Leben

Mönche dringend gesucht

Von Reto Hunziker. Aktualisiert am 08.11.2010 28 Kommentare

Dem Kapuzinerorden gehen die Brüder aus. Darum sucht sie Nachwuchs per Stelleninserat. Statt Bezahlung gibt es Spiritualität und die «Freiheit vom üblichen Zweierbeziehungsmodell».

1/6 Vom Aussterben bedroht: Bruder Erwin im Garten des mittlerweile geschlossenen Stanser Kapuzinerklosters.
Bild: Keystone

   

«Ungewöhnlich, aber logisch»: Das Stelleninserat der Kapuzinermönche.

«Wir suchen nach Vereinbarung einen oder mehrere Banker, Journalisten, Lehrer, Theologen, Kaufleute, Juristen, Kommunikationsspezialisten als Kapuzinerbruder». So lockte ein Stelleninserat am vergangenen Samstag unter der Rubrik Banken/Versicherungen des Stellenanzeigers «Alpha». Doch der Absender ist weder eine Bank, noch eine Kanzlei, sondern der schweizerische Kapuzinerorden.

Angesprochen sind ledige Männer zwischen 22 und 35, römisch-katholisch getauft mit einem Studium oder einer vergleichbaren Ausbildung. «Wir bieten Ihnen keine Bezahlung, sondern Spiritualität und Gebet, Kontemplation, eine egalitäre Lebensform, Freiheit von persönlichem materiellem Reichtum und von dem üblichen Zweierbeziehungsmodell», heisst es weiter. Stattdessen bekomme man «Lebenssinn» geboten.

«Ein Experiment»

Per Inserat zum Klosterbruder, eine überraschende Variante. «Es ist ein hundsgewöhnliches Inserat für einen ungewöhnlichen Job», sagt Willi Anderau, Sprecher der Schweizer Kapuziner. Bisher habe man nur in Kirchenzeitungen für Nachwuchs geworben, da aber nicht das richtige Publikum erreicht, «insofern ist dieser Versuch ein Experiment.» Man habe aber schon mehrere Reaktionen erhalten, die zu dieser guten Idee gratuliert hätten.

Das Inserat im Stellenanzeiger «Alpha» ist nur der Anfang: Neben Akademikern sollen später auch Menschen in sozialen und handwerklichen Berufen angesprochen werden. Der Hintergrund: Die katholischen Bruderorden hadern um ihre Existenz. Heute gibt es nur noch rund 200 Ordensbrüder. Klöster und Ordensgemeinschaften mussten geschlossen werden.

Nur Klischees bekannt

«Wir sind massiv überaltert», klagt Anderau, der selbst einst als Journalist arbeitete. Und Neuzugänge gebe es praktisch keine mehr. «Wir haben Personalmangel, so gesehen ist ein Stelleninserat nur logisch.»

Anderau glaubt, dass der Misstand behoben werden könnte, wenn die breite Bevölkerung auf die Kapuziner aufmerksam gemacht würde. «Den meisten ist nur das Klischee eines Ordensbruders bekannt», sagt er. Das Leben als Kapuziner sei aber heute nicht mehr nur fromm, gemütlich oder mittelalterlich. «Wir versuchen, die franziskanische Lebensform im 21. Jahrhundert zu leben. Nur noch wenige Ordensbrüder laufen in Kutten herum.»

«Für die meisten unattraktiv»

Religionsexperte Georg Otto Schmid weiss, dass sich nicht nur der Kapuzinerorden in einer schwierigen Situation befindet. «Brüderorden haben extreme Nachwuchsschwierigkeiten», sagt er. «Eine solche Aktion ist dennoch unüblich.» Auch wenn er die Aktion sympathisch findet, rechnet Schmid sich für die teuren Inserate wenig Erfolg aus.

«Im Kloster Ferien zu machen, mag noch trendy sein, aber sich ein Leben lang dem Orden zu verschreiben, ist für die meisten Menschen unattraktiv. Daran ändert auch ein Inserat nichts.» Schmid befürchtet ausserdem, dass vor allem Leute sich bewerben werden, denen es privat oder beruflich nicht gut geht. «Auf die Idee, in einen Orden einzutreten, kommt man meist erst, wenn mehrere Krisen zusammenkommen.» Ob die Kapuziner aber diesen Ausstoss der Gesellschaft haben wollen, sei fraglich.

Ora et labora

Tatsächlich betont Anderau, dass jene falsch liegen, die denken, sie könnten es sich bei den Kapzinern gemütlich machen. «Wir verlangen eine abgeschlossene Lehre. Denn bei uns wird gearbeitet, wenn auch nicht auf Profit. Wer eine ruhige Kugel schieben will, ist bei uns fehl am Platz.»

Der Tag sei strukturiert durch Gebet, Arbeit und Gemeinschaftsleben. Aber auch Freizeit und Ferien sind inbegriffen. Auch, dass dem Beruf ausserhalb des Ordens nachgegangen wird, ist möglich. Die Probezeit dauert hingegen ziemlich lange: Erst nach drei Jahren wird man in den Orden aufgenommen. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.11.2010, 12:31 Uhr

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28 Kommentare

Matthias Greiller

08.11.2010, 16:55 Uhr
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Menschen, bei denen mehrere Krisen zusammenkommen, als "Ausstoss der Gesellschaft" zu bezeichnen, ist doch stark befremdlich. Nur wer selbst Krisen er- und durchlebt hat, kann anderen Menschen in solchen beistehen. Aber von wegen non-Profit? Wohl kaum, der katholische Verein ist doch ein straff organisierter Wirtschaftskonzern?!? Antworten


Silvia Müller

08.11.2010, 13:31 Uhr
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Wer geht heute schon freiwillig in ein Gefängnis - und ein Kloster ist für Nicht-Berufene genau das! Von Spiritualität kann keine Rede sein, eher das Gegenteil spielt sich da ab. Es "menschelet" und es wird Wein gepredigt und Wasser getrunken. Uebrigens muss heute auch ein Kloster rentabel sein wie jeher. Siehe Wirtschaftsverflechtung von Abt Werlen Einsiedeln. Antworten



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