Leben

Schweisstreibendes Studentenleben

Von Claudia Imfeld. Aktualisiert am 23.04.2012

Faule und unsportliche Studierende? Alles Klischee! Der «Tages-Anzeiger» hat an den Zürcher Hochschulen fünf Sportlektionen besucht und mitgeschwitzt.

1/6 Aqua Fitness: Gewöhnungsbedürftig, aber schont die Gelenke und ist manchmal ganz lustig.
Bild: Dominique Meienberg

   

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Es ist die Qual der Wahl. Wer an den Zürcher Hochschulen Sport treiben will, dem stehen jeden Tag rund 100 Lektionen offen. 80 verschiedene Sportarten sind im Angebot: von A wie Aerobic, Afrodance, Aikido und Aqua Fitness bis V wie Volleyball, W wie Wasserspringen, Y wie Yoga und Z wie Zumba. Für jeden beliebigen Geschmack ist etwas dabei.

Die angehenden Akademiker schwitzen gerne – und im Vergleich mit ihren nicht studierenden Altersgenossen öfter, wie eine Studie letztes Jahr zeigte. Für die Uni und die ETH Zürich ergab die Erhebung, dass knapp 40 Prozent der Studierenden das Angebot des Akademischen Sportverbands Zürich (ASVZ) mindestens einmal pro Woche nutzen.

Studierende aller Schweizer Hochschulen und Fachhochschulen können in den Fitnessräumen Kraft und Ausdauer trainieren und an Lektionen teilnehmen. Sie bezahlen die Leistungen des ASVZ mit einem kleinen Beitrag über die Semestergebühren. Sportwochenenden, Lager und spezielle mehrwöchige Kurse – etwa für Tennis, Segeln, Bergsport oder Fechten – kosten zusätzlich. Ehemalige (Alumni) und Hochschulangestellte dürfen ihre Körper in den Sportanlagen ebenfalls stählen – gegen eine Jahresgebühr. Externen steht das Angebot nicht offen.

Besonders beliebt sind Gruppenfitness-Lektionen. Da drängeln sich manchmal bis zu 300 Studierende in der grossen Turnhalle der Polyterrasse. Aber es gibt auch Stunden im kleinen, fast privaten Rahmen. Der «Tages-Anzeiger» hat in fünf verschiedene Lektionen reingeschaut und – fern jeglicher Objektivität – Punkte verteilt.


Aqua Fitness – nasses Flanieren
Für Leute, die keine Wasserratten sind, ist diese Lektion eine echte Herausforderung. Untergehen kann man zwar nicht, denn die Teilnehmerinnen (und wenigen Teilnehmer) schnallen sich einen breiten Schwimmgürtel um die Taille. Damit treibt man im Becken oben auf – aber genau das kann zum Problem werden. Nur mit Körperspannung kommt man überhaupt in eine aufrechte Position. Ohne Spannung zieht es die Beine ungebremst an die Wasseroberfläche – zur allgemeinen Belustigung.

Im gelenkschonenden Aqua-Training geht es darum, am konstanten Widerstand des nassen Elements die Muskeln zu stärken. Konkret: Die nicht ganz 30 Trainingswilligen «laufen» in einem Tross dem Beckenrand entlang. «Fest abstossen», ruft die Instruktorin, die «an Land» die Bewegungen vormacht und sie bei jenen im Wasser kontrolliert. Fest abstossen? Wo? Weit und breit kein Boden unter den Füssen! Man «flaniert» also durchs Wasser, plaudert mit der Kollegin, die Luft ist warm, das Wasser auch. Fast wähnt man sich an einer – zugegeben nassen – Strandpromenade. Zum «Laufen» und «Rennen» im Wasser kommen Übungen wie Beine anziehen, in der Gretsche von einem Bein aufs andere wechseln. Das ist übungsbedürftig – und man ist dankbar, gibt es keine Unterwasserkamera. Vier Franken kostet die Stunde – für die Miete des mit Kinderzeichnungen und Bastelarbeiten verzierten Hallenbads im Schulhaus Riedtli im Kreis 6. Der Batzen lohnt sich.

Atmosphäre ***
Schwitzfaktor nicht eruierbar
Spassfaktor ***


Haltungsgymnastik – ohne Studierende
Eine Stunde für all jene, die viel sitzen und deshalb ihre «abgeschwächten oder verkürzten Muskeln» trainieren wollen, heisst es im Beschrieb. Wenn Studierende viel büffeln also ein idealer Kurs. Aber falsch gedacht. Das mit dem Büffeln mag stimmen, aber das Haltungstraining spricht offenbar nicht Studierende an, sondern eher ältere Semester, vermutlich ehemalige Mitarbeitende der Hochschulen. Auch sie nutzen das grosse Angebot an Lektionen, wie der Kurs morgens um 11 Uhr in der modernen hellen Sportanlage der ETH auf dem Hönggerberg zeigt.

Man kennt sich, schüttelt Hände, erkundigt sich nach der Gesundheit. Im Training sind dann alle voll dabei, werfen die Hände in die Luft, «über die Frisur», wie die junge, sehr präsente Instruktorin ruft. Die Übungen sind ähnlich wie in anderen Fitnesslektionen, in denen Rücken, Bauch und Beine gekräftigt werden. Nur gibt es hier alles in homöopathischer Dosierung: Die Musik dröhnt nicht durch den Raum, statt 16 Wiederholungen reichen 10. Und wer nicht mehr mag, der macht eine Pause. Fazit: Gymnastisch Haltung zu wahren, scheint, zumindest an diesem Morgen, nicht Studentensache.

Atmosphäre **
Schwitzfaktor *
Spassfaktor *


Fitboxen – atemraubend
Nach 45 Minuten beginnen die Hände zu zittern – dabei ist noch nicht mal Halbzeit. Das sei normal, versichert der Trainer, und werde bald wieder vergehen. Stimmt, am nächsten Tag sind die Hände wieder funktionsfähig, dafür schmerzt jeder erdenkliche Muskel vom Nacken über die Arme bis zum Bauch. Aber von Anfang an: An diesem Dienstagabend stehen acht Männer in der Halle, deren Oberarme aussehen, als machten sie diesen Sport nicht erst seit gestern. Aber die Fit-Box-Lektion sei für Anfänger – und auch Anfängerinnen –, beteuert der Leiter.

Die zweistündige Lektion beginnt mit einem mehrstufigen Einwärmen mit Springseilen. Dann gehts an die Boxübungen. Die Koordination bei diesem Boxen ohne Handschuhe ist zwar eine Herausforderung, aber auch hier überzeugt der Trainer: «Völlig normal, konzentrier dich auf die Armarbeit, lass die Beine weg». Man tut, was man kann – und die Schweissperlen kullern. Dann gilt es ernst: Wer eigene Boxhandschuhe hat, zieht sie an. Für die wirklichen Anfänger liegen gebrauchte – für Frauenhände viel zu grosse – Handschuhe bereit. Jetzt wird schlagartig klar, woher der Geruch kommt, der schon beim Betreten der Halle fies die Nase hochkroch. In abwechselnden Zweier-Teams wird jetzt auf die gegnerischen Handschuhe geschlagen, ausgewichen, geblockt. Fazit: atemraubend – auch ohne harte Kontakte.

Atmosphäre *
Schwitzfaktor ***
Spassfaktor **


Tischtennis – jenseits der Badi
Die Zeiten des stundenlangen Pingoong-Spiels in der Badeanstalt sind eine Weile her. Aber irgendwie ist die Erinnerung daran eine schöne. Der ASVZ bietet Tischtenniskurse an, Lektionen zum frei Spielen – und geleitete Trainings. Das ist das Richtige für einen Wiederbelebungsversuch des alten Hobbys. Es sind nur sechs Leute, die an diesem Abend des Tischtennis wegen in die Uni Irchel finden. Es gebe Abende, da kämen bis zu 30, sagt der Leiter.

Zunächst heisst es: Tische aufstellen und Aufwärmen. Nach einer kurzen Einführung in Sinn und Funktionieren des Einspielens kann es losgehen. Der Trainer wechselt von Tisch zu Tisch und gibt individuell Tipps. Er erkennt den «Badi-Stil» sofort und weiss, wie er zu bekämpfen ist. Das Ballgefühl lässt dennoch auf sich warten, der Tisch ist oft zu kurz, das Auflesen der Bälle braucht – gefühlt – mehr Zeit, als zum Spielen bleibt. Dennoch vergehen die eineinhalb Stunden Schlag auf Schlag. Eine Turnierrunde beschliesst den Abend. Es reift der Entscheid: Tischtennis wird besser auf irgendwann in der Badeanstalt wieder verschoben. Aber: generell eine Lektion mit viel Spiel und Lerneffekt.

Atmosphäre *
Schwitzfaktor * (für Könner höher)
Spassfaktor ** (für Könner höher)


Konditionstraining – gefragtes Schwitzen
Der Klassiker unter den ASVZ-Sportarten. Es gibt ihn in den Ausführungen klassisches Konditionstraining, als Super-Kondi – «Body Attack» genannt – mit 55 Minuten intensivem Training und als «Light»-Version (Konditionstraining/Stretching), bei dem nach 45 Minuten das Dehnen der zuvor hart beanspruchten Glieder beginnt. Über 50 Lektionen die Woche bietet der ASVZ insgesamt an. Und die Leute kommen. Kaum füllt sich die grosse Turnhalle in der Polyterrasse, ist schon die Stimme des Trainers aus den Lautsprechern zu hören, und die Ersten setzen sich in Bewegung. Es ist Sonntagmittag und die Müdigkeit schnell verflogen. Alle rennen im Kreis – unter den Blicken jener, die von der Zwischenetage aus, auf Trainingsvelos sitzend, die Gruppe beobachten. Nach der Aufwärmphase stellt sich der Instruktor auf das Podest in der Mitte der Halle. So sehen die etwa 50 Teilnehmer besser, wie die Übungen zu machen sind: erst Kraft in allen Variationen und für alle Körperteile, gefolgt von Kondition in Form von einfachen Schrittfolgen mal zu Pop-, mal zu Rock-’n’-Roll-Musik.

Das schwitzende «Publikum» ist ein bunter Haufen. Laufdress mit Stirnband, pink glänzende Leggins, Hotpants, TShirt der Lieblingsband. Egal, zum Rumgucken und Plaudern fehlt sowieso die Zeit respektive die Puste. Linkes Bein hoch und nach vorn, rechtes Bein hoch und nach hinten. Die Zeit verfliegt – und irgendwie passt der Shirt-Aufdruck des Instruktors zur Stunde: ein grosses Ausrufezeichen.

Atmosphäre *
Schwitzfaktor ***
Spassfaktor *

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.04.2012, 12:36 Uhr

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