Leben
Im Paradies gestrandet
Von Amor Ben Hamida. Aktualisiert am 24.04.2012 28 Kommentare
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Amor Ben Hamida ist ein Autor und Kulturvermittler mit tunesischen Wurzeln. Er ist im Kinderdorf Pestalozzi aufgewachsen und lebt seit 40 Jahren in der Schweiz. (Bild: PD)
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Man nennt sie «Harragas»: die meist jungen Tunesier, die in lädierten Barkassen und äusserlich aufgemotzten Fischerbooten das Mittelmeer zu überqueren versuchen, um nach Spanien, Frankreich oder Italien zu gelangen. Der Begriff stammt aus der Zeit, als Europa noch jedem Nordafrikaner ein befristetes Einreisevisum gab und immer mehr Menschen nach Ablauf des Visums in Europa blieben. «Harraga» heisst «Verbrenner», «Durchbrenner». Sie «verbrannten» das Visum nach Ablauf. Heute verbrennen sie ihre Jugend oder sich selbst.
Der Eintritt ins Paradies Europa ist schon vor dem arabischen Frühling schwieriger geworden. Immer öfter wurden die jungen Tunesier wieder nach Hause geschickt. Dort kamen sie mit Schulden an – und erlebten neben der Schande des Scheiterns auch Demütigung, Schläge, Verhöre und Gefängnis. Zumindest von der Gewalt der Behörden glaubte man sich befreit, nachdem Langzeit-Präsident Ben Ali am 14. Januar 2011 um 18 Uhr die Flucht ergriffen hatte. Ob das der Grund war, dass ab jener Stunde halb Tunesien die Auswanderung ins Auge zu fassen schien?
Rettung wie in Hollywood
Zu den Ersten, die nach Ben Ali das Land verliessen, gehört Dao. Der 33-Jährige nahm Ende Januar 2011 die Reise nach Europa in Angriff. Er hatte seine Eltern davon überzeugt, dass er in Frankreich eine bessere Zukunft haben würde. Doch bereits die Überfahrt endete fast im Desaster: «Wenn ich das Boot bei Tage gesehen hätte, wäre ich mit Sicherheit nicht eingestiegen. Es war später Abend und schon dunkel, als wir – 140 Mann – diese Barkasse bestiegen.»
Die italienische Marine rettete die Flüchtlinge nach zwei Tagen und Nächten aus ihrer Not. Dao beschreibt die Retter mit Ehrfurcht. «Es war wie im Hollywood-Film. Sie holten uns aus dem fast sinkenden Boot und brachten uns auf ein Kriegsschiff mit Kanonen.» Von Lampedusa aus wurden sie in ein Zentrum bei Bari gebracht, danach in ein anderes. Sie bekamen Reisepapiere und durften frei reisen. Gratis-Busbillette gab es auch. Aber ein Übersetzer soll ihnen gesagt haben: «Die Italiener hätten euch am liebsten ins Meer geworfen. Ihr seid einfach zu viele.» Es war dann auch ein Italiener, der vier Flüchtlinge für je 400 Euro nach Frankreich schmuggelte.
«Die Italiener hätten euch am liebsten ins Meer geworfen»
Der Mercedes und das Navigationsgerät imponierten Dao. Es kam ihm wie im Film «Transporter» vor: Per Handy prüfte der Fahrer mit einem Komplizen, welcher Grenzübergang am geeignetsten wäre. Er brachte sie nach Lyon. Von dort fuhr Dao nach Paris, dort konnte er sich vom mitgebrachten Geld noch ein Ticket kaufen. Danach blieben ihm 25 Euro. Davon und von Almosen lebte er fast drei Monate lang in Frankreich. Dann sah er ein: Auch Frankreich wollte ihn nicht. Darum beschloss Dao, in die Schweiz zu fahren. Im TGV wurde er aufgegriffen, weil er kein Billett hatte. In Basel hiess man ihn auszusteigen. Den Franzosen, so schien ihm, war es egal, wohin er ging, wenn er nur ihr Land verliess.
«Oh wann kommst du zurück, deine Mutter heult, wann lässt du das italienische Exil hinter dir und kommst unsere Tränen trocknen?», so singt der Barde Lofti al-Werghemi herzzerreissend. Ein Jahr nach der Revolution und nachdem sich über 20'000 Tunesier aus der Heimat verabschiedet haben, hat die Stimmung im Land gekehrt. Die Alten machen den Jungen nun Vorwürfe, dass sie ihr Leben riskiert haben. Viele Daheimgebliebene sind froh, keine abenteuerliche Reise gemacht zu haben.
«Als Asylsuchender wirst du besser behandelt als zu Hause»
Denn die Zurückgekehrten erzählen Horrorgeschichten – und von den in Europa Gestrandeten hört man kaum etwas. Nur wenige schreiben regelmässig und schicken Geld. Es sind vor allem jene, die in Frankreich schwarzarbeiten. Von diesen sind nur noch die Pubertierenden in der Heimat beeindruckt, die gelegentlich – halb im Witz, halb ernst – laut davon träumen, nach Lampedusa zu «brennen». Meistens werden sie mit ein paar Sätzen und Erinnerungen an Ertrunkene zum Schweigen gebracht werden.
«Die Schweizer sind wunderbare Menschen», sagt Dao. «Ein altes Paar liess alles stehen und liegen und half mir, den richtigen Bus zu nehmen. Der Mann bezahlte mir sogar den Bus, damit ich nicht schwarzfahren musste.» Dao ist auch von der Behandlung durch die Schweizer Behörden angetan. «Alle gaben sich Mühe, man drückte mir sogar die Visitenkarte eines Arztes in die Hand. Es war das erste Mal, dass ich eine solche Karte hatte. Als Asylsuchender wirst du besser behandelt als zu Hause!»
Was soll ich in Italien?
Der in Basel Gestrandete staunte über die Organisation: «Sie haben mir mein ganzes Leben aus dem Computer vorgelesen. Seit dem Moment, als ich meinen Fuss auf Lampedusa gesetzt hatte.» Dann kam der Bescheid: «Dublin», sagt Dao. «Ich verstand erst nach langer Erklärung, worum es ging.» Die Schweiz stellte ihn vor die Wahl: zurück nach Italien, wo er sein erstes Gesuch gestellt hatte, oder zurück nach Tunesien. «Meine Mutter hat mir den letzten Zweifel genommen. Was sollte ich in Italien? Oder in Europa überhaupt?» Dao beantragte bei der tunesischen Botschaft in Bern ein «Laisser-passer».
Auch dort war man unerwartet freundlich mit ihm. Der Konsul gab ihm Kaffee und eine Zwanzigernote für die Fotos, die er brauchte. Einige Tage später landete er mit 1000 Dinars (750 Franken) Rückkehrhilfe in Tunis. Der Zollbeamte fragte nach seinem Pass. Er antwortete wohl etwas zu frech, dass er kein Laisser-passer benötigen würde, wenn er einen Pass hätte. «Der Zöllner drückte auf einen Knopf und schon standen zwei Beamte in Zivil vor mir.»
Sie schaufelten das kniehoch stehende Wasser unter Geben, Schreien und Tränen aus dem Boot
Sie befragten ihn, waren aber nicht wie zu Ben Alis Zeiten grob oder gar gewalttätig. Sie sagten ihm nur, sie würden all seine Angaben überprüfen. Wenn er irgendetwas auf dem Kerbholz habe, werde er ins Gefängnis gebracht. Nach einer langen Stunde liessen sie ihn frei. Er konnte nach Hause reisen, 480 Kilometer südlich von Tunis.
Dhaou Ben Bechir erging es ähnlich: Im überfüllten Boot brach eine Achse. Sie schaufelten das kniehoch stehende Wasser unter Gebeten, Schreien und Tränen aus dem Boot. Nach 48 qualvollen Stunden wurden sie von Fischern gerettet, in allerletzter Minute. Dhaou schlug sich ebenfalls nach Frankreich durch. Er schaffte es sogar, Arbeit zu finden. Doch der Tunesier, von dem er als Landsmann Hilfe und Gnade erhoffte, zahlte ihm seine Arbeit von einem Monat und 19 Tagen nicht aus. Ohne Rechte musste er kapitulieren und entschied, wieder nach Hause zu gehen. «Wenn dir nicht einmal Moslems und Araber helfen, wer soll es denn tun?»
Er betont das Wort, als wollte er sagen, sie hätten alles andere als «gelebt»
Er hat kein Asyl beantragt. Aus Angst, er könnte nicht wieder nach Hause. Seinen Pass hat er gut versteckt und nicht – wie andere – ins Mittelmeer geworfen. «Mit meiner schwarzen Haut hätte ich in Paris untertauchen können. Es wimmelt dort von Schwarzen. Aber als ich 10 Tage unter einer Brücke verbringen musste, unter betrunkenen und gewalttätigen Roma, da wusste ich: Ich gehe heim!»
Er reiste mit drei anderen Tunesiern zurück, die drei Jahre lang illegal in Frankreich «gelebt» hatten. Er betont dieses Wort, als wollte er sagen, sie hätten alles andere als «gelebt». Nun arbeitet Dhaou wieder in einem kleinen Metallverarbeitungsbetrieb, schweisst, schneidet, klopft und denkt mit einem Lächeln an Europa zurück. «Ich habe an die Pforte des Paradieses geklopft. Aber es kamen keine Engel heraus.»
Die Flucht als Tsunami
Die Anbieter solcher Horrorfahrten verdienten bis zu 15'000 Franken pro Überfahrt. Und ihnen drohe nur eine Strafe von 15 Tagen Gefängnis. Das sei ein Problem, sagt Noureddine, ein in Deutschland geborener Blogger, der seine Landsleute von der gefährlichen Reise abzuhalten versucht. Sein Freund Rafik Boujnah sagt: «Die Fluchtwelle ist wie ein Tsunami. Sie reisst das Gute und das Schlechte mit: Familienväter, Angestellte, Arbeitslose, Kriminelle. Alles.»
Ein anderer erzählt: Er habe in Ras Jdir an der tunesisch-libyschen Grenze allein an einem Abend 2500 Flüchtlinge aus Libyen gezählt. «Was regen sich die Schweizer über die 2500 Tunesier auf? Auch bei uns wird gestohlen, randaliert und über das Essen gemotzt.»
Es gäbe noch mehr Heimkehrer, wenn sie wüssten, dass sie daheim Arbeit finden und ihre Schulden bezahlen könnten
Die jungen Leute kehrten oft traumatisiert zurück, sagt Faiçal Dchicha. Nicht nur an seiner feinen Brille, sondern auch am perfekten Französisch ist seine akademische Ausbildung zu erkennen. «Die meisten Harragas haben sich ganz spontan, im Freundeskreis entschieden, ein Boot zu nehmen.» Auf das, was sie erwartete, seien sie überhaupt nicht vorbereitet gewesen, sagt Faiçal, der den Zurückkehrenden bei der Reintegration hilft. Finanziell unterstützt wird er vom französischen Migrationsministerium.
Von den 22'000 tunesischen Flüchtlingen seien bisher etwa 2000 zurückgekehrt, so Faiçal. Und es würden noch mehr, wenn sie wüssten, dass sie daheim Arbeit finden und ihre Schulden bezahlen könnten. Wenn es in Tunesien Arbeit für die Jungen gäbe, würden sie das Paradies nicht auf der anderen Seite des Mittelmeers suchen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 23.04.2012, 18:49 Uhr
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28 Kommentare
Wir, in CH und EU müssen uns vorstellen, dass den meisten Tunesier und Moslems von Anfang an eingeredet wird, dass Nichtmoslems Menschen 2ter Klasse sind, also Ungläubige. Die Leute also die nach Europa kommen tragen das in sich, auch wenn die 100x erzählen "das ist nicht so".Es ist also ganz normal uns auszunutzen, wir sind ja "nur Christen".
Leider sehen wir das durch eine andere Brille. Leider!
Antworten
Wenn auch nur 1% das Paradies (sprich Ehefrau mit Schengen Pass) gefunden haben, so ist das für die restlichen 99% Motivation genug wieder zu kommen. Die Rückkehrer sind wohl nur diejenigen, die den Jackpot (sprich Raubüberfall oder Rückkehrhilfe) geknackt haben. Antworten
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