Scientology kommt auf Samtpfoten
Von Hugo Stamm, Zürich. Aktualisiert am 27.01.2011 23 Kommentare
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Gibt es Scientology überhaupt noch? Diese Frage stellen sich viele, denn missionierende Scientologen sieht man nur noch selten am Bahnhof oder auf öffentlichen Plätzen.
Scientology gibt es nach wie vor. Bloss ködert die Psychogruppe heute mit diskreteren Methoden als früher neue Anhänger. Sie will den Ruf als aggressive Sekte korrigieren. Obwohl sie im Bewusstsein der Öffentlichkeit weniger präsent ist, missioniert sie wie eh und je. Dies erfuhr zum Beispiel ein leitender Beamter einer staatlichen Behörde. Kürzlich bekam er ein englisches Mail von einer internationalen Stiftung. Um glücklich zu werden, solle er die Broschüre «Der Weg zum Glücklichsein» lesen. Weiter wurde er aufgefordert, 18 Exemplare zu kaufen und an Freunde zu verteilen, um diese ebenfalls glücklich zu machen. Er suchte vergeblich einen Absender, entdeckte dann aber im Kleingedruckten einen Hinweis, der ihn stutzig machte: Das Copyright liege bei der Hubbard-Bibliothek, las er. Dahinter steckt Scientology, schoss es ihm durch den Kopf.
Unklare Datenherkunft
Drei Tage später bekam er ein Mail vom Scientology-Zentrum Zürich mit folgendem, verbal doch recht abenteuerlichen Inhalt: «Hallo, um Hilfe zu erhalten, um Ihr Leben sollte man unserer Kirche in Zürich Kontakt liegt. Die Mitarbeiter dort werden sehr glücklich sein, Ihnen zu helfen.» Nach einem weiteren Mail folgte ein Anruf einer Scientologin, die sich auf die Mails bezog. Als er sie aufforderte, die Mailzuschriften zu unterbinden, kam es zu einem Disput. Was den Beamten besonders irritiert: Die Scientologen besitzen private Eckdaten, die nicht leicht zu beschaffen sind. Er fragt sich, wie Scientology die Angaben beschafft hat.
Scientology-Sprecherin Annette Klug erklärt, sie hätten keine Adressen von der Stiftung erhalten, welche die Broschüre vertreibt. Sie kann sich nicht erklären, wie es zu dieser Verstrickung gekommen ist. Sie würden auf Wunsch Mailadressen löschen.
Telefon und Massagen
Ein beliebtes Missionierungsinstrument ist das Telefon. TA-Leser beschweren sich immer wieder, sie seien von Scientologen kontaktiert worden. «Will jemand keinen Kontakt, dann wird dies selbstverständlich respektiert», sagt die Scientology-Sprecherin.
In jüngster Zeit schaltet Scientology auch Publireportagen in Gratiszeitungen, die wie normale Artikel daherkommen. Dank der Broschüre «Der Weg zum Glücklichsein» habe die Gewaltanwendung an Schulen um 70 bis 80 Prozent gesenkt werden können, wird in einem Text behauptet.
Weiter missionieren Scientologen vermehrt mit Info-Ständen, ohne sich als Anhänger des Sektengründers Ron Hubbard zu erkennen zu geben. Sie treten beispielsweise als Vertreter einer Menschenrechtsorganisation auf. Manchmal stellen sie Massagetische auf und behandeln Passanten. Dabei können sie diese in ein Gespräch verwickeln. Manchmal lassen sich Passanten auch auf einen Test mit dem Hubbard-Elektrometer ein – eine Art Lügendetektor. Die Behörden haben kaum Möglichkeiten, die Standbewilligung zu verweigern, weil Scientology dagegen klagen würde.
Arbeitslose im Visier
Scientology peilt auch gern Arbeitslose an und bietet ihnen in Inseraten eine Stelle an. Der Wortlaut: «Niedriges Gehalt – grossartige Zukunft.»
Ausserdem streut die amerikanische Organisation eigene Zeitungen mit Artikeln von Hubbard und Referenzschreiben ihrer Promis. Schauspieler John Travolta lässt sich beispielsweise so zitieren: «Dianetik brachte mich ganz nach oben.» Dabei handelt es sich um eine Art therapeutisches Verfahren, dank dem Travolta angeblich «etwas wirklich Grosses erreichen konnte.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 26.01.2011, 22:49 Uhr
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