Leben
Mein kleiner Stromausfall
Von Thomas Wyss. Aktualisiert am 16.02.2012 46 Kommentare
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«Droht uns der totale Blackout?» Diese Frage las man jüngst auf etlichen Schweizer Newsportalen, und der dramatische Tonfall schien für einmal angemessen – schliesslich lief das Stromnetz wegen der extremen Kälte hart am Limit, in einzelnen Regionen war es bereits zu Störungen und Ausfällen gekommen.
Das Bundesamt für Energie gab dann zwar rasch Entwarnung, doch das Thema Stromverbrauch ist zu wichtig, um es einfach wieder im Aktenberg verschwinden zu lassen. Spätestens nach der geplanten Abschaltung der fünf Schweizer AKW – sie sollen zwischen 2019 und 2034 gestaffelt vom Netz genommen werden – würde nämlich jedem Haushalt merklich weniger Strom zur Verfügung stehen.Klar, vieles ist Theorie, unkomponierte Zukunftsmusik. Und doch fragt man sich halt ab und zu, wie das wohl ist, wenn man auf alltägliche Dinge und Annehmlichkeiten wie Handy, Compi, TV, Herd, Licht, Lift oder heisses Wasser verzichten muss. Ich habs ausprobiert. Am Dienstag letzter Woche habe ich meinen kleinen «Stromausfall» inszeniert – vom Aufstehen ohne Wecker bis zur Bettlektüre bei Kerzenlicht. Hier das Protokoll.
Montag, 23.37 Uhr. Die Vorbereitungen zum «Unplugged-Day» laufen auf Hochtouren. Das Telefon ist bereits ausgesteckt, der Kühlschrank am Abtauen, Fernseher und Computer sind vom Netz genommen, beim Wecker habe ich die Batterie entfernt, die Heizkörper (obwohl ich nicht sicher bin, ob die Strom oder nur Heizöl benötigen) auf Stufe 1 zurückgedreht. Als letzte Schritte klappe ich die Sicherungen auf «off» und stelle mein Handy (ja, Handy, nicht Smartphone) ab, dann gehts in die Heia.
Dienstag, 9.29 Uhr. Wäre dies ein normaler Arbeitstag, würde ich nun ausser Atem zur Morgensitzung hasten. Doch heute ist alles ein wenig anders. Ich bin vor zehn Minuten spontan aufgewacht, stehe jetzt blinzelnd in der Küche (Sonne läuft ohne Strom!) und bereite mir keinen heissen Kaffee (bereits die erste Prüfung, die Wohnung ist saukalt), sondern löse im kalten Wasser eine stark vitaminhaltige Brausetablette auf – etwas Extrapower dürfte kaum schaden.
10.05 Uhr. Bin eben auf dem Helvetiaplatz angekommen. Und, das ist sehr unangenehm, auf dem Weg dahin ist mir ein doofer Schnitzer passiert! Verpennt, wie ich war, bin ich aus reiner Gewohnheit ins Tram eingestiegen – und habe, als sich dieses eben in Bewegung setzte, plötzlich realisiert, dass es dazu ja Elektrizität benötigt! Das «Heureka!» kam aber zu spät (und die Notbremse wollte ich nicht ziehen), also stieg ich an der nächsten Station wieder aus und schloss mit mir selbst einen Pakt: Für jeden weiteren Strommissbrauch würde ich 100 Franken an Myclimate.ch spenden. Doch zurück zum Standort. Dass ich auf dem Helvetiaplatz stehe, hat mit dem Frischmarkt zu tun. Da ich nicht kochen darf, hab ich mich für ein Rohkostmenü entschieden: Am Mittag gibts Salat, am Abend Fruchtsalat; dazu knackiges Brot aus dem Oberland. Übrigens hatte ich Glück, dass zu Hause ein Hunderternötli rumlag, andernfalls hätte ich auf Gemüse und Obst verzichten müssen – schliesslich ist der Bancomat heute ebenfalls tabu.
10.41 Uhr. Ich treffe Kumpels im Kafi Plüsch. Den Termin hatten wir in weiser Voraussicht am Vortag fixiert – ohne Handy geht im herrschenden Zeitgeist ja rein gar nichts mehr. Ich bestelle ein Mineral «bitte nicht aus dem Kühlschrank»; um das Fläschli zu holen, muss die arme Barfrau in den Keller steigen. Ins Plüsch und zurück bin ich mit dem Velo gefahren. Das ist zwar bei gefühlten minus 20 Grad (elende Bise) nicht angenehm, aber zumindest «unplugged». Als ich später die Wohnung betrete und schlotternd feststelle, dass sie in diesem Zustand auch in Polen oder Bulgarien stehen könnte, entscheide ich freimütig, dass meine Heizung keinen Strom verbraucht – und drehe alle Radiatoren auf Stufe fünf (Experiment hin oder her, aber krank werden, nei mässi).
12.08 Uhr. Die Wohnung ist jetzt angenehm warm, und das erste Mal bemerke ich die positiven Seiten des stromlosen Daseins: Es ist still wie in einer einsamen Bergnacht, ich fühle mich entspannt, ja geradezu herrlich energielos, lausche meinem entschleunigten Atem (ist das eine Art Selbstyoga?) und merke, wie gut es tut, nicht alle paar Minuten die Mails abzurufen, das Handy zu checken und Websites zu beackern (Philosoph Precht hat wohl recht, wenn er sagt, man müsse sich vor dem täglichen Aufmerksamkeitsraub schützen). Dann lege ich mich aufs Sofa, nehme Marlen Haushofers Roman «Die Wand» zur Hand und lese (das Buch passt thematisch bestens, es geht um eine Frau, die über Nacht von der Zivilisation abgeschnitten wird). Ist das der beste Arbeitstag meines Lebens? Es ist bestimmt der beste des Februars.
14.39 Uhr. Vor etwa eineinhalb Stunden gabs Salat, angemacht mit Olivenöl, Balsamicoessig, Salz und Pfeffer, dazu eine Scheibe Brot und ein Glas Hahnenburger. Ich ass, als wärs Slow Food: gemächlich und genüsslich. Da nun ein Besuch des Kunsthauses ansteht, habe ich mich nass rasiert, ohne Neonlicht. Ein voller Erfolg! Mehr als die üblichen Kratzer gabs nicht, dafür wirkte das eiskalte Wasser im Gesicht wie ein Jungbrunnen – oder um es mit einem Song zu sagen: «I’ve got the power» (die kalte Dusche, muss ich gestehen, habe ich nach den Füssen abgebrochen; sie erinnerte mich zu stark an die RS). Kaum hab ich mit dem Fahrrad das Kunsthaus erreicht, sehe ich, dass die Ausstellung «Ein Wintermärchen» erst in drei Tagen eröffnet; mit dem Internet hätte ich die leise Enttäuschung vermeiden können. Was solls, besuche ich halt die alten Meister. Mitten im Rundgang stelle ich erstaunt fest, dass meine stromlose Entspanntheit den Absolutpunkt erreicht: Ich lasse mich jetzt sogar von Ankers «Kappeler Milchsuppe» berühren und verführen. Zudem entdecke ich einen neuen Lieblingsmaler: Lee Ufan. Sein Gemälde «With Winds» bläst mich um. Beim Rausgehen rieche ich von der Bar her den Duft von frisch gebrühtem Kaffee – und finde das schlicht gemein.
17.17 Uhr. Auf der Heimfahrt verzichte ich aufs Velolicht (Batterie!), beim Schnetzeln der Früchte aufs Küchenlicht: Beides ist heikel, doch ich komme ohne Unfall durch. Mein Glück (und Myclimates Pech) ist auch, dass der Lift defekt ist – wegen der vom Radeln schweren Beine wäre ich sicher in diese Falle getappt.
19.38 Uhr. Erstmals seit Ewigkeiten läuft beim Nachtessen keine Musik, keine «Tagesschau», kein Teletext. Stattdessen geniesse ich ein stummes Candle-Light-Dinner und überlege, was ich heute sonst noch hätte bewerkstelligen können. Zum Beispiel eine Handwäsche. Die Wohnung aufräumen. Kühe melken. Gutes Stichwort: In einer ländlichen Gegend wäre ein solches Experiment mangels elektrischer Infrastruktur bestimmt einfacher.
22.23 Uhr. Das Schönste zum Schluss: Liege seit zwei Stunden eingemummelt im Bett und lese bei Kerzenlicht «Die Wand». Weil man es mit der Romantik aber nie übertreiben soll (und die Augen langsam müde werden), gehe ich nun die Zähne putzen, danach wird geschlafen – so früh wie seit Jahren nicht mehr.
Die Vorfreude auf den Kaffee
Das Fazit. Es versteht sich von selbst, dass dieser Versuch nicht repräsentativ ist, dafür müsste man aus dem einen Tag einen Monat oder noch besser ein Jahr machen – so wie der US-Journalist Colin Beavan, der mitsamt Familie zwölf Monate lang lebte, ohne das Klima und die Umwelt zu belasten, wobei er natürlich auch auf Strom verzichtete. Nachzulesen ist sein Abenteuer im Buch «Barfuss in Manhattan» (Kiepenheuer, 2010).
Gleichwohl kann ich empfehlen, das Experiment nachzuahmen – oder sich wenigstens mal 24 Stunden lang von der totalen Vernetzung abzunabeln. Das macht nämlich nicht nur Spass, sondern auch erfinderisch. Und die Vorfreude auf den heissen Kaffee am nächsten Morgen (ja, zugegeben, auch auf das Abrufen der Mails), die ist unbeschreiblich.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 16.02.2012, 08:47 Uhr
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46 Kommentare
Ein sehr kontraproduktiver Beitrag. Es sollte uns allen klar sein, dass heutzutage nur die wenigsten komplet ohne Strom auskommen. Er hätte besser einen Versucht gemacht, so wenig Strom wie nötig zu verschwenden, z.B. Heizung runter stellen, zu Fuss oder mit ÖV zur Arbeit, auf den Fernseher verzichten etc. Das hätte uns etwas gebraucht, aber so... Antworten
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