«Jugendliche brauchen starke Väter»

Gewaltberater Martin Schmid über die schreckliche Tat in München und schwierige Jugendliche.

Martin Schmid: Einziger Gewaltberater im Kanton Solothurn.

Anita Zulauf

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Drei Jugendliche schlagen in München einen Mann fast zu Tode und verprügeln weitere Menschen. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie so etwas hören, Herr Schmid?
Der erste Gedanke ist bei den Opfern. Das Leid, das Unfassbare, steht im Vordergrund.

Und der zweite?
Da geht es für mich darum, was diese jungen Menschen getrieben, was sie so weit gebracht hat. Meines Wissens geschah das bei einer Schulabschlussreise. Plagte die jungen Leute Zukunftsangst, wissen sie, wies weiter geht im Leben?

Aus Zukunftsangst einen Menschen fast zu Tode prügeln?
Es sind verschiedene Faktoren, die zusammenkommen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Jugendliche, die Gewalt ausüben, grosse Ängste haben. Sie fühlen sich minderwertig, erleben oft selber Gewalt, werden von anderen Jugendlichen ausgegrenzt, missachtet, klein gemacht. Es sind Schmerzen, die irgendwo weh tun. Und um die loszuwerden, fügen sie anderen Schmerzen zu.

Zeigen die Täter darum oft nach der Tat keine Reue?
Genau. Und es ist auch eine Art Selbstschutz. Sie wissen natürlich, dass sie etwas Schlimmes getan haben. Und mit dieser Tat werden sie ein Leben lang leben müssen, mit den Bildern, die garantiert wieder kommen. Der Spass an der Gewalt ist ja nur vordergründig. In sich drin ist die Trauer gross, vor allem um sich selber.

Also alles nur arme Kerle? Den Leuten fehlt mittlerweile jegliches Verständnis für solche brutale Taten. Machen Sie hier nicht schlicht die Täter zu Opfer?
Nein. So ist das nicht gemeint. Wer Gewalt ausübt, macht sich immer schuldig. Denn wer sich für Gewalt entscheidet, kann sich auch dagegen entscheiden.

Man hat jedoch den Eindruck, als hätten die Jugendlichen Spass und Lust am Quälen.
Ich denke nicht, dass sie es aus Spass tun. Wie gesagt, es sind oft verschiedene Faktoren, die da mitwirken. Es ist ein Gefühl, nichts Wert zu sein. Sie haben kein Gefühl für sich selber. Kommen dann Alkohol und Drogen dazu, kann dies zu Enthemmungen führen.

Welchen Einfluss hat Gewalt im Elternhaus?
Es heisst, wer Gewalt als Kind erlebt, übt später auch Gewalt aus. Das stimmt aber nur bedingt. Es gibt auch Menschen, die gerade weil sie Gewalt erlebten und wissen, was das bedeutet, eben nie Gewalt anwenden würden.

Zu Ihnen kommen Jugendliche und Männer freiwillig. Bleiben wir erst mal bei den Jugendlichen. Warum kommen die?
Sie kommen, weil sie ausrasten, zuschlagen. Das erschreckt sie selber und sie haben Angst, wieder Gewalt auszuüben, bis eine Situation eskaliert. Da ist zum Beispiel einer, der seine Geschwister und seine Mutter schlägt. Ein anderer hat mal jemandem den Kopf so lange in einen Brunnen gedrückt, dass der fast gestorben ist. Er hat nun Angst, dass er wirklich mal jemanden umbringen könnte.

Wie sieht eine erste Beratungsstunde bei Ihnen aus?
Ich benenne meine «Klienten» ganz klar als Täter, da wird nicht um den heissen Brei geredet. Denn alle, die kommen, die waren schon gewalttätig, nur mussten sie sich bisher noch nicht vor Gericht verantworten. Dann beginnen wir mit der Arbeit und zwar über den Körper.

Konkret?
Sie lernen ihr eigenen Gefühle kennen. Zum Beispiel: Ich frage, wo sitzt die Wut. Was geschieht jetzt mit dir, was spürst du? Was spürst du, bevor du zuschlägst? Wo ist der Druck jetzt? Wann entscheidest du dich, zuzuschlagen? Was fühlst du, wenn du geschlagen hast. Was kannst du stattdessen tun? Ich will ihnen zeigen, dass es immer auch den anderen Weg gibt. Steh gerade hin, Brust raus, sei stark, du bist wer, du bist du, und du bist wichtig. Du hast Gefühle, lass sie raus, aber nicht mit Gewalt. Männer meinen noch immer, dass sie harte Kerle sein müssen, ein Indianer kennt keinen Schmerz, das gilt ja immer noch heutzutage.

Ein ganz abgegriffenes Klischee.
Ganz und gar nicht, es wird ja eher noch schlimmer. Schauen Sie doch das Machogehabe dieser Knaben an. Ein cooler Typ, der ist nicht verunsichert, der hat doch keine Angst vor der Zukunft, der fühlt sich nicht minderwertig und selbstverständlich weint der nicht. Trauer? Tränen? Einsamkeit? Gibts nicht. Wir sind harte Macker, ganz klar.

Und wenn Gefühle gezeigt werden dürfen, soll Gewalt verschwinden?
Ja, ich denke schon, dass ein grosser Teil des Drucks weg sein dürfte.

Was ist zu tun, damit in Jugendlichen die Gewaltbereitschaft erst gar nicht aufkommt?
Es ist nicht neu, was ich jetzt sage, aber es ist halt einfach so: Buben brauchen Vorbilder, starke Väter, die da sind, an denen sie sich reiben können. Väter, die Gefühle zeigen, ihnen die Tränen abwischen, die ihre eigenen Unzulänglichkeiten nicht verbergen. Väter aber auch, die hart streiten, die mal laut werden, auf den Tisch hauen, ihre eigenen Agressionen rauslassen, ihre Wut zeigen und dass sie jetzt gerade alles Mist finden.

Das ist aber auch gewalttätig.
Nein. Man muss unterschieden zwischen Aggressionen und Gewalt. Aggressionen sind da, das ist normal, jeder hat sie, aber Männer leben sie anders aus. Und dass sie sie ausleben, aber weder verbal noch körperlich Gewalt anwenden, das zu erleben ist wichtig für Knaben.

Das können Frauen aber auch.
Aber auf eine andere Weise. Frauen sind nun mal keine Männer. Basta. Buben wollen nicht alles lang und breit zerreden.

Für Sie ist also Jugendgewalt primär ein Problem, das durch emotionale Defizite entsteht. Was sagen Sie zu Gewaltspielen und -videos?
Das kann natürlich ein Teilaspekt sein, ist aber nicht das Grundproblem. Viele Jugendliche konsumieren solche Sachen und werden nie gewalttätig.

Und was sagen Sie dazu, dass Gewalt auch ein Ausländerproblem ist?
Das kann ich genauso nicht unterschreiben. Es ist wie gesagt eher ein Machoproblem, das ist bei Ausländern ja noch typischer.

In Ihre Beratung kommen auch Männer, die ihre Frauen oder Kinder schlagen. Kommen die auch freiwillig?
Mehr oder weniger. Die meisten kommen, wenn die Frau droht, dass sie ihn verlässt oder wenn sie schon gegangen ist.

Warum schlagen Männer ihre Frauen?
Im Prinzip ist es ähnlich wie bei den Jugendlichen. Männer, die schlagen, haben nicht gelernt, wie man mit Konflikten umgeht, mit Frustrationen, fühlen sich durch Kritik persönlich angegriffen, kommen sich klein und kleingemacht vor, schwach, erniedrigt. Das Zuschlagen ist ein Machtgebaren, das aber meist gleich danach jämmerlich in sich zusammenfällt.

Wie arbeiten Sie mit diesen Männern?
Wie und vor allem wann kann man aus dieser Spirale ausbrechen. Was kann man tun, wenn die Spannung zu hoch wird. Dass es wichtig ist, sich dann aus dem Konfliktzentrum zu entfernen, zwei Stunden raus geht. Und danach miteinander über das Geschehene spricht, das ist sehr wichtig. Denn Konflikte müssen ausgetragen werden, aber ohne Gewalt.

Martin Schmid (51) ist Sozialpädagoge, Gewaltberater und -pädagoge. Männer und männliche Jugendliche, die Hife suchen, können sich www.gewaltberatung.ch oder unter Tel. 079 527 39 30 wenden. Schmid wohnt in Hessigkofen, ist verheiratet und Vater von zwei Söhnen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 13.07.2009, 12:31 Uhr

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