Im Trainingslager beim Yogalehrer
Von Ulrike Hark. Aktualisiert am 30.04.2010 2 Kommentare
Ermuntert seine Schüler, ihr eigenes Yoga zu finden: Baron Baptiste. (Doris Fanconi)
Wie bestreitet ein international bekannter Yogalehrer, Autor vieler Bücher und Coach etlicher Promis einen Workshop, an dem bunt gemischt Greenhörner und Routiniers teilnehmen? Er verbreitet erstens ein wohliges Wir-Gefühl, schliesslich soll so ein Workshop auch gute Stimmung verbreiten. Er zieht zweitens die stramme «Bootcamp»-Methode auf (so nennt Baptiste insbesondere seine mehrtägigen Exerzitien) und gibt den Meister-Peiniger durch. Er verteilt drittens und letztens verbale Salbe auf die schmerzenden Muskeln mit erlösenden Begriffen und positiven Bildern.
Dazu sieht Baron Baptiste noch aus wie Harry Belafonte selig, und er ist gut drauf – ein charmanter Peiniger aus San Francisco, der vorne im Saal steht, stets mit einem kleinen Dreieckstuch auf dem Kopf, was ihm einen Karibik-Touch gibt. So ganz glauben wir noch nicht, dass Schmerzen bevorstehen. Seine Fans sitzen wie aufgereckte Erdmännchen auf ihren Yogamatten, rund 80 Frauen zwischen 20 und 60 sowie einige wenige Männer, die sich in die Frauendomäne getraut haben. Wir sind im Leela Yoga Studio in Zürich Riesbach, das zum zweiteiligen Workshop eingeladen hat. 160 Franken kosten die beiden Abende, und man ist gespannt auf den Guru, von dem Milena Moser in ihrem Buch «Schlampenyoga» sagt, er gehöre zu den besten Lehrern der USA. Doch zunächst kommen wir uns vor wie in einer Fragerunde der anonymen Alkoholiker.
1. Das Wir-Gefühl
Die Runde soll eingeschworen werden. Baptiste strahlt uns an, fast kindlich, unschuldig. Das wirkt gruppendynamisch versöhnlich, schliesslich kennen sich die wenigsten hier, und er fragt: «Wo kommt ihr her?» «Ah, aus Zürich, good! Eine herrliche Stadt!» «Wie heisst du?» «Aha, Peter, good!» «Warum machst du Yoga, Peter, was gibt es dir?» Peter weiss nicht so recht, er ist zum ersten Mal im Yoga, und Baptiste verspricht ihm, dies werde der beste Tag seines Lebens – «du wirst ihn morgen noch spüren!»
Eine Dame, ganz in Weiss, ist besonders eifrig im Antworten und bemüht sich um den perfekten amerikanischen Akzent. Die Fans wollen Eindruck machen. Begriffe wie Energiefluss, eigene Mitte, körperliche und mentale Kräftigung schwirren durch den Raum – alte Bekannte sozusagen, wir mitten uns ein auf den gemeinsamen Nenner, der Vinyasa Yoga heisst, Baptistes athletisch geprägte Spielart der alten indischen Lehre.
Eine Blondine holt die Theorie auf den Boden und meint ehrlich: «Im Yoga muss ich mal keine Verantwortung übernehmen, nicht für meinen Mann und nicht für meine Kinder; das mache ich nur für mich.» Auch eine gute Antwort, findet Baptiste, der sich nun selber in einen sprachlichen Flow hineinredet und von seiner Yoga-Leidenschaft erzählt, seinen gloriosen Eltern, die den Kaliforniern in den 50er-Jahren Yoga beigebracht haben, seinem phänomenalen Meister-Schüler-Verhältnis zu einem noch glorioseren Lehrer, seinen Studios in Boston und weltweit. Etwas viel Eigenlob und etwas gar länglich, denke ich. Sympathisch hingegen, dass er immer wieder von «Adaptation» redet, wir sollen unser eigenes Yoga finden, es anpassen an unsere persönlichen Bedürfnisse.
2. Das «Bootcamp»
Immer easy – aber im Schweisse deines Angesichts! Nach dem verbalen Vorgeplänkel erwarten wir strenge Erziehung. Unser «Camp» ist eng, bei über 80 Leuten: 10 Zentimeter Abstand von Matte zu Matte, aber wir sind ja Family. Man geht in den «Hund», der ist noch schön gemütlich, aber dann das «Krokodil» (Liegestütz) und die giftige «Kobra». Geschafft, wo ist die Wasserflasche? Neben mir sehe ich hoch aufgereckte Hinterteile (schon wieder im «Hund»?) und verdrehte Arme («Krieger»?), während ich noch «Krokodil» bin.
Dann die Morgengrüsse. Baptiste peitscht ein. Es sind so viele Grüsse, dass bei mir nach 5 Minuten schon wieder Sonnenuntergang ist. Aber es ist ohnehin völlig egal, ob die Sonne scheint, oder nicht – es tut weeeh! «Spürt ihr ihn? Der Flow geht durch euch hindurch!», ruft Baptiste begeistert, und ich frage mich, wer ihn wohl spürt. Das «Flugzeug» sieht bei einigen aus wie ein Grounding, und so mancher «Baum» ist nicht gerade gewachsen. Meiner hat keine Wurzeln, und ich falle um. Es will kein Ende nehmen, eineinhalb Stunden geht das im Affentempo ohne Pause – Krieger 1, Krieger 2, Adler, Kobra, Krokodil und wieder von vorn – bald haben wir den ganzen Zoo durch. Kein Wunder, sieht Helen Hunt in ihren Filmen manchmal müde aus, wenn das so zugeht.
3. Die Erlösung
Die T-Shirts färben sich auf dem Rücken dunkel, es wird gegrochst und gestöhnt, und die Luft in der Lunge wird knapp. Der zweite Abend sollte noch schlimmer werden, 2 Stunden ohne Unterbruch! Nur einer ist immer obenauf: Baptiste. Der spaziert durch die erledigten Reihen und sieht aus, als wolle er zum Surfen. Kann der Mann auch mal was machen? Ausser befehlen? «Locker! Lächeln!»
Dann ausruhen, aber nur kurz. «Haaammm», raunen nun alle, das ist wie Ferien, nur schöner. Einige machen bereits geistig Ferien, liegen in der Kinderposition oder sitzen am Rand, haben Angst, dass sie sich bei den exzessiven Exerzitien verletzen könnten. Baptiste murmelt Erlösungsformeln, ewige Werte: «Schönheit!», «Sonne!», «Freiheit!», «Haaammm!». Im breiten kalifornischen Akzent tönt das natürlich eingängiger, Brightness macht sich besser als Helligkeit.
Draussen ist es jetzt dunkel geworden, die Erlösung naht – der wahre Flow. Nie war der Vollmond schöner. Beseelt sind einige, aber müde sind alle. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 29.04.2010, 20:27 Uhr
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2 Kommentare
Ich konnte leider nur am zweiten Abend teilnehmen und es war die drei einhalb Stunde Anfahrt aus Bayern wert. Baron ist so motivierend und ich hoffe ich kann meine Yogaschüler so ermutigen und sie über ihre Grenzen führen, wenn sie es wollen, so wie er. Ein sympatischer, relaxter Mensch! Hoffentlich kann ich das nächste Mal, das Ganze mit einem Urlaub in der Schweiz verbinden. Antworten
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