Porno-Sucht – Geschichte eines Abhängigen

Daniel hat einen ständigen Begleiter: Angst. Es ist die Angst vor einem Rückfall. Wie schnell er dem Sog von früher verfallen kann, hat er vor ein paar Monaten erlebt.

Zu viele Bilder, zu wenig Realität: Die Gier nach Pornos kann zu Depressionen, Aggressionen und sexuellen Störungen führen. Foto: Philip Gate (Plainpicture)

Zu viele Bilder, zu wenig Realität: Die Gier nach Pornos kann zu Depressionen, Aggressionen und sexuellen Störungen führen. Foto: Philip Gate (Plainpicture)

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Daniel war im Internet auf der Suche nach einer Fussballhose. Der Herbst war warm, Daniel hatte sich vorgenommen, wieder regelmässiger zu kicken, mit Freunden sein. Der Vorsatz war Teil eines grösseren Plans. Daniel gab bei Google ein paar Wörter ein. Eine kurze schwarze Hose sollte es sein. Plötzlich: Werbung auf dem Schirm, Männer in Shorts und Badehosen und Frauen in Bikinis. Daniel schafft es nicht, die Bilder zu ignorieren. Er klickt auf die Bikinifrauen. Sie bringen ihn aus dem Gleichgewicht, das er sich mühsam geschaffen hat, mithilfe einer Therapeutin und einer Internetsite, auf die er gestossen war, als er die Wörter «Porno» und «Sucht» gegoogelt hatte. Soll ich? Einen Klick ist er jetzt entfernt von seiner Vergangenheit.

Gross, blonde Locken, blaue Augen, dunkelblauer Rollkragenpullover, das ist Daniel. Wenn er zum ersten Mal vor einem steht, könnte man ihn für ein Model halten. Das Abitur hat er im vergangenen Jahr geschafft, mit viel Nachhilfe. Er jobbt jetzt in einem Café. Nach Australien will er, reisen und surfen. Und vergessen, das auch.

In den letzten Jahren hatte er sich in seinem Zimmer verkrochen, Internetpornos angeschaut und dazu onaniert. Manchmal, sagt er, «hab ichs dreimal am Tag gemacht». Erst beim dritten Treffen benutzt er das Wort «runterholen». Seine Therapeutin hat gesagt, er solle stolz sein, dass er den Teufelskreis durchbrochen habe. Statt Stolz empfindet Daniel, aber manchmal noch Scham.

Schon immer waren heranreifende Jugendliche besonders empfänglich für Sexbilder. Schon immer wollten sie herausfinden, was man beim Sex machen kann und vor allem: wie. Generationen Heranwachsender haben ihren Informationshunger mit «Bravo» und «Playboy» gestillt oder erste Erfahrungen einfach selbst gesammelt.

Bildstrecke – «Playboy» war früher:

Heute dagegen schauen sich schon Zwölfjährige im Internet Pornofilme an und masturbieren dazu. Etwa 40 Prozent aller 11- bis 13-Jährigen haben schon einmal pornografische Bilder und Filme angesehen. Sie schicken sich Sexfilme weiter, in denen es Menschen mit Tieren treiben oder der Schüler mit sich selbst oder eine Frau mit fünf Männern. Was macht das mit den Jugendlichen? Der Berliner Sexualwissenschaftler Klaus Beier sagt: «Es wäre naiv zu glauben, dass das Betrachten von Pornofilmen keine Spuren hinterlässt. Die Handlungen darin werden im Gehirn kopiert und abgespeichert.»

Beim realen Sex versagt

Der erste Kontakt zu Daniel erfolgt über eine deutsche Pornosuchtsite im Netz. Der Teufelskreis liegt da schon eine Weile zurück. Junge Männer schreiben auf der Site von ihrer Verzweiflung, dass sie Tag und Nacht Pornoseiten besuchen, bei realem Sex mit realen Personen aber versagen. Männer beichten von kriselnden Beziehungen, weil sie nur vor Pornos Erektionen haben, aber nicht mehr mit der eigenen Freundin. Unter den Bekenntnissen springen Daniels Sätze ins Auge. «Ich scheine eine sehr souveräne Aussenwirkung zu haben», schreibt er selbstreflektiert, «die ich selber jedoch nicht mit meiner inneren Gefühlslage vereinbaren kann. ­Attraktiven Frauen begegne ich schüchtern.»

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Daniels Gefühlswelt wird damals vom Verlangen bestimmt, Pornos zu sehen. Wenn seine Freunde nach der Schule kicken, geht er nach Hause und wirft den Computer an. Wenn sich seine Mitschüler zum Schwimmen oder fürs Kino verabreden, winkt er ab. Seine Mutter sagt: «Geh doch mal raus!» Daniel sagt: «Du nervst.» Die Eltern glauben bis heute, dass ihr Sohn in einer Computerspielwelt abgetaucht war.

Daniel landet auf immer härteren Pornoseiten. «Die normalen», sagt er heute, «haben mich irgendwann nicht mehr angetörnt.» Jahrelang geht das so. Pornos reinziehen, masturbieren, schlechtes Gewissen haben, das mit neuen Pornos betäubt wird. Mit 15 beginnt er zu kiffen. Bald stellt er fest, dass Marihuana seine Laune hebt.

«Daniel, was ist los?» Seine Eltern, beide Lehrer, finden keinen Zugang zu ihm. Sie schicken ihm eine vorsichtig formulierte Mail. Dass sie selbst als Jugendliche schlecht drauf gewesen seien. Dass sie sich damals gewünscht hätten, jemand möge sie verstehen. Die Mail enthält Links, die zu Websites führen von Jugendtherapeuten.

Daniel sagt einen Satz, der lange nachhallt: «Ich habe wie in einem Keller gelebt.» Sexualwissenschaftler, Erzieher, Lehrer und Eltern sprechen von einer «Generation Porno» — einer mit Sexfilmen aufgeladenen Generation, die vor dem ersten eigenen Mal weiss, was Gang Bang bedeutet. Einer Generation, der durch Pornofilme suggeriert wird: Der Penis muss riesig sein, und Frauen «sind lustgesteuerte Wesen, die gar nicht genug bekommen können an Penetration und Spermamengen».

So formuliert es der Sexualwissenschaftler Klaus Beier. Beier leitet das Institut für Sexualmedizin und Sexualwissenschaft an der Charité, dem Berliner Universitätsspital. Er ist Pädophilie-Experte und Psychoanalytiker. Er redet ruhig, sachlich. Er strahlt aus: Nichts kann mich irritieren. Etwas irritiert ist er aber doch. Unser Zeitalter sei einmalig, weil komplette Generationen heranwachsen, die weit vor ersten eigenen sexuellen Erfahrungen härteste Sexfilme gesehen hätten. Filme, in denen gezeigt werde, wie sexuelle Begegnungen «vermeintlich ablaufen».

Immer mehr junge Männer «mit starkem Pornografiekonsum» suchten seine Praxis auf. Sie berichteten von Beziehungsunfähigkeit und exzessivem Pornokonsum. Manche seien durch diese Filme so sehr auf die sexuelle Funktion fixiert, dass sie Erwartungsängste und als Folge Erektionseinschränkungen entwickelten — beim echten Sex mit echten Partnern. Beier ist überzeugt, dass viele Nutzer von Pornofilmen wüssten, dass die Realität von Intimbeziehungen «ganz anders» sei. Aber es gebe eben auch Jugendliche, die wie Daniel dem Sog der Filme, dem Verlangen nach einem Orgasmus erlegen seien.

Mit zwölf Jahren

Daniel ist zwölf Jahre alt, als er zum ersten Mal in seinem Leben Youporn anklickt, eine der weltweit erfolgreichsten Pornowebsites. Er hat einen Nachmittag abgepasst, an dem er alleine zu Hause ist. Als er die Internetadresse eintippt, «habe ich mein Herz klopfen gehört», erinnert er sich noch heute. Die Adresse hatte er im Jungenklo in der Schule entdeckt. Daneben hatte jemand eine nackte Frau mit gespreizten Beinen gekritzelt.

Erschrocken stellt Daniel den Ton aus. Daniel klickt auf Filme, in denen Frauen Sex haben mit mehreren Männern gleichzeitig. Er kann nicht fassen, was er sieht. Fortan passt Daniel die Momente ab, in denen er die Wohnung für sich alleine hat. Schnell steigert sich seine Gier nach neuen Bildern und Filmen. Seine Erregungen enden wie alle Pornos: mit einem Orgasmus. Stunden verbringt er vor dem Computer, seine Laune verschlechtert sich. Je schlechtere Laune er hat, desto «krassere Filme habe ich mir angeschaut».

Klaus Beier ist auf Wochen ausgebucht mit Vorlesungen, Reisen, Therapiesitzungen, und dennoch hat er eine Stunde freigeschaufelt für das Gespräch. Er findet das Thema «sehr, sehr wichtig». Die Pornofilmindustrie sorge «für einen tiefen Einschnitt in unsere Kulturgeschichte». Sexualität sei bislang von einem Herantasten geprägt gewesen. Erfahrungen seien gemacht worden durch «konkrete Erlebnisse mit dem eigenen Körper und einem konkreten Partner». Heute ersetze der Computer diesen konkreten «Partner».

Das hat – auch – physische Folgen. Mehrere neue Studien aus Kalifornien und aus Europa, für die Hunderte Männer unter 40 Jahren befragt worden sind, belegen: Täglicher Pornokonsum kann zu Depressionen, Aggressionen, Konzentrationsstörungen und zu sexuellen Störungen führen. Den Studien zufolge haben Erektionsstörungen bei Männern unter zwanzig Jahren erheblich zugenommen.

Die Internetpornografie, sagt er, «ist ein grosser unethischer Menschenversuch. Mir ist völlig rätselhaft, warum der so ungehindert ablaufen kann.» Was er von der Zukunft erwartet? Er füllt sie auch mit ein bisschen Zuversicht: «Ich hoffe, dass der exzessive Pornokonsum auch wieder abnimmt.» Wie das passieren soll? «Dass immer mehr Menschen die NoFap-Strategien übernehmen.» Das heisst: keine Pornos mehr gucken, nicht mehr onanieren. Klingt einfach, fällt aber vielen schwer.

Als Daniel die Wörter «Porno» und «Sucht» googelt, ist er überrascht, wie viele Internetsites sich mit dem Thema beschäftigen. Er landet bei «NoFap», einem in den USA gestarteten Online-Forum, das dazu aufruft, nicht mehr zu onanieren («fapping» lässt sich mit «wichsen» übersetzen). Und er landet auf einer deutschen Website. Daniel liest von Männern, die es schaffen, einen Monat nicht zu onanieren, und die schreiben: «Endlich bin ich kein Sklave mehr von Pornos!»

Daniel beschliesst, einen Monat lang enthaltsam zu leben. Er kündigt das im Forum der Website an. Er will sich damit selbst «Druck machen». Schon nach ein paar Tagen bemerkt er, «dass ich innerlich echt ruhiger geworden bin». Er hat jetzt plötzlich wieder Raum für andere Gedanken. Er nutzt den Raum und macht einen Termin aus bei einer Therapeutin. Beim ersten Gespräch kommen ihm die Tränen. «Voll peinlich», sagt er heute. Die Therapeutin hatte ihn gefragt, wie es ihm geht.

«Wahnsinnige Zeitverschwendung»

Daniel schaut jetzt keine Pornos mehr an. Wenn er Sex hat, muss er keine Filmszenen bemühen. Er hatte noch ein paar Rückfälle, aber die haben ihn nur darin bestärkt, dass er von Pornos loskommen will. Er ist jetzt 18 Jahre alt. Zum ersten Mal hat er eine richtige Freundin. Die Sperre in seinem Laptop für Pornosites ist noch aktiviert. Sicher ist sicher.

Daniel hat jetzt zwei Pläne. Geld verdienen für seine Reise nach Australien. Mit seiner Freundin hat er verabredet, dass sie ihn besucht. Sein anderer Plan: Anthropologie studieren und Psychologie. «Willst du nicht was Vernünftiges lernen?», hat sein Vater ihn gefragt. Daniel findet, dass das jetzt das Vernünftigste der Welt ist zu erfahren, was den Menschen ausmacht.

Sein letzter Eintrag im Forum ist ein langer Abschiedsbrief. Er schreibt vom Moment, in dem er Youporn entdeckte, von der Einsamkeit, vom Leben im Keller. Aber auch von kleinen Glücksmomenten: «Gleichgesinnte zu finden, das hat mich gerettet!» Er schreibt über die «wahnsinnige Zeitverschwendung» vor dem PC, und «draussen läuft das Leben an mir vorbei». Die gesparte Zeit «fliesst jetzt eins zu eins in meine Beziehung». Den anderen wünscht er «viel Erfolg auf dem Weg in die pornofreie Welt. Es ist machbar!»

Ein paar Wochen später bringen ihn die Bikinimädchen bei der Suche nach einer Fussballhose aus dem Gleichgewicht. Aber auch nur fast. Daniel hat den Computer ausgestellt und ist in die Innenstadt gefahren, die Hose kaufen. Wie früher eben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.03.2017, 13:21 Uhr

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