«Ich würde mir eher den kleinen Finger abhacken»
Von Denise Jeitziner. Aktualisiert am 24.07.2010 17 Kommentare
Die zwei Offline-Bücher
Alex Rühle: «Ohne Netz», Klett-Cotta Verlag.
Christoph Koch: «Ich bin dann mal offline», Blanvalet Verlag.
Sie sind so etwas wie Helden, Märtyrer für die Musse: Menschen, die bewusst dem Internet abschwören. Keine Mails, kein Google, kein Wikipedia, kein Youtube, kein Podcast, keine Telefonauskunft, kein Streetview, kein e-Banking, keine Online-Reservation fürs Kino, kein Meteo, keine brandaktuellen News, kein Kontakt zu all den Freunden auf Facebook. Sie entsagen allen Annehmlichkeiten des Web, schliessen sich bewusst aus von der Welt, die scheinbar nur noch online funktioniert.
Zwei neue Bücher und Titelthemen
Dieser Tage kommen gleich zwei Bücher auf den deutschen Lesemarkt, die sich mit der Online-Abstinenz beschäftigen: Alex Rühles Buch «Ohne Netz» erscheint heute, Christoph Kochs «Ich bin dann mal offline» am kommenden Dienstag. Beide durften für eine Weile nicht ins Netz, weder im Büro noch privat, nur Faxen und Telefonieren waren erlaubt.
Kochs Experiment dauerte einen Monat und eine Woche, Rühle fastete ein halbes Jahr, vom 1. Dezember 2009 bis zum 31. Mai 2010. Rühle versprach, «ein Entzugstagebuch zu führen für all die anderen Ottonormaluser, die rund um die Uhr online sind und nicht mehr recht wissen: Liegts am Netz? Liegts an mir? Ist meine Zerstreutheit noch normal? Warum schaue ich eigentlich alle zwei Minuten in meine Mailbox?»
Der Online-Überdruss beschäftigt auch die grossen Zeitungen und Magazine. Die «New York Times» behandelte das Thema im Mai, die aktuelle Titelgeschichte im deutschen «Spiegel» heisst «Ich bin dann mal off» und handelt von der Kunst des Müssiggangs im digitalen Zeitalter. Es häufen sich die Berichte von Personen, die dem Internet für eine Weile abschwören. Der bekannte amerikanische Grafiker James Sturm ging für vier Monate offline und schilderte seine Erfahrungen alle zwei Wochen im Blog «Life Without the Web» auf dem Online-Magazin Slate.com.
60 Prozent lesen Mails im Bett
Doch ist die Hinwendung zum Offline-Leben tatsächlich ein Trend? Oder bloss ein Thema für Journalisten? Immerhin stammen die Selbsttests allesamt von professionellen Schreibern, die des Internets überdrüssig sind oder die es allen beweisen wollen, dass sie – wie es Suchtabhängige gerne zu sagen pflegen – «jederzeit damit aufhören können». Aber lässt sich der Drang, offline zu sein, auch auf all die «Ottonormaluser» ummünzen, für die etwa Alex Rühle sein Buch «Ohne Netz» schreibt?
Immerhin, schreibt der «Spiegel» in seiner aktuellen Ausgabe, lesen 60 Prozent der amerikanischen Besitzer von mobilen E-Mail-Geräten ihre Nachrichten schon morgens im Bett und 37 Prozent während sie am Steuer sitzen. 10 Prozent legen das Gerät über Nacht neben ihr Bett und antworten sofort, wenn es nötig ist. Egal ob morgens um 2 Uhr 33 oder später um 4 Uhr 24.
Smartphones wie das iPhone, das weltweit schon über 50 Millionen Mal verkauft wurde, dürften die Verlockung, ständig online zu sein, noch verstärken. Online sein geht nun überall. Nur kurz schauen, ob jemand gemailt hat, nur rasch die News auf dem Lieblingsportal lesen, nur schnell das Wetter checken für morgen. Nur kurz. Selbst abends im Bett und notfalls auch auf dem Klo. «Wenn ich wählen müsste zwischen Internet wegnehmen und kleinen Finger abhacken, ich würde nicht eine Sekunde zögern», sagt eine Person in Alex Rühles Buch.
Internetzombies machen «Slow Media Diät»
Klingt eher nicht nach einem Trend. Doch die Hinweise häufen sich, dass immer mehr Menschen des ständigen Online-Seins überdrüssig sind. In den USA spricht man von der «Slow Media Diet». Die hat nichts mit Übergewichtigen zu tun, sondern mit Internetjunkies. Diese schwören Twitter, Facebook und E-Mails ab, einige begehen gar digitalen Selbstmord und lassen all ihre Konten bei sozialen Netzwerken löschen, zum Beispiel von Anbietern von www.suicidemachine.org.
Es gibt vermehrt Hotels, die internetfreie Zonen anbieten, je weniger elektronischer Schnickschnack im Zimmer, desto mehr kostet es. Die Nachfrage scheint offenbar da zu sein angesichts des steigenden Angebots. Computer, die nicht viel mehr können als eine Schreibmaschine, sollen die Zukunft sein, vermutet der «Spiegel». Die Firma «Manufactum» habe ein solches Gerät im Angebot und verlange viel Geld dafür.
Unzählige Zuschriften erhielt der Grafiker James Sturm auf seinen «Life Without the Web»-Blog, alle von Leserinnen und Lesern, die sich ebenfalls erdrückt fühlen vom ständigen Web-Fluss. Die Kommentare liessen sie James Sturm nicht online zukommen, dieser war ja schliesslich offline, sondern per Brief. Die meisten davon seien handgeschrieben gewesen und viele dieser Leserbriefschreiberlinge hätten sich erstmal für ihre Handschrift entschuldigt.
Phänomenales Arbeitspensum ohne Internet
Und wie ist es denn nun, offline zu sein? Die Stille und Musse zuzulassen? Der deutsche Journalist Richard Gutjahr hielt es eine Woche lang ohne Internet aus und schrieb danach: «Ich habe das Offline-Leben verlernt, nichts hat funktioniert. Mein Anrufbeantworter war voller Meldungen. Alle waren sauer, weil ich nicht erreichbar war.» James Sturm war anfangs irritiert, dass gar niemand etwas mehr von ihm wissen wollte, fand am Offline-Sein jedoch schnell Gefallen. Vor allem, weil er so viel mehr Zeit und Musse fürs Zeichnen hatte. Nur ein einziges Mal in vier Monaten wurde er für eine halbe Stunde lang schwach. Die Schuld schob er ab auf einen toten Hasen, eine traurige Tochter und ein tröstendes Online-Game. Christoph Koch schreibt von Entzugserscheiungen und «Phantomvibrationen in der Hosentasche».
«Mein Arbeitspensum war phänomenal», schreibt Christoph Koch am Ende seines Buchs und liefert ein paar gute Tipps für den richtigen Umgang mit dem Internet. Pro Woche einen internetfreien Tag einhalten zum Beispiel. Höchstens dreimal am Tag seine E-Mails abrufen und nicht jede gleich beantworten. Und Alex Rühle fragt sich in den letzten Stunden in der Offline-Welt: «Und ich? Würde ich gerne für immer offline bleiben?» und wird ein klein bisschen melancholisch ob all der Dinge, die er in der internetfreien Zeit geniessen konnte. Die Musse. Alle die Offline-Märtyrer sind inzwischen wieder online. Aber anders. Rühle etwa nur noch bei der Arbeit und James Sturm nur noch am Mittwoch.
Fühlen Sie sich auch einem ständigen Online-Drang unterworfen? Könnten Sie eine internetfreie Zeit aushalten? Kommentare bitte unten anbringen. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 23.07.2010, 16:47 Uhr








































































































































