jahr 2011 liegt noch nicht vor.

Freiwilliger Verzicht

Umgekehrt verzichten viele ältere Menschen aus freien Stücken aufs Autofahren. Beim Strassenverkehrsamt haben 2011 rund 4300 Personen den Fahrausweis zurückgegeben, etwa 90 Prozent davon waren über 70-jährig. Zum Vergleich: Ende September waren im Kanton Zürich mehr als 98'000 PW-Lenker über 70 registriert. Senioren seien nicht an sich schlechte Autofahrer, sagt Munira Haag. «Doch gibt es solche, die nicht mehr selber beurteilen können, ob sie noch fahrtüchtig sind.» Laut IRMZ erreichen gesunde Betagte in der Regel im Alter zwischen 80 und 85 Jahren ihre Leistungsgrenze als Automobilisten.

Im Jahr 2050 werden rund 30 Prozent der Schweizer Bevölkerung über 65 Jahre alt sein. Fachleute rechnen deshalb damit, dass die Gefahr durch Senioren im Strassenverkehr zunimmt.

Mitte Woche am Zugersee: Eine 83-jährige Automobilistin übersieht beim Linksabbiegen einen entgegenkommenden 69-jährigen Autofahrer. Er verletzt sich beim frontalen Zusammenstoss mittelschwer und muss ins Spital gebracht werden. Die Polizei nimmt der Seniorin vorsorglich den Ausweis ab. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.02.2012, 23:50 Uhr

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39 Kommentare

Barbara Sigg

13.02.2012, 09:46 Uhr
Melden 29 Empfehlung

Alle paar Monate wird auf den älteren Menschen rumgehakt, sei es wegen dem Autofahren, wegen den Jobs, die sie den Jungen wegnehmen, wenn sie in günstigen Wohnungen wohnen. Ich finde es sehr traurig. Wir haben mal ein Antidiskriminierungsgesetz angenommen und das, was hier passiert ist in meinen Augen auch Diskriminierung und zwar auf allen Ebenen. Schämt euch! Auch ihr alle werdet mal älter! Antworten


Hans Steinegger

13.02.2012, 08:18 Uhr
Melden 28 Empfehlung

Obwohl ich sonst vehement staatliche Eingriffe in die persönliche Freiheit ablehne, sehe ich regelmässige Checks als unerlässlich an. Dieses Jahr werde ich 60 und habe mich bereits bei einem Fahrlehrer für einen Auffrisch-Kurs angemeldet (nach 42 Jahren Billet-Besitz). Die Risiken auf der Strasse sind einfach zu gross, ich will nicht Schuld am Unglück anderer Menschen sein! Antworten



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