Journalist gewinnt Preis – und verliert ihn gleich wieder
Von Martin Ebel. Aktualisiert am 11.05.2011 10 Kommentare
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René Pfister strahlt. Sogar die schwarze Fliege strahlt. Der 37-jährige Redaktor des «Spiegels» hat soeben den angesehenen Henri-Nannen-Preis erhalten, in der Sparte Reportage, für ein Porträt des bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer. Ein Höhepunkt in einem Reporterleben. Stolz drückt er den Preis, eine Büste des Preisstifters, Bronze, zerknittertes Gesicht, an sich. Dann fragt ihn die launige Moderatorin Katrin Bauerfeind, wie er es denn geschafft habe, in Seehofers Keller zu kommen. Dort steht, wie Pfisters Reportage anschaulich schildert, eine Modelleisenbahn, mit der der Politiker sein Leben nachspielt. Pfister antwortet locker und selbstbewusst, und das Hamburger Schauspielhaus erstarrt: Er sei gar nicht dort gewesen. Seehofer habe ihm bloss davon erzählt, und auch Kollegen, die die Eisenbahn gesehen haben, hätten die Fakten bestätigt.
Szenischer Einstieg
Pfister hat etwas gemacht, was im Journalismus nicht selten vorkommt (auch dieser Text hat ja so angefangen, aus Demonstrationsgründen): Er hat Fakten, gesicherte, aber aus zweiter Hand stammende Fakten, so aufbereitet, dass es wirkt, als sei er selber dabei gewesen. Auch wir waren nicht bei der Preisverleihung, der «szenische Einstieg» behauptet das auch nicht, suggeriert es aber mit sprachlichen Mitteln und erzeugt so für den Leser eine «authentische» Nähe. Es ist nicht verwerflich, was Pfister gemacht hat. Aber vorbildlich ist es auch nicht. Die beste, die preisgekrönte Reportage eines Jahres sollte aber vorbildlich sein. Das fand die Jury in ihrer Mehrheit dann auch. Und sie fand sich, am Montag, drei Tage nach der Preisverleihung, zu einer Telefonkonferenz zusammen, bei der die Entscheidung fiel, Pfister den Preis wieder abzuerkennen. Wir waren nicht dabei, haben aber aus dem «Hamburger Abendblatt» erfahren können, dass sich hochkarätige Chefjournalisten gegen die Aberkennung ausgesprochen haben sollen – Kurt Kister, Chefredaktor der «Süddeutschen», oder FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher. Sie blieben aber in der Minderheit. In der Jury sassen unter anderem Giovanni di Lorenzo («Die Zeit»), Helmut Markwort («Focus») und Andreas Petzold («Stern»). Sie gehörten offenbar zum stärkeren Lager mit der Meinung, der Leser habe nicht nur Anspruch auf harte, solide recherchierte Tatsachen, sondern auch auf eine klare Trennung, und zwar auch in der Darstellungsform, zwischen eigenen Eindrücken und gesammeltem Hintergrundwissen.
Verrat am Journalismus?
Im «Hamburger Abendblatt» hatte sich Stefanie Nannen, die Enkelin des «Stern»-Gründers und Preisstifters, über die Auszeichnung für Pfister empört: «Pfisters Text ist ein Betrug an der Wahrheit, ist Verrat dessen, woran Journalisten mindestens zu glauben vorgeben.» Der «Spiegel», der in einer Erklärung seinem Redaktor beispringt, sieht es ganz anders. «Szenische Rekonstruktionen» – wie er den suggestiven Eisenbahn-Einstieg nennt – seien üblich, sogar bei preisgekrönten Texten. «Jede Reportage besteht nicht nur aus Erlebtem, sondern auch aus Erfragtem und Gelesenem.» Wohl wahr. Aber zu wissen, was erlebt, was erfragt, was angelesen ist: Hat das Lesepublikum darauf nicht einen Anspruch? Pfister ist ein angesehener Journalist, weit entfernt von einem echten Betrüger wie Tom Kummer. Er hat die Modelleisenbahnszene gebraucht, weil er daraus ein ganzes Politiker-Psychogramm ableiten zu können meinte: die Mischung aus Spieltrieb und Herrschsucht. Aber musste der Komplex unbedingt szenisch daherkommen? Erhöht es die Plausibilität der These für den Leser, wenn er gleichsam dabei zu sein meint? Das war offenbar die Versuchung, und der hat er zu leicht nachgegeben, was erst zur Auszeichnung, dann zur Blamage führte. Für den Journalismus ist das gut. Im Alltag, wo Produktionsdruck und Hetze dominieren, wird schon genug gepfistert. Da schadet es nichts, wenn wenigstens bei Preistexten an klaren Kriterien festgehalten wird. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 10.05.2011, 22:06 Uhr
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10 Kommentare
Im Dienste einer frischen, lesefreundlichen Berichterstattung in einem Informationsmedium wie dem Spiegel würde ich dafür plädieren, es dem Leser selbst anheim zu stellen, wie ernst und faktenbasiert er das, was er liest, selbst einschätzt! Antworten
Ein weiser Entscheid. Bin auch der Meinung, dass der Journalismus eh zusehens verludert. Umso wichtiger ist es, dass ausgzeichnete Texte nach knallharten, altbewährten Kriterien ausgewählt werden. Wenn ich unterhalten werden will, kann ich ein gescheites, sprachlich von mir aus durchaus "abenteuerlcihes" Buch lesen. Antworten
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