Leben
Nestlé füllt mit Pfizers Babysparte Lücken in Schwellenländern
Kartellrechtliche Probleme in Sicht (Bild: TA-Grafik ib / Quelle: Euromonitor, Financial Times)
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Der Kauf der Babynahrungssparte des US-Pharmariesen Pfizer ist für Nestlé (NESN 67.35 0.60%) eine Rückkehr zu den Wurzeln: 1867 erfand der aus Frankfurt am Main eingewanderte Unternehmer Henri Nestlé in Vevey VD sein «Kindermehl»: Die Säuglingsnahrung rettete vielen Babys, die nicht gestillt werden konnten, das Leben – und war der Startpunkt des heutigen Weltkonzerns Nestlé.
Doch zuletzt spielte Babynahrung für die Westschweizer eine untergeordnete Rolle. Erst 2007, durch den Kauf des US-Marktleaders Gerber von Novartis, bekam das Geschäft mit den Marken Alete, Beba und Gerber wieder eine relevante Grösse, Nestlé wurde Marktleader (siehe Grafik). Gerbers Umsatz von 5,5 Milliarden Dollar hatte Nestlé knapp 2 Milliarden Dollar gekostet. Ein stolzer Preis, hiess es damals. Für Pfizer Nutrition zahlt der Konzern, der den Mitbieter Danone ausgestochen hat, nun aber deutlich mehr: 2,4 Milliarden Dollar Umsatz kosten 11,85 Milliarden Dollar. Trotz hohem Franken viel Geld, wie auch Analysten monieren.
Jeder Dollar ist gut ausgegebenes Geld
Letzte Woche waren in der Gerüchteküche noch maximal 10 Milliarden kolportiert worden. Doch schaut man den Deal und seine strategische Bedeutung für Nestlé genauer an, wird klar, dass jeder Dollar gut ausgegebenes Geld ist:
- Mit der operativen Gewinnmarge von 25 Prozent übertrifft Pfizer Nutrition die mit knapp 23 Prozent bereits hohe Rentabilität von Nestlés Spezialnahrungssparte Nutrition. Der Konzern erreichte 2011 eine Marge von 15 Prozent, also beflügelt der Kauf die Profitabilität über alle Bereiche hinweg. Die Margen bleiben hoch: Weil Eltern für ihr Kind nur das Beste wollen, sind sie weltweit bereit, für Babynahrung viel auszugeben.
- Pfizer Nutrition macht 85 Prozent des Umsatzes in Schwellenländern, 60 Prozent in Asien. In China kann Nestlé so von lediglich 4 auf immerhin 10 Prozent Marktanteil zulegen. Laut «Finanz und Wirtschaft» hat es Nestlé verpasst, sich von den vielen einheimischen Herstellern zu unterscheiden und als Hersteller von Premiumprodukten wahrgenommen zu werden. Der Zukauf beseitigt dieses Problem.
- Pfizers Stärke in Schwellenländern garantiert Nestlé auch in Zukunft starkes Wachstum, schliesslich sind das die geburtenstarken Regionen der Welt: In Indien, China und Indonesien kamen 2010 so viele Babys auf die Welt wie im Rest der Welt. Hinzu kommt, dass mit zunehmendem Wohlstand der Konsum von Babynahrung zunimmt. Das Potenzial ist riesig, werden Kinder heute zum Teil doch bis zum Alter von sieben Jahren mit Spezialprodukten versorgt, wie Pfizer Nutrition sie anbietet. Insgesamt wächst der Markt für Babynahrung um rund 10 Prozent pro Jahr, in China erreicht das Wachstum 20 Prozent.
- Pfizer verfügt über starke Marken – auch wenn uns Namen wie Promil, Promise und Progress kein Begriff sind, weil sie in Mitteleuropa kaum präsent sind.Geografisch passt der Zukauf: Pfizer ist in Europa nur punktuell vertreten, in der Schweiz gar nicht, in Nestlés Topmarkt USA nur marginal. Dafür ist Grossbritannien, wo Nestlé nicht präsent ist, der zweitgrösste Markt. «Pfizer füllt einige Lücken, die wir bisher hatten», sagte Kurt Schmidt, Chef von Nestlé Nutrition, an einer Telefonkonferenz.
Kein Stellenabbau geplant
Analysten gehen aber davon aus, dass Nestlé bis zu 20 Prozent des übernommenen Geschäfts aus kartellrechtlichen Gründen wird abstossen müssen. Problematisch sei etwa Mexiko, wo Nestlé neu auf 73 Prozent Marktanteil käme (siehe Grafik). Nestlé-Chef Paul Bulcke wollte dies noch nicht öffentlich diskutieren. «Das wäre zu früh und ein Zeichen mangelnden Respekts gegenüber den Wettbewerbsbehörden», sagte er.
Nestlé rechnet mit Kosteneinsparungen von 160 Millionen Franken pro Jahr, will aber alle 5400 Angestellten übernehmen. «Wir kaufen Unternehmen wegen ihres Werts, und der hängt von den Menschen dahinter ab», sagte Bulcke. Bestes Beispiel dafür sei Nutrition-Chef Kurt Schmidt, der 2007 durch den Kauf von Gerber zu Nestlé gestossen war. Auf den ersten Blick überraschend erscheint die Reaktion der Börse, die den Nestlé-Titel um 2,8 Prozent abstrafte. Dies ist allerdings die Folge der Dividende von 1.95 Franken, die heute aus dem Kurs herausgerechnet wurde. Ohne diesen Sonderfaktor hätten die Titel zugelegt. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 25.04.2012, 11:41 Uhr
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