Leben

Mehr positive Bilder von Dicken!

Von Susann Sitzler. Aktualisiert am 22.02.2012 73 Kommentare

Ob 5 oder 50 Kilo zu viel: Die Dicken stehen unter massivem öffentlichem Druck. Schluss damit, sagt die Journalistin und Buchautorin Susann Sitzler. Sie plädiert für das passende (Über-)Mass.

Vom Normalen zur Epidemie: Lange Zeit war Dicksein bloss eine Körperform unter anderen.

Vom Normalen zur Epidemie: Lange Zeit war Dicksein bloss eine Körperform unter anderen.
Bild: Keystone

Susann Sitzler, Bauchgefühle: Mein Körper und sein wahres Gewicht. C.H.-Beck-Verlag, 186 Seiten, ISBN-10:3-406-62201-1.

«Bauchgefühle. Mein Körper und sein wahres Gewicht»

Dieser Text ist ein von der Redaktion zusammengestellter Auszug aus dem Buch «Bauchgefühle» von Susann Sitzler. Das Buch ist kein Ratgeber fürs Abnehmen und keine Schmähschrift gegen Diäten, sondern eine einleuchtend aufgebaute Sammlung verschiedenster Empfindungen, Beobachtungen und Analysen zum Thema. Susann Sitzler (41) wurde in Basel geboren, lebt aber als Journalistin und Autorin in Berlin.

Website: www.susann-sitzler.de

Artikel zum Thema

Korrektur-Hinweis

Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.

Unsere Gesellschaft ist besessen von Körpern ohne Fett. Jeder Mensch, der nicht eindeutig schlank ist, gilt als dick. Jeder, der dick ist, steht unter Beobachtung.

Ganz egal, ob er ein bisschen rundere Hüften oder 50 Kilo Übergewicht hat. Unsere Gesellschaft einigt sich gerade darauf, dass man das Dicksein am besten verbieten würde.

Dick sein bedeutet versagen

Lange Zeit war Dicksein bloss eine Körperform unter anderen. Ein paar Menschen waren halt einfach dick, so, wie andere hoch aufgeschossen oder schief, bucklig oder besonders stark waren. Seit 2005 ist in den Medien der Begriff «Fettepidemie» gebräuchlich. «Dick» ist zu einem abwertenden, negativen Wort geworden. Man verbindet es mit Krankheit und persönlicher Schuld. Dick sein bedeutet: versagen. Als gefährdet gelten alle, die nicht eindeutig schlank sind. Um wirkungsvoll zu alarmieren, werden aber vor allem die gezeigt, die extrem dick sind. Sie sollen die Dringlichkeit deutlich machen, sie werden zur Abschreckung benutzt. Dick sein gilt als gefährlich. Eine sichere Prognose, ob Fett wirklich krank macht und wenn ja, wen, wann und wie, konnte bisher noch niemand liefern. Trotzdem ist es selbstverständlich, dass in jedem Bericht zum Thema die Kosten erwähnt werden, die angeblich dem Gesundheitssystem entstehen. Es wird so immer mehr Wut auf diese Bevölkerungsgruppe gelenkt.

Das Helmholtz-Forschungszentrum in München hat 2007 für eine Studie rund tausend Menschen zufällig ausgewählt. Es wurde unter anderem ermittelt, ob die dickeren Teilnehmer die Krankenkassen teurer zu stehen kommen. Herausgekommen ist, dass ein solcher Zusammenhang nicht besteht. Lediglich Probanden, deren BMI über 35 lag, waren messbar öfter und schwerer krank und kosteten im Vergleich zu Normalgewichtigen mehr als das Doppelte. Es sind jene, die sich im Dicksein verloren haben. Die, auf die man auf der Strasse mit dem Finger zeigt.

Nicht jeder wird überhaupt dick

Ich bin 1,68 Meter gross und trage Kleidergrösse 44. Vor wenigen Jahren hatte ich noch zwei Grössen mehr. Grösse 48. Dafür gibt es in normalen Geschäften keine Kleider mehr. Grösse 44 ist die zweitgrösste Normalgrösse in der Damenkonfektion. Sie gilt schon als «grosse Grösse». Meine Beine sind kräftig, meine Waden stramm, mein Hintern und mein Bauch halten sich die Waage. Mein Gesicht ist weich und das Kinn ein bisschen schwerer, als ich es gerne hätte. Ich laufe mühelos jede Treppe hoch und kann mit flachen Händen und gestreckten Beinen auf den Boden vor mir fassen. Ich bewege mich frei und gerne. Aber ich bin dick, immer gewesen, und nur mit grösster Anstrengung konnte ich mich gelegentlich an den Grenzwert des «Normalgewichts» heranhungern. Lange gehalten habe ich mich dort nie.

Ein Mensch nimmt zu, wenn er mehr isst, als der Körper unmittelbar braucht. Aber nicht jeder wird von der gleichen Menge dick. Nicht jeder wird überhaupt dick. Dicksein ist eine Veranlagung wie Körpergrösse oder Haarfarbe. Seit Anfang der 1970er-Jahre gibt es eine Theorie, die bei jedem Menschen von einem individuellen «Set Point» ausgeht. Das ist eine Art naturgegebenes Gewicht, das im Körper festgelegt ist und willentlich nicht dauerhaft beeinflusst werden kann. Versuche in Schweden haben 2007 neue Beweise für diese Theorie geliefert. Studenten wurden mit Tausenden von zusätzlichen Kalorien am Tag geradezu gemästet, während sie sich kaum körperlich betätigen durften. Nach Erwartung der Skeptiker hätten sie dadurch alle massiv an Gewicht zulegen müssen. Aber das war nicht der Fall. Nur ein Teil der Probanden hat wie erwartet zugenommen. Ein anderer Teil hat auch bei fast doppelter täglicher Kalorienzufuhr sein normales, eher niedriges Gewicht gehalten.

«Dick» gleich «faul»

Wissenschaftlerinnen der Universität Yale befragten im Frühjahr 2006 im Internet 4283 Personen, welche charakterlichen Eigenschaften mit der Figur eines Menschen in Verbindung gebracht werden. Sie befragten Menschen aller Gewichtsklassen, und alle hatten erhebliche Vorurteile gegen Übergewichtige. Am stärksten brachten sie die Attribute «faul» und «schlecht» mit Dicken in Verbindung, gefolgt von «unattraktiv» und «sozial unerwünscht». Die negativen Erwartungen waren stärker, je schlanker die befragten Personen waren. Frauen wie mich sehe ich nie in Zeitschriften. Models tragen Grösse 32 bis 34. Ab 38 gilt eine Grösse in einer Modeproduktion als «plus size», als Übergrösse. Einige Frauenzeitschriften bringen manchmal Modestrecken mit Models, die Grösse 40 oder 42 tragen. Diese Bilder sagen immer das Gleiche: Auch mollige Frauen können gut aussehen, wenn sie nur ihre ärgsten Mängel geschickt genug verstecken. In solchen Geschichten heisst «dick» immer «mollig». Und es geht immer darum, Pölsterchen zu kaschieren.

Wenn ich in Zeitschriften Bilder dickerer Frauen sehe, die gut aussehen, kann ich nicht anders, als mich daran zu weiden. Wenn ich solche Bilder sehe, fühle ich mich sofort besser. Man ist mit so wenig zufrieden, um sich selbst in einem Spiegel wiederzufinden. Es ist kein Wunder, dass einem die eigene Figur immer bloss als temporärer Zustand erscheint. Man sieht so wenige positive Bilder. Man kann nie eine stabile Vorstellung von sich selbst entwickeln. Und irgendwo im Kopf lebt immer diese Hoffnung fort, irgendwann doch noch schlank zu werden.

Brutal zu sich sein?

Wer heute in unserer Gesellschaft etwas auf sich hält, nutzt den Tag, um sich, sein Leben und seinen Körper so weit wie möglich zu optimieren. Wofür genau, das könnten wir nicht sagen. Behelfsmässig haben wir uns auf Begriffe wie «Glück» und «Gesundheit» geeinigt. Der Wunsch nach einem schlanken Körper wird in der geltenden Fitnessideologie ganz selbstverständlich als Bestandteil der menschlichen Seele behauptet. Als guter Dicker gilt, wer bereit ist, seinen Lebensstil zu verändern. Wer dick ist, muss ein anderer Mensch werden wollen. Er muss möglichst brutal zu sich selbst sein. Das ist der Grund, warum es nicht funktioniert. Menschen haben keinen Vorteil davon, wenn sie so brutal wie möglich zu sich selbst sind. Es macht sie auf Dauer krank. (Berner Zeitung)

Erstellt: 22.02.2012, 12:46 Uhr

73

Kommentar schreiben

Verbleibende Anzahl Zeichen:

No connection to facebook possible. Please try again. There was a problem while transmitting your comment. Please try again.

73 Kommentare

Daniel Gfeller

22.02.2012, 16:03 Uhr
Melden 105 Empfehlung

Erstaunlicher Artikel. Erstaunlich deshalb, weil alle anderen schuld sein sollen an der Figur der Autorin. Und geschmückt mit Entschuldigungen und Erklärungen für das Dicksein. Es gibt Menschen die können mehr essen ohne zuzunehmen. Es gibt auch Autos die viel Benzin brauchen. Deswegen kommt aber niemand auf die Idee 100 Liter Benzin in seinen Smart oder Fiat 500 zu füllen. Eat what you need. Antworten


stefano rodriguez

22.02.2012, 17:31 Uhr
Melden 82 Empfehlung

Ich habe noch NIE einen Menschen gsehen der bei gesunder Ernährung und genügend Bewegung nicht abnimmt. Einfach nicht mehr Kalorien zuführen als verbrennt werden! Und jetzt sagen alle Dicken wieder das sei arrogant..das sind einfach die Fakten, Freunde der Sonne Antworten



Leben

Populär auf Facebook Privatsphäre

Immobilien

Marktplatz
Wohnung/Haus suchen

Weitere Immo-Links
homegate TV
Hypotheken vergleichen
Umzug
Immobilie inserieren
Inserat erfassen
Grillsaison
homegate Besser grillieren mit unseren Experten-Tipps Mehr

In Partnerschaft mit:

Homegate

DIE AGENDA

Informieren Sie sich über aktuelle Kulturveranstaltungen in der Stadt und Umgebung.

Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Online-Wettbewerb

Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!

Remund führend in Werbetechnik

Kein Wunsch zu aufwendig, kein Format zu gross - Remund Werbetechnik löst jede Aufgabe mit modernster Technik.